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AC/DC: Mit Höllenglocken und Kanonen zum Dinner geladen

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Dieser Artikel erschien in METAL HAMMER-Ausgabe 07/1984 und ist Teil unseres Online-Archivs REWIND. Lest ihn im Originallayout in unserem Heftviewer!

Über 100 Proben dürften ausreichen, den Höhepunkt der Monsters Of Rock Festivals (1.9. Karlsruhe, Wildparkstadion und 2.9. Nürnberg, Zeppelinfeld) zur Show der Superlative werden zu lassen. 100 Proben, das heißt 100 Konzerte in den Stadien, Arenen und größten Konzerthallen dreier Kontinente. 100 Konzerte, das heißt eines der ehrgeizigsten Tourneeprojekte der letzten zwölf Monate, einer Zeit, in der immer mehr Bands in das gleiche Gejammer einstimmen: Tourneen sind zu teuer und zu riskant.

Nicht für AC/DC. Sie scheuen keine Kosten, ihre Gefolgschaft für ihre Zurückhaltung nach dem „For Those About To Rock“-Album (1981) zu entschädigen. Seinerzeit nährten Tourabstinenz und die Verweigerung von Interviews Auflösungsgerüchte, die sich bei uns erst Ende ’82 mit fünf gigantischen Konzerten in Luft auflösten.

Doch die Erholungspause war verdient. Schließlich hatten die australischen Heavies sieben Jahre lang geschuftet wie die Irren. Tournee- und Studiotermine jagten nur so einander, acht LPs wurden in dieser Zeit eingespielt, davon 1976 und 1978 sogar jeweils zwei.

Warum AC/DC solange auf ihr letztes Album „Flick Of The Switch“ warten ließen, erklärt Angus Young gegenüber METAL HAMMER: „Unsere frühen Platten hatten George (Angus’ älterer Bruder, früher Easybeats dann Flash And The Pan) und (sein Miteasybeater) Harry Vands produziert, später war es dann John „Mutt“ Lange (Thin Lizzy, Boomtown rats, Outlaws, Def Leppard usw.). Im Grunde hatten sie aber nicht allzuviel Arbeit mit uns, weil wir sowieso keine Effekte benutzen und einen ziemlich rauhen Sound bevorzugen. Obwohl wir “Flick Of The Switch” selbst produziert haben, hat die technische Seite der Aufnahmeprozedur nur ganze sechs Wochen gedauert. Was sich etwas hingezogen hatte, war das Schreiben der Songs.”

MH: Ihr habt sie also nicht erst im Studio geschrieben?

Angus: “So etwas haben wir früher gemacht. Heute proben wir die Stücke erst richtig ein, bevor wir ins Studio gehen. Manchmal kommt es dann noch hier oder da zu spontanen Veränderungen, doch im wesentlichen steht schon vorher alles fest.”

MH: Seid ihr mit der eigenen Produktion zufrieden? Hattet ihr mit der Technik Schwierigkeiten?

Angus: “Wir mussten sichergehen, dass wir alles richtig machen und nicht etwa die Regler falschrum drehen. Das hat ganz klar länger gedauert als bei versierten Produzenten. Viele Bands benutzen im Studio reichlich Effekte und schwitzen dann später auf der Bühne, um ja den Plattensound zu bekommen. Unser Ehrgeiz war aber immer, auf der Platte genauso wie auf der Bühne zu klingen und ich glaube, dass es uns gut gelungen ist.”

MH: Ihr würdet also durchaus wieder selbst produzieren?

Angus: „Ganz bestimmt. Wir sparen viel Geld dabei!“ (lacht)

Bei den Aufnahmen zu „Flick Of The Switch“ saß noch Phil Rudd an den Drums. Wie sich aber inzwischen herumgesprochen haben dürfte, hat er letztes Jahr die Drumsticks an Simon Wright abgegeben, der zuvor bei Tytan die Felle massierte. An den Job bei AC/DC kam Simon ungefähr so wie die Jungfrau zum Kind, denn AC/DC hatten schon einem anderen Drummer eine ziemlich feste Zusage erteilt und wollten nur vollständigkeitshalber die letzten Bewerber abchecken.

Als Simon dann bei den Proben losdrosch wie ein Vulkanausbruch, war für AC/DC alles gesprochen: Simon und kein anderer. Der fiel natürlich aus allen Wolken: Bis er den Proberaum betreten hatte, hatte er keinen blassen Dunst bei wem er sich beworben hatte. Dass es AC/DC waren, seine Idole, die er wie das Goldene Kalb verehrte, hatte ihn dann voll vom Sockel gehauen.

Bereits in den siebziger Jahren galten AC/DC als „Beste Hardrockband der Welt“. Der weltweite Heavy Metal Boom der letzten Jahre hat aber auch neue, junge Gruppen auf den Plan gerufen. Hardrock und Heavy Metal Bands wie Ouiet Riot. Metallica, Def Leppard oder Mötley Crüe sind zu Größen herangewachsen und beweisen aufs neue den alten Spruch: “Die Konkurrenz schläft nie!” Dazu Angus:

“Rock’n’Roll ist ein weites Feld und wir freuen uns um jede gute, neue Rockband, die Erfolg hat. Bei Rock geht es um ein bestimmtes Feeling, ein Gefühl von Freiheit und je mehr Rock gespielt und gehört wird, um so besser. Bei unseren Konzerten haben wir immer unser bestes gegeben und ich meine, dass es nie wenig war. Unsere Fans sind uns immer treu geblieben und es werden sogar immer mehr. Wir können nur noch in den größten Hallen und Stadien spielen und unsere Tournee war bis jetzt ausverkauft, die Kids sind wie verrückt nach uns. In Toronto kamen sogar 45.000 zu unserer Show.”

