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Rush-Interview: Die große Prog-Konstante

Aus METAL HAMMER-Ausgabe 07/2012

Es gilt nach wie vor die Rechnung: Große Songs + überragende Instrumentalität = Rush. Das ist auch auf dem neuen Album CLOCKWORK ANGELS so. Doch irgendwie scheint die kanadische Trio-Legende auch in den Kessel mit dem Spielfreude-Zaubertrank gefallen zu sein. Bassist und Sänger Geddy Lee spricht über den Stand der Dinge, was war und was kommt.

Wenn gestandene Musiker ehrfürchtig nach dem neuen Album fragen, wenn Berufsgenossen ihrem Neid Ausdruck verleihen, dass man „sie“ (oder einen von ihnen) treffen durfte, wenn das eigene Fansein wieder in vollem Umfang ausbricht, kann das nur eines bedeuten: Geddy Lee, Gitarrist Alex Lifeson und Schlagzeuger/Lyriker Neil Peart melden sich zurück. Und das verflucht eindrucksvoll, wie der erste Hördurchgang des neuen Meisterwerks CLOCKWORK ANGELS lautstark verheißt. Glückliches Grinsen allerorten, auch beim entspannt wirkenden Geddy Lee.

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Getrennt zusammen

„Während der ‚Time Machine’-Tour wurde uns klar, dass wir dieses Bühnengefühl, dieses gegenseitige Anstacheln auf der neuen Platte festhalten wollen“, erzählt Geddy Lee. „Spontaneität ist das Schlüsselelement dieses Albums. Unser Weg mag zwar nicht der normale sein, aber am Ende haben wir unser Ziel erreicht.“

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„Das Ziel eines jeden Musikers ist es, eine Platte zu veröffentlichen, die gemocht wird. Deshalb habe ich auch nichts dagegen, viele Platten zu verkaufen. Es ist normal, das zu wollen, aber nicht das Ziel der ganzen Sache. Es geht darum ein Album zu komponieren, das dich selbst musikalisch glücklich macht.“ Mal ganz abgesehen vom Drang nach stetiger Weiterentwicklung. „Ich versuche stets, besser zu werden, damit es für mich leichter wird und ich mehr aus einem Riff machen kann“, erläutert einer der besten Bassisten der Rockmusik ganz entspannt.

„Es geht um die Verfeinerung des Handwerks. Auszuprobieren, was man zusammen erreichen kann, ob nicht dieses oder jenes vielleicht noch zu optimieren ist. Können wir als Band neue Sphären erreichen? Können wir bessere Songs schreiben? Das sind die Ziele. Man kann sich auf viele verschiedene Dinge konzentrieren, aber am Ende sollte immer ein kreativer Schritt nach vorne stehen. Das ist integraler Bestandteil davon, in einer Band zu sein.“ Eine Haltung, die man sich erst mal verdienen muss. Lee schmunzelt wieder. „Hätten wir einen Flop nach dem nächsten abgeliefert, würde sich das natürlich anders anfühlen. Ich verstehe auch diejenigen, die Anerkennung an kommerziellem Erfolg messen. Das macht auch irgendwo Sinn, aber so haben wir noch nie gedacht, selbst als wir es uns eigentlich nicht leisten konnten...“

Lieber gut geklaut

Mittlerweile haben Rush das höchste Ziel erreicht, das man als Musiker in Angriff nehmen kann: Sie klingen unverwechselbar nach sich selbst. Egal zu welcher Zeit, egal auf welchem Album. „Das haben wir erst gelernt, als wir nach unseren ’Terry-Brown-Jahren’ anfingen, mit unterschiedlichen Produzenten aufzunehmen“, erläutert Lee. Eine Phase, die immerhin acht Alben lang andauerte und solche Klassiker wie HEMISPHERES oder MOVING PICTURES hervorbrachte.

„Wir hatten riesige Paranoia davor, ob und wie sich unser Sound verändern würde. Aber trotz der Arbeit mit verschiedenen Leuten hat sich das nicht groß eingestellt“, meint Lee. Das Erstaunliche: Er hat recht. So unterschiedliche Pfade die Musiker auch eingeschlagen haben, egal ob mit reinem Prog in der Frühphase, der Orientierung in Richtung Synthie-Pop/New Wave Mitte der Achtziger oder der Cover-EP FEEDBACK – Kenner wissen binnen Sekunden, wo der Hase langläuft. „Und wie sollte sich daran auch etwas ändern – es sind doch immer noch die gleichen drei Leute. Natürlich hat man eine bestimmte Vorstellung davon, wie es klingen soll, dementsprechend dreht man an den Reglern. Aber wie viel kann man wirklich verändern? Ein bisschen daran herumschrauben, hier etwas dreckiger machen, dort etwas sauberer, aber unterm Strich setzt sich die Persönlichkeit des Künstlers durch. Und die kommt aus den eigenen Fingern.“

Aber wie sagt man diesen Fingern, dass sie sich nach 20 Studioalben bitteschön nicht selbst zitieren sollen? „Ich glaube nicht, dass man davor gefeit ist“, schmunzelt er. „Gut, in ‘Caravan’ zitieren wir uns vielleicht ein bisschen selbst.“ Es folgt ein bizarrer Moment. Dem METAL HAMMER-Abgesandten rutscht ein spätjugendlich-leichtsinniges „Geht es um diese Stelle hier? Ba, Ba, Baa, Ba Ba Ba Baa Ba Bum Ba?“ heraus, und Lee sagt mit gütigem Blick: „Genau, ‘La Villa Strangiato’.“ Jetzt kann man sterben. Lee fasst zusammen: „Ich glaube, es war Alfred Hitchcock, der einst gesagt hat, dass es Stil hat, sich selbst nachzuahmen. Und daran halte ich mich.“

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Mehr von Rush könnt in unserer Juli-Ausgabe lesen.

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