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Fehlkäufe vor dem Internet - Eine zweite Chance

Maik Weicherts Kolumne

Musik ist heute überall verfügbar, auf den Handy, im MP3-Player, im Internet, auf dem Rechner. Ein Klick und ich habe alles, was in der digitalen Welt umherfliegt am Start.

Okay, auf Spotify und auf Youtube ernte ich als Deutscher einige Enttäuschungen, weil zahlreiche Künstler gesperrt sind, aber mir soll es jetzt auch gar nicht so sehr um die digitale Welt gehen. Könnt Ihr Euch da draußen auf der Couch noch erinnern, dass man noch vor einigen Jahren, um neue Musik zu entdecken, aus der Haustür und in ein Fachgeschäft gehen musste? Man versuchte sich aus den Platten-Review-Seiten seines Lieblingsmagazins so viele interessante Bands wie möglich zu merken, um sie dort dann anzuchecken.

Vorm CD-Regal angekommen, hatte man bis auf Slayer und Metallica alle neuen heißen Geheimtipps eh wieder vergessen und fing an zu suchen. Einfach mal das Regal durchforsten. Welches Cover ist fett, welcher Name klingt cool, welchen Bandnamen habe ich schon mal gehört und wollte ich schon immer mal antesten? Da sind  teilweise Stunden draufgegangen.

Und wenn man dann einen Stapel Tonträger aus dem Angebot extrahiert hatte, kam gleich die nächste Hürde. Der garstige Verkäufer: Nur, weil ich kleiner Asi, der höchstwahrscheinlich sowieso nicht genug Kohle zum Kauf und offensichtlich nur Langeweile hat „da bitte mal reinhören“ will, soll er die nagelneue, noch eingeschweißte, streng auf 80.000 Exemplare limitierte Digipack-Version aufreißen und vom gleichgültigen Laserstrahl seines „Reinhör-CD-Players“ deflorieren lassen!? Schlimmer noch, die Abdrücke meiner dreckigen Fettfinger sind dann auch noch im druckfrisch duftenden Booklet! Ja, was haben die denn im Elektromarkt gedacht, was ihre riesige, gut sortierte Metal-Abteilung für Interessenten anlockt!? Nach Blumen duftende Omas oder dralle Disco-Bitches sicher nicht...  

Natürlich soll aber nicht verschwiegen werden, dass es auch für mich als vermeintlichen Reinhör-Parasiten nicht immer ein Spaß war – man denke nur an die speckigen und nach nassem Hund müffelnden Uraltkopfhörer, bei denen man wahlweise mit einem durch Kabelbruch verursachten Monotinitus oder mit Läusejuckreiz zu kämpfen hatte, manchmal auch beides.

All das hat mich oft genug davon abgehalten in eine scheinbar interessante Platte doch mal reinzuhören. Aber deshalb den Laden wieder mit dem Extra-Taschengeld von meiner Oma ohne einen Jagderfolg verlassen?! Niemals! Dann durften eben die Werbung der Plattenfirmen, die Zine-Reviews und die Szenereputation einer Band ihre Wirkung entfalten.

Natürlich hatte ich damals schon von Bathory gehört und da ich Black Metal geil fand und alle diese Kult-Band abfeierten, hab ich mir gleich mal die TWILIGHT OF THE GODS blind gekauft. Aber auch elektronisches Zeug fand ich super, genauso wie Thrash und Death Metal und da anno dazumal Atrocity und Coroner als „Techno-Death-Metal“ bzw. „Techno-Thrash-Metal“ beworben wurden, legte ich mir deren aktuelle Scheibletten auch gleich ohne Hörtest zu.

Atrocity war dann guter, technischer, aber normaler Death-Metal, was ich cool fand, aber ich hatte doch trotzdem eher so was wie eine Mischung aus Autopsy und Die Krupps erwartet, weswegen ich ziemlich enttäuscht war. Und auch bei Coroner stellte sich Ernüchterung ein, ich dachte das klingt mindestens wie Ministry mit Slayer vermixt. Mit dem progressivern Thrash Metal der Schweizer konnte ich aber rein gar nix anfangen. Am schlimmsten aber war die Bathory Platte. Der Sänger grunzte oder schrie noch nicht mal, und die Musik fand ich damals zum einschlafen.

Das waren nur drei Beispiele. So ging es mir aber mit einigen Platten und es hat wirklich Jahre gedauert bis ich in den ein oder anderen Fehlkauf mal wieder reingehört hatte. Und was soll ich sagen? Jetzt, wo ich im Metal-Erwachsenenalter angekommen bin, sind die meisten meiner damaligen Fehlkäufe wahre Schätze für mich. Ich hab damals einfach noch nicht kapiert, wie gut manche Platten waren, weil mein Musikgeschmack einfach zu eindimensional war. Aber umso glücklicher bin ich, dass es damals auch noch kein Ebay gab, wo ich die vermeintlichen Rohrkrepierer sofort wieder hätte verscherbeln können.

