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H.R. Giger – Der Biomechaniker

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Aktuell haben deutsche Fans des Meisters noch die Chance, in den optischen Genuss einer ausführlichen Giger-Retrospektive in der Hamburger Fabrik der Künste zu kommen. Die umfassendste Werkschau mit Originalen gastiert dort noch bis Anfang März. METAL HAMMER war zur eröffnenden Vernissage für euch vor Ort und suchte natürlich auch das Gespräch mit Giger. Der 72-Jährige zeigte sich trotz strapaziöser Anreise aus der Schweiz mit einem Glas Gin in der Hand auskunftsfreudig, was seinen persönlichen Stil, den er selbst als das Biomechanische beschreibt, angeht. „Wie das Wort schon sagt, ist es die Verbindung des Biologischen mit dem Mechanischen“, erklärt Giger. „Mir geht es darum, das Mechanische organisch zu zeigen, wie es sich beim Beobachten von Prozessen und Bewegungen offenbart. Das habe ich zu meinem Stil gemacht. Ich habe hier eine wunderbare Gelegenheit, meine Sachen zu zeigen. Es ist schon lange her, dass ich sie so repräsentativ umfassend ausstellen konnte.“

Von ersten Skizzen für Untergrund-Magazine bis hin zur großen 2005er-‚Necronom-Alien‘-Skulptur ist hier alles vertreten. Doch wie ging für Giger damals alles los? „Als Kind begann ich, Burgen und Schlösser zu zeichnen“, erzählt er. „Was mich aber damals schon sehr faszinierte, waren Geisterbahnen. Wann immer es bei Messen oder auf dem Rummel eine Geisterbahn gab, schaute ich sie mir an. Ich versuchte dann zu Hause, sie in den langen Gängen, die im Haus meiner Eltern waren, nachzubauen. Ich entwarf zusammen mit meinen Freunden Sachen, um damit die Leute zu erschrecken. Ich baute einen kleinen Wagen, und meistens wollten wir Mädchen damit beeindrucken, die wir dann durch unsere Geisterbahn schoben.“ Die Faszination für sexuell Sinnliches in Kombination mit Übersinnlichem war also schon immer Thema und Leitmotiv. Dass der gute Mann von ständigen Alpträumen geplagt ist, die er dann als Inspiration für seine Kunstwerke verwendet, entpuppt sich indes als Küchenpsychologie. „Wenn ich träume, ist das alles eigentlich ziemlich real“, verneint er. „Die Welt, wie ich sie künstlerisch erschaffe, sehe ich in meinen Träumen zumindest nicht. Ich habe vielleicht einige Dinge gesehen, die erotischer Natur waren, aber sonst ist das nicht meine Traumwelt. Ich träume keinen Horror.“

Filmisch visionär gedacht

Ein grundlegendes Interesse für Zukunftsvisionen streitet der Science-Fiction-Fan hingegen nicht ab. „Ich glaube, das interessiert doch uns alle“, meint Giger. „Wir haben immer das Gefühl, es müsse noch so etwas wie andere belebte Welten geben, die wir nur noch nicht gesehen haben. Und ich glaube auch, dass solche Parallelwelten existieren. Nur haben wir noch nicht die nötigen Flugobjekte, um diese zu erreichen, weil die Distanzen einfach noch zu weit sind.“ Dabei gab es den ersten Giger-Außerirdischen schon vor ‚Alien': für den schweizerischen Science-Fiction-Kurzfilm ‚Swiss Made 2069′ (1968) in Zusammenarbeit mit dem Regisseur Fredi M. Murer. „Für diesen Film entwarf ich mein allererstes außerirdisches Wesen“, erinnert sich Giger. „Ich modellierte es in Plastilin, goss es in Gips ab und realisierte es schließlich in Polyester. Dazu kam im Film dann noch ein Panzerdesign für einen Hund. Dem Hund hat das gar nicht gefallen, der wollte sich aus diesem unangenehmen Gefängnis ständig herauswinden, was ich auch verstehen kann. Aber es hat gut ausgeschaut“, lacht der Schöpfer.

