Schätze

Metallica: Das Interview zu LOAD aus der Juli-Ausgabe 1996

Le Frisur

Nichts paßt als Headline für diese Story besser als der Titel der neuen Ärzte-Platte. Zum einen waren die drei Berliner schon immer große Metallica-Fans, zum anderen saßen sich bei diesem Interview mit Lars Ulrich (d), Kirk Hammett (g) und Markus Kavka gleich drei Leute mit relativ neuen Haarfrisuren gegenüber.

Foto:
METAL HAMMER
Metallica im METAL HAMMER 07/1996

Da sitzen sie, die beiden, und ich hätte nie gedacht, daß ich, um das äußere Erscheinungsbild von Menschen zu beschreiben, die in DIESER Band spielen, jemals den Begriff .verschärft' benützen würde. So rigide, ja fast schon erzkonservativ war der sich über zehn Jahre erstreckende ,Schwarz-und-eng'-Dresscode von Metallica. 1996 sehen sie nun aus, als wären sie gerade aus der 'Männer Vogue' gehüpft: Kirk mit dunkelgrün-metallic schimmerndem Designer-Kurzarm-Hemd, schwarzen Designer-Anzughosen und Gucci-Slippern, dazu gepierct und mit kurzen, gelockten Haaren. Lars trägt ein enges, weißes Designer-Girlie-Oberteil, schwarze, noble Lederjeans und schwarze Stiefel. Seine nach hinten gevetterten, kinnlangen, am Hinterkopf stufig geschnittenen Haare sehen aus wie eine coole Version von Jon Bon Jovis Cut. Ich muß mich zurückhalten, um nicht mit der Erörterung von Stylingfragen ins Gespräch einzusteigen und sage deswegen .Mann, eure Platte rockt!' "Klar, wir heißen im Volksmund deswegen jetzt auch Rocktallica!" kalauert Lars. Gut gesprochen, Volksmund. Das ist im Grunde tatsächlich Bluesrock alter Schule. Das Stakkato-Riffgewitter mit unzähligen Breaks eines Albums wie z.B. ... AND JUSTICE FOR ALL nimmt sich dagegen fast wie Freejazz aus.

"Das hast du haarscharf erkannt" (er sagte eigentlich nur ‘exactly’, aber ihr wißt schon, die Kalauer...), pflichtet Kirk mir bei. "Das 2eug, das wir in den letzten fünf Jahren gehört haben, ist nicht spurlos an uns vorseigegangen. Wir haben tatsächlich viel 3lues gehört, James außerdem noch eine vlenge Country." Apropos James. Ist das atsächlich er, der da bei Songs wie 'Until It Sleeps' und 'Mama Said' singt, und wenn a, hatte er Gesangsunterricht? Kirk: "Ja, das ist wirklich er. Wir alle - und er selbst wohl am meisten - waren überrascht, was er stimmlich leisten kann. Er hat viel geübt, hat »ich oft irgendwelche Country-Nummern angehört und dabei mitgesungen. Sehr großen Anteil an der ganzen Sache hatte auch Bob Rock, unser Produzent, der lebenbei ja auch ein hervorragender Sänger und Gitarrist ist. Er gab James viele Fips, kritisierte ihn, diskutierte mit ihm und ;ang ihm manchmal sogar vor, wie er sich diesen und jenen Part auch vorstellen könn:e." Überhaupt scheint diesmal vieles anders gewesen zu sein.

Gerade Kirk, dessen kreative/ Input sich bis dato immer auf das Zusammenwickeln der Soli beschränkte, durfte diesmal Lieder mitschreiben und Rhythmusgitarre spielen. Woran Lars sich, wenn auch nicht ganz ernsthaft, mit Grauen erinnert. "Kirk nahm auf Tour quer über den Erdball diese Hotelzimmer-Tapes auf, die er mir und James dann immer zum Anhören gab. Da saßen ich und er dann und hörten uns mit schmerzverzerrten Gesichtern das halbstündige Dudeln eines Riffs auf der 'Singapur, fünf Uhr morgens'-Kassette an. Horror!" Die Armen. Nichtsdestotrotz: Auch Jason Newsteds Rolle ging weit über die des stummen Bassisten hinaus. Und all dies macht LOAD menschlicher und musischer, wenn Sie wissen, was ich meine. Was noch dazu kommt: In der Vergangenheit preßten Metallica sich recht mühevoll immer haargenau (höhö) die Anzahl von Songs aus den Rippen, die für ein komplettes Album nötig waren. Für LOAD hatten sie plötzlich wie von selbst 30 Songs am Start. 14 davon kennen wir. Was ist mit dem Rest? "Wer weiß, vielleicht gibt's ja schon Ende nächsten Jahres ein RE-LOAD", orakelt Lars. "Kurzzeitig hatten wir sogar mal darüber nachgedacht, ein Doppel-Album zu machen. Aber die Aussicht, für 30 Songs Texte schreiben zu müsm, hätte James zum latent Suizidgefährdeten gemacht."

