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Evíga, der Wandel, ein zentrales Thema von FLAMMENTRIEBE, ist etwas, das dich offenbar sehr beschäftigt. Wie wichtig ist dir dieses Motiv?
Nun, das äußere Erscheinungsbild bzw. die Instrumentierung hat sich bei Dornenreich stets von Album zu Album gewandelt – am deutlichsten wird das im Übergang von IN LUFT GERITZT zu FLAMMENTRIEBE. Allerdings ist die emotionale Basis, Dornenreichs Wesen, immer unverkennbar geblieben. Man könnte es mit einem Baum vergleichen, dessen Stamm bleibt, wohingegen seine Blätter zyklisch kommen und gehen. Der Wandel, um den es mir im Rahmen von FLAMMENTRIEBE geht, ist ein gesamtgesellschaftlicher und nachhaltiger. Doch der kann nur entstehen, wenn das Individuum sich bewusst dazu entscheidet, der zerstörenden Selbsttäuschung, als Mensch der König dieser Welt zu sein, den Rücken kehrt. Wir leugnen die Tatsache, dass die Natur auf Kreisläufen basiert. Es ist unweigerlich so, dass das Pendel, das wir mit aller starren Kraft in die Gewinn- bzw. Ausbeutungsmaximierung zerren, bald mit derselben Kraft in die andere Richtung ausbrechen wird, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.
Die Musik von FLAMMENTRIEBE war schon deutlich früher fertig als die Texte. Hast du dir schwerer getan, die passenden Worte zu finden, weil die Songs wieder härter sind, du also quasi die ersten Dornenreich-Alben auch inhaltlich übertreffen musstest?
Die musikalische Ausrichtung des neuen Albums forderte (teils stark rhythmisierten) Schreigesang. Das wiederum stellte mich vor die Aufgabe, Texte zu schreiben, die nach einer solchen stimmlichen Umsetzung verlangen.
Ihr habt das Album in mehreren Sessions eingespielt – war das für dich auch deswegen notwendig, um einen gewissen Abstand zum Material zu bekommen?
Ja, um Abstand zu gewinnen, um das eingespielte Fundament (Gitarren, Schlagzeug) im tatsächlichen Studio-Klanggewand auf sich wirken zu lassen und um dadurch auch die Geigen und Stimmen in Ruhe und gezielt auf besagtes Fundament abstimmen zu können. Zudem ist es dadurch möglich, sich bereits Gedanken über gewisse Gewichtungen im späteren Mix zu machen. Und auch für die physische und mentale Erholung ist diese Arbeitsweise nicht schlecht...
Das Cover von FLAMMENTRIEBE ist schon seit langer Zeit fertig, stammt also noch aus der früheren Metal-Phase. War das Bild für dich auch eine Art Leitfaden, damit du das richtige Gespür für die harten Songs erzeugen und dich an die damalige Dornenreich-Zeit zurückerinnern konntest?
Es war insofern ein emotionaler Leitfaden, als es die musikalische Dramaturgie des Albums auf eindringliche Weise visualisiert. Dass das Cover stilistisch eine eindeutige Nähe zu unserem zweiten Album BITTER IST'S DEM TOD ZU DIENEN zeigt, war mir natürlich klar. Aber das hat mich – zumindest auf bewusster Ebene – nicht zusätzlich angeregt. Jedoch finde ich es sehr schön, dass das FLAMMENTRIEBE-Cover sich so klar als Dornenreich-Motiv zu erkennen gibt. Es spinnt den roten Faden unserer bisherigen Artworks fort.
Wie hat es sich angefühlt für dich, wieder mit Gilvan als Studio-Drummer zu arbeiten – hat es die Vertrautheit zwischen euch auch erleichtert, das „Metal-Feeling“ wiederzubeleben?
Auf jeden Fall. Es war fantastisch, wieder gemeinsam ein Album entstehen zu lassen. Die vielen, vielen Jahre, die wir uns kennen, und die zahlreichen gemeinsamen Konzerte der letzten beiden Jahre haben sich äußerst positiv auf unser Zusammenspiel ausgewirkt. Gilvan und ich arbeiteten das Schlagzeug-Fundament in konzentrierten Proben zu zweit aus, und ich denke, dass wir überhaupt noch nie so intensiv und lange an der rhythmischen Verbindung von Schlagzeug und Gitarre gefeilt haben wie für FLAMMENTRIEBE – auch nicht zu HER VON WELKEN NÄCHTEN-Zeiten.
Und welche Rolle spielen dabei Markus Stock als euer langjähriger Produzent und Inve als dein „Melodie-Gegenspieler“?
FLAMMENTRIEBE ist bereits die fünfte Produktion, die Markus und wir in den vergangenen zehn Jahren gemeinsam gemacht haben. Das hört man dem neuen Album auch an. Markus hat großartige Arbeit geleistet. Über die Jahre sind wir Freunde geworden und kennen die Stärken und Schwächen des jeweils anderen sehr gut, was die Kommunikation und Entscheidungsfindung im Studio enorm vereinfacht und beschleunigt – und auch viel, viel Spaß mit sich bringt.