Seinen wohl berühmtesten extraterrestrischen (Ent)Wurf landete er allerdings mit ‚Alien‘ (1979): ein Film unter Ridley Scotts Regie, der Giger den Oscar für die besten visuellen Effekte einbrachte. „Ridley Scott kannte von mir, glaube ich, bis dato nur das Plattencover von Emerson Lake & Palmer. Jemand zeigte ihm dann aber mein Buch ‚HR Giger’s Necronomicon‘ (1977). Scott war total begeistert und meinte, dass darin schon alles enthalten sei und man meine Entwürfe glatt so nehmen könne. Es war toll zu wissen, dass ich genau das getroffen hatte, was er sich für seinen Film vorstellte.“ Mag sich Giger mittlerweile als aktiver Künstler auch weitgehend zur Ruhe gesetzt haben, ließ er es sich dennoch nicht nehmen, für das ‚Alien‘-Prequel ‚Prometheus‘, welches abermals unter Scotts Regie noch diesen Sommer in die Kinos kommt, neue Entwürfe einzureichen. „Ich habe vor einem halben Jahr Zeichnungen für ihn angefertigt“, erzählt er. „Aber da ich den Film noch nicht gesehen habe, weiß ich nicht, inwieweit das Verwendung fand. Ich bin gespannt, ob er etwas davon gebrauchen konnte.“ Neben all den Bildern, die in ihrer fantastischen Verschmelzung von Körper- und Maschinenwelten unzählige Sci-Fi-Bildwelten von ‚Alien‘ bis ‚Matrix‘ direkt oder indirekt inspiriert haben, findet sich im Frühwerk des Künstlers auch noch die Verbindung zu weltlicheren Bereichen, wie beispielsweise die 1967er Tuschezeichnung ‚Hells Angels‘ belegt. „Die Hells Angels malte ich schon früh in den Sechzigern. Da stürzen sich wahrhaftige Höllenengel auf eine Motorradgang. Ich hatte damals gute Verbindungen zu den Hells Angels in Zürich“, sagt Giger. „Das waren Freunde von mir. Jetzt habe ich allerdings keinen Kontakt mehr zu ihnen.“

Metal mit der Spritzpistole

Der Kontakt zu musikalischen Rockern und Metal-Bands hatte durchaus länger Bestand: Für die Progger Emerson, Lake & Palmer und deren Album BRAIN SALAD SURGERY entwarf Giger 1972 sein erstes, international berühmtes Gatefold-Klappcover. Seitdem zieren Giger-Bilder zahllose Alben – auch wenn das Gros nicht vom Meister autorisiert ist. „Nur wenige dieser Cover entstanden wirklich auf Auftrag. Die anderen wurden zum Teil geklaut, zum Teil hat man mich auch vorher gefragt. Aber die größte Anzahl wurde geklaut“, schmunzelt Giger gelassen, der von gerichtlichen Auseinandersetzungen wegen der weit über 100 unautorisierten Verwendungen seiner Werke – darunter viele im Death Metal-Genre – heute nicht mehr viel hält. „Ich streite mich nicht. Das bringt nichts. Meistens klauen unentdeckte Underground-Bands, die sowieso kein Geld haben. Und die möchte ich nicht mit so was belasten. Wenn es passiert, dann passiert es halt. Aber es muss wenigstens schön gemacht sein, das war immer das einzige, was mich dabei interessiert hat. Wie wurde etwas genommen und wie ist die Qualität des Ganzen? Wenn mein Bild dann gut hineinpasste, prima. Ansonsten, na ja…“

Seine letzte offizielle Album-Auftragsarbeit entstand 1989 für ATOMIC PLAYBOYS, das Solo-Album von Billy Idol-Gitarrist Steve Stevens. „Ich weiß nicht mehr, wer aus dem Musikerumfeld ankam und mir den direkten Auftrag gab, aber ich finde es heute noch gut gelungen. Das Bild stellt eine Atomexplosion dar, deshalb bröckelt hinten alles weg. Im Vordergrund ist Steve Stevens mit seiner Gitarre in einer Art Porträt dargestellt“, kommentiert Giger. Bezüglich besagter genehmigter Cover-Bilder, die in Absprache mit dem Urheber auf Grundlage eines älteren Originals entstanden sind, gibt es eine knappe handvoll, die jedem Metal-Fan ein bildlicher Begriff sein dürften. Celtic Frosts TO MEGA THERION (1985), mit deren Gitarrist und Sänger Tom Gabriel Fischer Giger seit Jahren eine Freundschaft pflegt, ist eines davon. „Das Bild entstand einfach so aus Freude. Ich arbeitete früher viel mit Steinschleudern als Motiv. Und der Christus ist natürlich als Steinschleudergabel was Besonderes. Das Bild gefällt mir nach wie vor sehr gut“, erklärt Giger sein zum Cover adaptiertes Bild ‚Satan I‘. Danzigs DANZIG III: HOW THE GODS KILL (1992) basiert hingegen auf dem Bild ‚Meister und Margarita‘ von 1976. „Da wurde für das Cover einfach ein Ausschnitt gewählt. Das Bild war ursprünglich hochformatig“, klärt Giger auf. „Bei Plattencovern verstehe ich das immer nicht. Wenn ich den Auftrag bekommen habe, für eine Band ein Albumcover zu machen, begann ich immer mit der quadratischen Grundlage: Hoch- oder Querformat wäre da nie in Frage gekommen. Insofern ist es bei manchen Covern echt seltsam anzuschauen, da die Grundlage ja nie im Cover-Format geplant waren.“