LOAD ist uneingeschränkt großartig, das berühmte Haar m der Suppe (haartiaar) ist beim besten Willen nicht zu finden. Trotzdem, was beim schwarzen Album begann, wird mit LOAD sicherlich nicht enden. Stichwort: Betrug am System. Für die Leute, die Metallica bereits vor fünf Jahren des Verrats am Heavy Metal bezichtigten, ist das neue Album natürlich Wasser auf die Mühlen, wenn es darum geht, frische, erzkonservativ duftende Scheißargumente zu finden. Der Burschen neue Optik ist eine Sache, aber auch Blues, akustische Gitarren, Countryeinflüsse, Remixe etc. werden ihren Teil dazu beitragen, daß vom Himmel der True Metal Warriors eimerweise Scheiße auf unsere Helden herniederregnet. "Weißt du, wir haben die Klischees, die wir teilweise sogar selbst kreiert haben, über ein Jahrzehnt lang gelebt und genährt", beginnt Lars seine Ausführungen. "Aber hey, es sind fünf Jahre seit der letzten Platte vergangen. Fünf Jahre, in denen wir einfach auch älter geworden sind. Wir sehen jetzt so aus, weil wir uns weiterentwickelt haben, und nicht, weil wir mit dem schwarzen Album so megaerfolgreich waren. Manche Leute interpretieren da immer gerne einen Zusammenhang hinein. Andererseits: Für viele ist Metal eben weit mehr als nur die Musik. Da geht es um eine Lebenseinstellung, um Rebellion und vieles mehr. Und jetzt sehen sie ihre Lieblingsband mit bescheuerten Frisuren und 15 Millionen verkaufter Platten. Ich akzeptiere, daß sich viele dieser Leute! von uns abwenden, rundum verstehet kann ich es allerdings nicht, sorry. Ich! denke, daß es viel mehr ein Betrug anj unseren alten Fans wäre, wenn wir und nach wie vor mit engem, schwarzem Fummel und langen Haaren hinstellen] würden, nur weil man das von uns 1 erwartet. Dann wären wir nicht mehr wir! selbst und somit echte Verräter. Weij weiß, vielleicht sitze ich in ein paar 1 Jahren über den Fotos von heute und denke ,Gott, sahen wir damals scheiße 'aus!'"

Spätestens seit MASTER OF PUPPETS (1986) waren Metallica in der Lage, einfach nur das zu machen, worauf sie Lust hatten. Damit waren sie automatisch cool. Überflüssig zu erwähnen, für wie viele Bands sie die Türen! 'aufgestoßen haben. LOAD nun ist einmal mehr auch ein Statement dafür, daßj diese Band so großartig ist, weil sie immer gemacht hat, wonach ihr der Kopf stand und sich einen Scheiß um] Erwartungen, Trends usw. scherte. Der Name Metallica versteht sich so im Jahre 1996 mehr denn je wie von selbst als iTrademark. Wenn ihnen beispielsweise! vor sechs, sieben Jahren jemand erzählt hätte, daß einer ihrer Songs mal vom Moby geremixt werden würde, hätten sie ihn wahrscheinlich für verrückt erklärt.. Aber SIE haben sich weiterentwickelt von daher war dieser Schritt nur einq logische Konsequenz. "Ich höre viel vonj 'diesem intelligenteren Dance-Zeugs in letzter Zeit. Ursprünglich sollten den Remix von 'Until It Sleeps' sogar die Chemical Brothers, diese englischen Trip Hop-Freaks, machen. Die hatten dann aber leider keine Zeit."

So, wie angedroht gibt's am Schluß die kleine Frisurenkunde. Mit großem Vergnügen littet Lars nun den Schleier, wo die Band denn nun zum Friseur geht. "Ob du's glaubst oder nicht: Es ist die gleiche Stylistin, die auch Jon Bon Jovi die Haare geschnitten hat." Is' nich wahr! "Doch. Sie ist natürlich auch eine gute Bekannte von Bob Rock. Eines Tages kam sie in New York ins Studio und verpaßte uns allen inklusive Bob eine neue Frisur."

Jetzt wißt ihr bescheid. Ich darf an dieser Stelle noch darauf hinweisen, daß Kirk Hammett sich tags darauf ans Steuer des 'Metal Mustang' begab. Mehr darüber im nächsten Heft.

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