Wer
wird sich schon bei unfreundlichem Schneeregen raustrauen? Ein kurzer Blick auf
die Hundertschaften, die sich an diesem Sonntagabend draußen vor dem Astra Kulturhaus
die Beine in den Bauch stehen, belegt ganz klar: Menschen, die Sunn O))) hören,
ist es scheißegal, ob das Wetter unfreundlich ist – die Musik ist es
schließlich auch.
Drinnen
im Warmen folgt die nächste bahnbrechende Erkenntnis: Sunn O))) sind ganz klar
zum Hipster-Thema mutiert. 95 Prozent des Publikums sieht aus, als wäre es
gerade von der Vernissage nebenan hereingestolpert – oder vom Gipfeltreffen der
Grafikdesign-Studenten. Jutebeutel, Nerd-Brillen und fesche Karohemden
bestimmen das Bild, sodass sich die restlichen fünf Prozent (Doomer, Stoner,
experimentierfreudige Black-Metaller) auch garantiert wie die Deppen vorkommen.
Vielen Dank auch. Der Umsatz an Wodka Mate an diesem Abend war bestimmt
atemberaubend.
Aber
man hätte es ahnen können. Schließlich war dies kein normales Sunn O)))-Konzert,
sondern der Abschluss der Veranstaltungsreihe „CTM.13 – Festival for
adventurous music and related arts“. Das adventurous Publikum nimmt die „Anheizer“
Vasilis Sarikis und Khyam Allami denn auch wohlwollend auf. Die Musiker
versprechen, „the calm before the storm“ zu sein, und fürwahr: die Mischung aus
späten Earth, Ethno-Goodwill und Karl Sanders-Soloplatten tut nicht weh.
Was
man von Greg Anderson, Stephen O’Malley und ihren stets wechselnden Schergen
nun wirklich nicht behaupten kann! Die Könige des Drone hüllen das Astra in zum
Schneiden dicken Kunstnebel, um dann nach einer satten Stunde Umbaupause
majestätisch in Mönchskutten durch die Schwaden zu schreiten. Songs aufzuzählen
ist bei Sunn O))) mehr als müßig – denn sie schreiben ja auch keine. Hier geht
es alleine um Hässlichkeit, Vibration und die Ungebrochenheit des ewigen
dröhnenden Riffs an sich.
Percussion:
nö. Melodien: shut the fuck up. Lautstärke ist hier der Knackpunkt, denn hat
man die richtige erreicht, gab es in der Vergangenheit schon umkippende und
kotzende Menschen vor der Bühne zu bestaunen. An diesem Abend leider nicht:
Sunn O))) drehen die Regler erst in den letzten 30 Minuten auf volle Pulle.
Einige sind allerdings schon nach der ersten halben Stunde abgewandert, womit
sie leider die wunderbaren Gesangseinlagen und Litaneien am Mikrofon verpassen.
Der
Rest der zahlenden Gäste reagiert absonderlich auf die Drone-Darbietung: Einer
fotografiert die Leere seines Bierbechers, eine halbnackte Tante mit
Hochsteckfrisur übt sich in Ausdruckstanz, viele gehen mental den morgigen
Einkaufszettel durch, die nächsten kiffen sich vollends ins Nirwana. Nicht,
dass man das bei diesem apokalyptischen Sound noch gebraucht hätte...
Nach
anderthalb Stunden ist der Spuk vorbei, und die Überlebenden kriechen selig
durchmassiert durch den sich verziehenden Nebel. Sunn O))) sind noch immer
synonym mit einem unvergesslichen Sound-Erlebnis sowie noch immer
transzendentaler Wahnsinn. Man würde ihnen nur eines wünschen: ein besseres
Publikum.
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