Gibt es solche Fehlkäufe heute noch? Davon mal abgesehen, dass ohnehin viel weniger Leute physische Tonträger kaufen und die meisten Plattenläden dicht gemacht haben bzw. Elektromärkte die teure Verkaufsfläche lieber für Flachbildfernseher als für Tonträger nutzen, hat sich auch die Art und Weise, in der man mit einer Band das erste Mal in Kontakt kommt, gehörig verändert. Man hat heute in jedem Magazin fünf CD-Beilagen, bei Amazon und Co. kann ich in jede Scheibe vorher reinhören und mittels Barcode muss mir im Elektromarkt nicht mal mehr jemand die kostbare Limited-Edition entjungfern. Wenigstens sind dort die schäbigen Kopfhörer geblieben...

Aber ist das wirklich so cool, eine Band gleich an Ort und Stelle bewerten zu können? Bereiten nicht manchmal die Irrwege und Fehlkäufe im Nachhinein besonderen Spaß? Wenn ich heute eine Band nach zwei Sekunden MP3-Studium auf Youtube scheiße oder uninteressant finde, hake ich sie ab und vergesse sie wahrscheinlich für immer – da gibt es keine zweite Chance beim Jahre späteren Durchstöbern der hintersten Winkel der Plattensammlung.

Und bevor einige hier einwenden: „aber ich lade mir ab und zu auch mal blind was runter und es gerät auf meinem iPod in Vergessenheit und wird dann per Random-Funktion wieder entdeckt“ – NEIN, das ist nicht das Gleiche! Man ist für den Download nicht zwei Stunden mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren, hat nicht die Doppelstunde Mathe geschwänzt um im Musikladen zu stöbern und hat nicht seine gesamte sauer ersparte Kohle für eine einzige Platte ausgegeben! So wenig Opferbereitschaft heute oftmals in dem Erwerb und der Entdeckung neuer Musik steckt, so viel weniger Freude bereitet sie uns auch. Ich jedenfalls werde die späten Freuden vermissen, die so manche musikalische Fehlinvestition mir bereitet hat.  

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Kommentare (2)
Das Ritual des CD-Kaufes

Ich mach das heute noch gerne. Auch wenn immer mehr Plattenläden zugehen, den einen oder anderen Fachhandel findet man schon noch. Da wird auch gerne mal blind gekauft weil man halt von Freunden gehört hat, dass der entsprechende SIlberling gut ist.

Ich denke, das, was die meisten Musikhörer heut zu tage nicht mehr so richtig kennen (und das ist jetzt nicht nur auf Metal/Rock bezogen, sondern allgemein!) ist das Ritual des Hörens der neuen Platte. Wenn ich mir ne CD gekauft habe und mich wieder auf dem Heimweg befinde kann ich's meistens gar nicht erwarten die Platte in meinen CD-Player zu hauen, mich gemütlich auf das Sofa zu setzen und mir die Platte am Stück durchzuhören, während ich im Booklet blättere und die Lyrics mitlese. Es geht hier schliesslich um das Gesamtkunstwerk, was ein Künstler da in meistens monatelanger Arbeit zusammengeschustert hat, und das hat, in meinen Augen, uneingeschränkte Aufmerksamkeit verdient.

Seit dem Musik überall und jeder Zeit gratis verfügbar ist, ist sie für die meisten nur noch eine Begleiterscheinung des Alltags, früher wurde das viel mehr zelebriert.

Das waren noch Zeiten

Geht mir ganz ähnlich und ich erinnere mich noch gut an die Stunden des Wühlens im Plattenladen. Meist reichte ein cooles Cover aus, um die Scheibe gleich einzusacken und der Laden wurde erst wieder verlassen, wenn man pleite war. Da hab ich dann auch Sachen mitgenommen, von denen weder ich noch meine Kumpels was gehört haben, nur weil's im Angebot war und es offensichtlich kein anderer haben wollte. Reingehört hab ich fast nie, sondern mich beinahe jedes Mal auf mein Bauchgefühl verlassen, dass mich so gut wie nie getrogen hat. Unbeschreibbar die Überraschung, als ich z.B. Fester's "Silence" aus dem Regal gezerrt hab, nach Hause geeilt bin und sie auf meinem klapprigen Ghettoblaster "entjungfert" habe. Was für ein Sound!!! Sofort auf Tape gezogen und Wochenlang durch den Walkman genudelt, bis das Tape nicht mehr zu gebrauchen war. Einfach ein neues genommen oder den Schrott von einem alten übergebügelt und schon konnte es weiter gehen.

Fairer Weise muss man aber auch dazu sagen, dass es da noch nicht so eine Flut an Veröffentlichungen gab und mir heute keiner mehr Taschengeld in die Hand drückt, während Mutti das Essen sowieso finanzierte. Heute hört man dann doch mal rein, bevor man sich die Kohle vom Mund abspart und der Plattenladen ist nciht selten dem Katalog gewichen. Reine Cover - Käufe finden aber da auch heute noch statt, nur dass man nach etlichen Jahren in der Szene nicht mehr ganz so leicht zu beeindrucken ist, wie das noch im Teenageralter der Fall war. Schade eigentlich. Beide Varianten haben also was für sich und anstatt dem 120er Tape habe ich jetzt 200 Platten in der Hosentasche und kann ganz spontan entscheiden, was ich hören will und dass man sich einen kompletten Rucksack voller Tapes sparen kann, ist ein eindeutiger Pluspunkt für den Fortschritt!!!

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