Atrocitys HALLUCINATIONS (1990), für das Gigers ‚Homage To S. Beckett‘ die Basis bildete, bedeutet für den Mann, der später die Airbrush-Technik als hauptsächliches Werkzeug für sich entdeckte, etwas Besonderes. „Das ist eines der wenigen Ölbilder, die ich gemacht habe: Öl auf Holz. Das war aber auch ursprünglich in einem anderen Format und wurde dann für das Cover beschnitten.“ Carcass‘ HEARTWORK (1993) stellt dagegen eine Ausnahme der anderen Art dar: Ursprung dieses Albumbilds ist die 1967 entstandene Skulptur ‚Leben erhalten‘, die Giger 1993 einem eigenen Update unterzogen hat. „Ja, das war eine alte Aluminiumskulptur, die ich überarbeitet habe. Das war auch eine geplante und bewilligte Arbeit“, sagt Giger. 1990 hat der Meister vollständig mit der Malerei aufgehört und arbeitet seitdem verstärkt an Skulpturen. Als wohl berühmteste Zusammenarbeit mit einer Metal-Größe auf diesem gestalterischen Sektor kann sicherlich Gigers Auftragsarbeit für Jonathan Davis gelten: Für den Korn-Sänger entwarf er im Jahre 2000 noch einen wohlgeformten Mikroständer. Denn mehr Metal als Metall geht nicht. „Jonathan hat meinen Prototypen getestet. Er meinte, dass meine originäre Idee, dass der Ständer wieder zurückschnellt, wenn er nach vorne gedrückt wird, live wegen des zusätzlichen Gewichts ein Problem darstellen könnte. Ansonsten war er sehr zufrieden mit meiner Arbeit“, erklärt Giger, der daraufhin entsprechende Modifikationen anfertigte, so dass das Teil bühnentauglich und nicht nur bei Korn-Fans weltberühmt werden sollte.

Mag Herr Giger, der nach eigener Aussage ziemlich faul geworden ist und seine verdiente Freizeit mittlerweile lieber vor dem Fernseher verbringt, heute auch nur noch sehr sporadisch Auftragsarbeiten annehmen, wird uns sein einzigartiges bildnerisches Schaffen in Film- und Musikwelt mit Sicherheit noch lange ins Auge stechen.

www.hrgiger.com

Zur Person: H.R. Giger

Hans Rudolf Giger wurde am 5. Februar 1940 im schweizerischen Chur geboren. Ab 1962 studierte er Architektur und Industriedesign an der Hochschule für Angewandte Kunst in Zürich. In dieser Zeit entstanden erste Tuschezeichnungen und Entwürfe für Untergrund-Magazine. Nach Abschluss des Studiums arbeitete Giger zunächst als Innenarchitekt und entwarf Büromöbel. Seit seinem 28. Lebensjahr ist er nur noch als bildender Künstler und Maler tätig. Gigers Stil ist von der Wiener Schule des Phantastischen Realismus und Künstlern wie Alfred Kubin, Salvador Dalí oder Ernst Fuchs beeinflusst. Seine große musikalische Leidenschaft ist überraschenderweise allerdings nicht Metal, sondern Jazz, wie ihn Miles Davis oder John Coltrane spielten.

Giger live:

H.R. Giger – RETROSPEKTIVE

Gemälde – Skulpturen – Graphiken – Möbel – Filmdesign

Bis 4. März 2012

Hamburg, Fabrik der Künste

http://fabrikderkuenste.de

Auch eine Reise wert:

MUSEUM H.R. GIGER

Château St. Germain

1663 Gruyères

www.hrgigermuseum.com

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