Inve ist im Laufe der vergangenen Jahre auch mehr und mehr in die verschiedenen Seiten Dornenreichs hineingewachsen. Wir haben viel erlebt und uns dadurch freilich besser kennen gelernt – und all das spiegelt FLAMMENTRIEBE wider.
Inve hat gesagt, dass es ihm schwer gefallen ist, den passenden Geigen-Sound zu finden – unter anderem deshalb, weil es wenig passende Referenzwerke im Metal gibt, an denen man sich orientieren kann. Wie stark konntest du ihn bei der Suche nach einem geeigneten Klang unterstützen?
Ich habe Inve alle Freiheiten gelassen, den geeigneten Geigenklang zu finden, weil ich spürte, dass es ihm selbst sehr, sehr wichtig war, etwas wirklich Passendes zu finden. Durch das gemeinsame Komponieren und Arrangieren kristallisierte sich der geeignete Sound dann mehr und mehr heraus. Ich bin sehr glücklich, dass der Geigenklang zur richtigen Zeit viel Körper, Nähe und Fassbarkeit aufweist und ebenso zur richtigen Zeit gespenstische bzw. atmosphärisch-webende Qualitäten besitzt.
Die Geigen sind in den einzelnen Songs oft in einem Take aufgenommen worden, um die Dramaturgie zu erhalten – hast du etwas Ähnliches auch bei Gesangs- und Gitarrenspuren gemacht?
Nein, aber das ist in erster Linie auf die klanglichen und wohl auch spieltechnischen Unterschiede zwischen Geige und Gitarre zurückzuführen. Auch die Vocal-Tracks habe ich nicht in einem Take aufgenommen, da die Stimmen auf FLAMMENTRIEBE ja wieder in einer oftmals sehr knappen Aufeinanderfolge von Schrei-, Flüster- und Sprechstellen arrangiert sind und somit unterschiedliche Mikrofon-Einstellungen brauchten.
Auf FLAMMENTRIEBE passieren musikalisch sehr viele Dinge, und dennoch wirkt das Album sehr fokussiert und reduziert – vielleicht kommen auch gerade deshalb die Feinheiten und Details so gut zum Ausdruck. Wie schwer ist es dir gefallen, die Songs zu „entschlacken“?
Wir haben dieses Mal nicht viel „rückgebaut“ – anders als etwa bei HEXENWIND. Die Aufgaben für die Hauptelemente Geige, Schlagzeug und Gesang waren von Anfang an klar definiert. Abänderungen gab es meist nur in der Hinsicht, dass wir die jeweils richtige Länge für die einzelnen Parts in den Stücken finden mussten.
Hast du dich auf die FLAMMENTRIEBE-Kompositionsphase speziell vorbereitet, also wieder alte Platten von früher ausgegraben und angehört?
Natürlich spielen immer Einflüsse mit hinein, aber gerade in der Zeit der ersten „Gitarrenversuche“ höre ich kaum Musik, um so noch mehr Lust zu bekommen, Ideen entstehen zu lassen, die dann vielleicht stärker dem entsprechen, was ich wirklich tief in mir trage.
Würdest du sagen, dass du Metal heute anders hörst und erlebst als früher?
In den vergangenen 15 Jahren habe ich mich mit zahlreichen verschiedenen Musikstilen auseinander gesetzt und nehme dadurch die Möglichkeiten, die insbesondere der Black Metal bietet, viel bewusster war als früher. Diese Musik verbindet für mich viele scheinbare Gegensätzlichkeiten – so z.B. auch vermeintlich Schönes mit vermeintlich Hässlichem – und ist deshalb ein kraftvolles Medium, um Kritik zu üben, die etwas Nährendes an sich hat.
Was ist deiner Ansicht nach auf der Bühne leichter umzusetzen: eine Metal- oder eine Akustikshow?
Jedes Konzert ist eine Herausforderung, wenn man es so wie wir als den einen Moment begreift, in dem man alles geben möchte. Die kommende FLAMMENTRIEBE-Tour mit Agrypnie wird uns ganz besonders fordern, denn wir werden jeden Abend sowohl ein Akustik- als auch ein Metal-Set spielen. Aber ich vertraue ganz auf unser Publikum, das gewiss beiden Sets viel abgewinnen wird.
Petra Schurer
Die zu einer Geschichte verfasste Version des Interviews findet ihr in der Februar 2011 Ausgabe, die seit dem 12.01.2011 im Verkauf ist und einzeln und portofrei per Post bestellt werden kann. Hierfür schickt ihr einfach eine Mail mit dem Betreff „Einzelheft Metal Hammer 02/11“ an einzelheft@metal-hammer.de.
Alle Informationen zur Ausgabe findet ihr online in der Heftvorschau.
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