- 26. Jun 2012
Schätze
Bericht vom Wacken Open Air 1995
Aus der METAL HAMMER-Ausgabe 07/1995
Das Wacken Open Air ist mittlerweile ein Metal-Spektakel wie kein zweites Festival. 1995 steckte es noch in den Kinderschuhen - überforderte unsere Autoren aber bereits mit zwei Bühnen.
Fast Dynamo-verdächtig das Ganze: 36 Bands auf zwei Bühnen in zwei Tagen - puh (aber nicht schlecht)! Daß man da nicht alle sehen konnte, lag also nicht nur am zähfließenden Verkehr auf der A 2. RAPE, die neue Band der zwei Ex Dark Millenium-Leute Hilton Theissen und Christoph Hesse, konnten demzufolge gegen 19:00 Uhr beobachtet werden. Mit ihrer Mischung aus Wave und Metal, gepaart mit schlummerigem Gesang, konnten die vier Sauerländer den gut vierhundert lethargisch wirkenden Anwesenden nicht viel Stimmung abgewinnen, so daß außer matschig leisen Sounds und ungewöhlichen Songs vom Dembüt CHILDREN OF A LESSER GOD nicht viel mehr passierte. OK, die "Ausziehen, ausziehen!"-Rufe mal weggelassen (Frontmann Hilton sähe aus wie Desiree Nosbusch - haben zwei Typen von Helloween als Gastmoderatoren bei METALLA gesagt)... Bleiben wir bei überflüssigen Bemerkungen und kommen direkt zu PRETTY MAIDS. Keine Ahnung, warum es die noch gibt; wahrscheinlich, damit sie ihren Gute Laune-Weichspül-Heavy Rock unter Leute bringen, die auf 'Wir sind die Helden'-Ansagen und -Gesten stehen. Und das kam an. Zwar erst nach vier Liedern, aber immerhin.
Aber das Stimmungsbarometer ließ sich noch weiter hinaus kitzeln. Als MORGOTH-Frontmann Marc Grewe zum fröhlichen Laufsteg-Entern einlud, gab es für bestimmt über 100 Banger keine Barrieren mehr: Die Band präsentierte sich, trotz längerer Bühnenabstinenz, in guter Form und Spiellaune. Daß die Moorgötter sich ineinem musikalischen Umbruch befinden, machten nicht nur ein optisch verändertes Erscheinungsbild deutlich, sondern auch drei neue Stücke. Bassbetonter denn je, mit etlichem Trommelgeboller (Tribal-Groove?), eingängigen Refrains und typischen (schrägen) Morgoth-Melancholie-Melodien versehen, gingen die Stücke groovig kraftvoll in die Beine und Köpfe der ca. 1500 Zuschauer und standen dem HSK-Fünfer besser zu Gesicht und Kurzhaarschnitt als so manch alter Song. Bei den Schweden TIAMAT hingegen war, verglichen mit der Winter-Tour mit Sentenced, nicht viel an Veränderung auszumachen. Psychedelische Lichtshow und glasklarer Sound auf der einen, keyboardunterstützte Leichtmetall-Songs und Pink Floyd-Cover auf der anderen Seite. In der Mitte ein Frontmann, der an diesem Abend zwar eher schlecht als recht flüsterte und schrie, dafür aber viel Charisma und tanzbare Musik zum Träumen unter freiem Himmel versprühte. Schöne Atmosphäre. Was auch für die Hamburger Kiss-Coverband LOVE GONE galt, vorausgesetzt man hatte gut einen im Schlappen und stellte sich konsequent vor, auf einem College-Abschlußball in den USA der Siebziger zu sein.
SOLITUDEAETURNUS hinterließen mit ihrer 45 minütigen Open Air-Deutschlandpremiere einen mächtigen und schweren Eindruck. Allen voran der Mann mit dem irren Blick, Frontmann/Sänger Robert Löwe, der mit seiner theatralisch perfekten Inszenierung eines leidenden Wahnsinnigen die melodischen Songs der Power-Doomer zu einem grandiosen Schauspiel abrundete. Da wurde selbst das Black Sabbath-Cover 'Heaven And Hell' zu Gold. Klasse Band, klasse Show, leider nur zu kurz. Auf der kleineren Party-Bühne, die größtenteils für hoffnungsvolle Newcomer reserviert war, ging es an diesem Tag besonders hoch her. Die Ruhrpott-Thrasher THE TRAUMA, die durch Christian Ciesler (jaja, der neue Kreator-Basser) am Bass unterstüzt wurden, waren die erste Band an diesem Tag, die mit ihrem Bunker-Metal so richtig ankamen. HATE SQUAD gaben den Startschuß zu einer gelungenen Mischung aus Metal, Hardcore, Samples und viel Bewegung. Frontmann Burkhard Schmitt entpuppte sich erneut als kleiner Bruder von Chef-Animateur und -Banger Alexe Krull (Atrocity), so daß dieser Auftritt 30 Minuten lang problemlos mit dem Daumen nach oben ging. Gleiches galt für die Hannoveraner POWER OF EXPRESSION, die bisher hauptsächlich mit einer Scheibe voller Coverversionen alter B'LAST-Songs auf sich aufmerksam machen konnten. Daß ihre eigenen Stücke jedoch noch mehr knallen, bewiesen sie mit einem dampfenden Set und einem furiosen Marc Grewe (Morgoth), der stimmlich sowie bewegungstechnisch zum Überzeugendsten gehört, was Germany momentan in diesem Genre zu bieten hat. Die SCHWEISSER machten ihrem Namen als schweißtreibende Einheizer (nein, nicht Schweitzer) alle Ehre. Bemerkenswert dabei zwei Dinge: Der Shouter muß schwindelfrei (so oft wie der im Kreis galoppelt ist) und das Saxophon im früheren Leben eine Gitarre gewesen sein. Überraschend gut, alle Achtung.
'Was steckt dahinter?' fragte man sich hingegen bei der Show von D.A.D., die mit tollen Kitschbässen rumposierten und mit dem Popo auf Rockklischees herumritten und wackelten, wie etliche andere Bands auch. Vier tolle Guys in H&M-Trendoutfit vor einem fünf Meter hohem Drumriser waren anfangs noch ganz OK, wurden mit zunehmender Spieldauer aber immer langweiliger. Ein recht identitätsloser Headliner.
Vor leider nicht mehr allzu vielen Leutchen hatten die Dortmunder PHANTOMS OF FUTURE die Ehre, das zweitägige Spektakel zu beschließen. Frontpsycho Sir Hannes hatte zu jedem der Songs kleine Accessoirs zur Untermalung des bizarrenRocksounds dabei und marschierte mal als Debilo mit Holzentlein an der Leine, mal als Krieger der Unterwelt mit Leuchtfackeln über die Bretter. Alles in allem ein Abschluß, der den noch verbliebenen Phantomen der Nacht das Einschlafen nicht erleichtert haben wird, aber für das kommende Jahr nur einen ähnlichen Qualitäts-Line-Up erhoffen läßt. Bis dahin.
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- 26. Jun 2012
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