- 25. Okt 2009
von Maik Weichert
Meinung
Maik Weicherts Kolumne: Here we go to the temple of consumption
Eines der schönsten Dinge am Musikerleben ist, dass man für lau durch die ganze Welt geschippert wird und andere Kulturen kennenlernen darf.
Foto:
Axel Jusseit Krefeld Germany
Heaven Shall Burn 19.03.2010 Session
Weimar - , Germany
Eines der schönsten Dinge am Musikerleben ist, dass man für lau durch die ganze Welt geschippert wird und andere Kulturen kennenlernen darf. Es macht Freunde, Verwandten und Bekannten eine Kleinigkeit aus der Fremde mitzubringen. Egal ob 300 oder 3.000 km entfernt, etwas Besonderes findet sich eigentlich überall.
Aber ist das wirklich noch so? Immer öfter laufe ich durch die Einkaufsstraßen dieser Welt und ich weiß nicht mehr, ob ich grad in Bangkok oder Bottrop, am Main oder in Miami bin. Überall sehe ich die gleichen Geschäfte, die gleichen Franchise Marken, die gleichen Dienstleistungsunternehmen. Warum sollte ich jemandem einen Swarowski Kristalldingsbums aus Warschau oder eine Prada-Krawatte aus Dresden mitbringen? Es ist wirklich unglaublich aber es scheint so, als sei jede Fußgängerzone dieser Welt mittlerweile gleichgeschaltet.
Innerhalb Deutschlands ist es noch schlimmer, da kann ich vorhersagen, wenn ich einen McDonalds und einen Mediamarkt nacheinander sehe, dass die nächste Hausnummer entweder eine Bäckerei oder eine Apotheke ist. Ich bin nun wirklich niemand, der sein Taschengeld immer in Tante Emmas Bonbonglas gesteckt hat und das hier soll auch kein nationalistisches Anti-Globalisierungsgesülze werden, aber wenn ich in manchen Touristen-Metropolen außer wirklichem Touri-Kitsch nichts mehr ergattern kann, was sich als örtliche Spezialität oder Besonderheit identifizieren lässt, dann ist das schon traurig. Was soll ich denn mit einer russischen Holzpuppe Made in China?! Oder von Nestle hergestellter Schokolade aus Brüssel?
Gibt es den Bäcker noch, bei dem ihr als Kinder immer den leckeren Kuchen gegessen habt, oder das Antiquariat, das dieses furchteinflößende Öl-Gemälde im Schaufenster hatte? Gibt es denn den Plattenladen noch, in dem ihr eure erste Metal-Scheibe gekauft habt? Bei mir nicht – und das finde ich traurig! Stattdessen gibt es die Filiale einer Großbäckerei, einen Handyladen und einen Saturngroßmarkt.
Mich kotzt es einfach an, wenn in München die Semmel genauso schmeckt wie die Schrippe in Berlin. Aber meistens merken wir wahrscheinlich gar nicht, was uns nach und nach an Vielseitigkeit verloren geht.
Noch schlimmer sind diese US-mäßigen Shopping-Center. Ganze Einkaufstraßen und Innenstädte gehen dadurch den Bach runter. Das, was früher 100 Einzelhändler zusammen verdient haben, schöpft nun ein einziger Center-Betreiber ab. Da wird der Kunde zum Konsum geführt wie die Kuh ins Melk-Karussell. Keine störenden Penner oder Straßenmusikanten. Kein Handyempfang oder schmutzige Tauben. Mir sind solche Betonklötze wirklich zuwider. Viele Leute pilgern aber am Wochenende regelrecht dorthin – wie in einen Tempel. Innen sieht auch alles gleich aus: Elektromarkt, Billig-Bekleidungskette, Fress-Etage, Kino – was will man mehr?!
Wenn ich wissen will, wie am Montag die Tussen in der BWL-Bibliothek aussehen, muss ich am Samstag nur ins H&M Schaufenster gucken (hatte ich den Satz schonmal verwurstet oder hab ich mir das nur gedacht damals?!). Wenn ich in Wien einen Kaffee trinken will, gehe ich doch nicht zu Starbucks?! Oder warum sollte man bei Nordsee in Hamburg Fisch essen gehen? Aber so viele Leute tun es eben doch, das will mir nicht in den Kopf... Und kommt mir jetzt niemand mit dem Geschwafel, „naja kann sich eben nicht jeder etwas anderes leisten“ – das ist einfach Quark. Das Kilo Äpfel vom Gemüsemarkt kostet auch nicht mehr, als der überzuckerte Fertig-Smoothie vom Burger King. Und die Vollblondierung mit Dauerwelle ist beim Dorfsalon garantiert billiger als bei der hippenTechno-Friseuer-Kette im Shopping Center (hat Deutschland überhaupt so viele Köpfe wie es hier Friseure gibt!?).
Naja, wie immer habe ich auch keine Lösungen für diesen Missstand – nur jede Menge Abscheu. Seid euch einfach bewusst wie viel Glück ihr habt, wenn es den Spielzeugladen eurer Kindheit noch gibt! Wer weiß wie lange noch...
Ähnliche Artikel
Meinung
Maik Weicherts Kolumne: Saure Gurken für den Nationalen Widerstand!
Nichts Böses ahnend schlendere ich zum L...
Meinung
Maik Weicherts Kolumne: Zu viel gezahlt im Land der Dichter und Denker
Was gibt es nicht alles für Vollidioten ...
Meinung
Maik Weicherts Kolumne: Rechtes Attentat in Passau und blinder Aktivismus – wer profitiert?
Wer kennt das Gefühl nicht, wenn er z.B....
Neueste Reviews
Neueste Features
70.000 Tons of Metal Cruise 2012: Bilder vom Profi
Schweres Bilder-Geschütz
Nach den Impressionen des Leichtmatrosen mit Handkamera liefern wir jetzt die Profi-Bilder unserer Fotografin nach - Bands, Metal, Hochsee-Spaß.
Backstage-Prügel: Jiu-Jitsu-Seminar mit Biohazard
Tough guys
Biohazard kommen aus Brooklyn, New York. Da muss man sich wehren, wie uns die Tough Guys schon seit vielen Jahren erklären. Wir haben es getestet.
Horaz (Imperium Dekadenz) tippt den 20. Spieltag
Metal-Liga 2011
Imperium Dekadenz sind für ihren Black Metal mit explizitem Bezug auf das römische Reich bekannt. Nicht für Fußball-Kenntnisse. Sänger Horaz ändert das jetzt.
Bilder-Tagebuch zu "70.000 Tons of Metal Cruise" 2012
Leichtmatrose Leim
2011 stach die "70.000 Tons of Metal"-Kreuzfahrt zum 1. Mal in See - dieses Jahr geht es weiter. Wir waren dabei, bloggten live und zeigen jetzt das Bilder-Tagebuch von Leichtmatrose Leim.
Daniel „Dani“ Löble (Helloween) tippt den 19. Spieltag
Metal-Liga 2011
An Helloween führt in der deutschen Metal-Szene kein Weg vorbei. Ihren Beitrag zum Fußball leistet Drummer Daniel „Dani“ Löble.

Kommentar schreiben