Konzerte

Im Massagesalon bei: Sunn O)))

03.02.2013, Astra Kulturhaus, Berlin

Melodien brauchen Sunn O))) nicht. Ein besseres Publikum hätten sie aber verdient. Wir haben uns zwischen die Drone-Hipster geschmuggelt.

Wer wird sich schon bei unfreundlichem Schneeregen raustrauen? Ein kurzer Blick auf die Hundertschaften, die sich an diesem Sonntagabend draußen vor dem Astra Kulturhaus die Beine in den Bauch stehen, belegt ganz klar: Menschen, die Sunn O))) hören, ist es scheißegal, ob das Wetter unfreundlich ist – die Musik ist es schließlich auch.

Drinnen im Warmen folgt die nächste bahnbrechende Erkenntnis: Sunn O))) sind ganz klar zum Hipster-Thema mutiert. 95 Prozent des Publikums sieht aus, als wäre es gerade von der Vernissage nebenan hereingestolpert – oder vom Gipfeltreffen der Grafikdesign-Studenten. Jutebeutel, Nerd-Brillen und fesche Karohemden bestimmen das Bild, sodass sich die restlichen fünf Prozent (Doomer, Stoner, experimentierfreudige Black-Metaller) auch garantiert wie die Deppen vorkommen. Vielen Dank auch. Der Umsatz an Wodka Mate an diesem Abend war bestimmt atemberaubend.

Aber man hätte es ahnen können. Schließlich war dies kein normales Sunn O)))-Konzert, sondern der Abschluss der Veranstaltungsreihe „CTM.13 – Festival for adventurous music and related arts“. Das adventurous Publikum nimmt die „Anheizer“ Vasilis Sarikis und Khyam Allami denn auch wohlwollend auf. Die Musiker versprechen, „the calm before the storm“ zu sein, und fürwahr: die Mischung aus späten Earth, Ethno-Goodwill und Karl Sanders-Soloplatten tut nicht weh.

Was man von Greg Anderson, Stephen O’Malley und ihren stets wechselnden Schergen nun wirklich nicht behaupten kann! Die Könige des Drone hüllen das Astra in zum Schneiden dicken Kunstnebel, um dann nach einer satten Stunde Umbaupause majestätisch in Mönchskutten durch die Schwaden zu schreiten. Songs aufzuzählen ist bei Sunn O))) mehr als müßig – denn sie schreiben ja auch keine. Hier geht es alleine um Hässlichkeit, Vibration und die Ungebrochenheit des ewigen dröhnenden Riffs an sich.

Percussion: nö. Melodien: shut the fuck up. Lautstärke ist hier der Knackpunkt, denn hat man die richtige erreicht, gab es in der Vergangenheit schon umkippende und kotzende Menschen vor der Bühne zu bestaunen. An diesem Abend leider nicht: Sunn O))) drehen die Regler erst in den letzten 30 Minuten auf volle Pulle. Einige sind allerdings schon nach der ersten halben Stunde abgewandert, womit sie leider die wunderbaren Gesangseinlagen und Litaneien am Mikrofon verpassen.

Der Rest der zahlenden Gäste reagiert absonderlich auf die Drone-Darbietung: Einer fotografiert die Leere seines Bierbechers, eine halbnackte Tante mit Hochsteckfrisur übt sich in Ausdruckstanz, viele gehen mental den morgigen Einkaufszettel durch, die nächsten kiffen sich vollends ins Nirwana. Nicht, dass man das bei diesem apokalyptischen Sound noch gebraucht hätte...

Nach anderthalb Stunden ist der Spuk vorbei, und die Überlebenden kriechen selig durchmassiert durch den sich verziehenden Nebel. Sunn O))) sind noch immer synonym mit einem unvergesslichen Sound-Erlebnis sowie noch immer transzendentaler Wahnsinn. Man würde ihnen nur eines wünschen: ein besseres Publikum.

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Tags: Attila / Rock

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