Konkurrenz ist für AC/DC also kein Thema. Sie haben nichts zu befürchten.

Und das die Schwermetaller bei ihren Konzerten nicht “Backe Backe, Kuchen” spielen, dürfte inzwischen schon Rocklegende sein. Wenn Angus Young auf der Bühne in Fahrt kommt — und das kommt er regelmäßig — ist er nicht mehr Herr über sich selbst, dann zieht der HM-Satan die Fäden und peitscht Angus über die Bühne, dass er gut und gerne 10 Pfund bei den zweistündigen Konzerten runterschwitzt. Power first class.

Mal thront Angus auf den Schultern von Leadvocalist Brian Johnson, steigt mit ihm herab in die johlende Menge wälzt sich wie von tausend Taranteln gestochen auf der Bühne ohne nur für den Bruchteil einer Sekunde das Solo zu unterbrechen oder lässt im gleisenden Scheinwerferlicht den Hintern glänzen wie den Mond von Wanne-Eicke. Da treten einem glatt die Augen über.

Natürlich quetschte METAL HAMMER Angus auch über die bevorstehenden Monsters OF Rock Festivals aus.

MH: Setzt ihr immer noch die Höllenglocken bei euren Konzerten ein?

Angus: „Ist doch klar. Die kündigen immer unser Dinner an!“

HM: Habt ihr auch noch andere Überraschungen auf Lager?

Angus: “Wir haben uns einige nette Überraschungen überlegt, nur muss ich sie noch geheim halten. Sonst wären sie ja auch keine Überraschungen mehr, oder?”

MH: Komm Angus, deute wenigstens was an.

Angus: „Also gut. Wir haben uns ziemlich viel ausgedacht und eins sei uns verraten: Wir haben auch einige Kanonen dabei, aber wir konzentrieren uns hauptsächlich auf den Auftritt und die Songs.“

Das muss man sich einmal vorstellen: behauptet der, sie haben richtige Kanonen dabei und dann wollen sie sich auf den Auftritt konzentrieren! Hartgesotten, kann man da nur noch sagen und abwarten, ob nicht Angus wie Münchhausen übers Festivalgelände fliegt.

Aus den Staaten kam übrigens die Meldung, daß AC/DC in Seattle mit den lieben Kanönchen mal so eben ein Riesenloch in die Stadionüberdachung geblasen haben. Kann ja mal vorkommen — versehentlich natürlich. 10.000 Dollar mussten die Jungs für den Spaß, äh für das Versehen berappen. Auch kein Pappenstiel.

Nun gut, lassen wir die Spannung bis zu den Monsterfestivals wachsen. Egal, wie auch das Drumherum aussehen wird (und es wird gigantisch sein), eines ist auf jeden Fall jetzt schon sicher: ein Konzert mit AC/DC ist ein totales Erlebnis— Rock hart, Rock pur und rauh, Rock, wie es intensiver nicht mehr geht.

Was Angus nicht geheimhalten wollte, sind die Neuveröffentlichungen der Band. Zwar steht zur Zeit noch keine neue LP ins Haus, doch ein paar nette Kleinigkeiten helfen, bis dahin die Zeit zu überbrücken.

Vom Album „Flick Of The Switch“ wurde „Nervous Shakedown“ auf Single ausgekoppelt. Das an sich ist nichts Wildes und höchstens ein Trostpflaster für diejenigen, die das Album noch nicht besitzen (ei, ei, ei). Was aber fetzt, ist die B-Seite: ein Livetrack von „Noise Pollution“, aufgenommen in Detroit während der letzten US-Tournee.

Und was total abfedern lässt, ist die B-Seite zur 12“ Maxi von Nervous Shakedown“. Dort gibt’s gleich zwei Veröffentlichungen von besagtem Detroit-Konzertet: „This House Is On Fire“ und das schon ältere „Sin City“. Reinste Leckerbissen!

Da wir gerade auf die Musik zu sprechen kamen: im Gespräch ist er übrigens genauso nett, freundlich und ausgelassen wie ein englischer Schulbub, dessen Schuluniform und Ranzen traditionell Angus bei seinen Auftritten zieren (bis ihm, recht schnell, die Krawatte zu eng und das Jackett zu heiß werden) – ließ sich Angus auch noch einiges zu den Festivals aus der Nase ziehen (doch nach Überraschungen verraten, Yeah).

“Obwohl wir nur ungern Material spielen, das noch nicht endgültig für ein Album arrangiert wurde, haben wir auch schon neue Songs in unser Repertoire aufgenommen. Einige alte Stücke werden wir auch spielen und außerdem jammen wir ganz gerne auf der Bühne.“

HM: Werdet ihr auch mit anderen Musikern, die auf dem Festival spielen jammen?

Angus: Oh, die könnten ja besser klingen als wir!“ (Lacht)

Bevor jedoch AC/DC bei uns ihre Shows abziehen können, gibt es für die Jungs in Europa noch reichlich zu tun. Ganz oben auf der Liste steht, wie könnte es anders sein, das Monsters Of Rock Festival Castle Donnington in England. Das war schon immer gut fürs Prestige. Nicht, dass es AC/DC nötig hätten, aber allein für Bon Scotts Nachfolger Brian Johnson, der Röhre aus Newcastle, wie auch für Drummer Simon Wright wird es schon ein Abgang sein, ihre Fans von England bedeutendster Heavy Metal Bühne aus zu begrüßen.

Inzwischen haben sich beide in die Band eingelebt und werden von den anderen Gleich- und Wechselstromlern geschätzt und geliebt wie einst Bon Scott und Phil Rudd.

Angus: „Brian ist unheimlich fit. Auf der Bühne überzeugt er genauso wie Bon. Er ist ein etwas anderer Charakter als Bon, er ist humorvoller. Bons Humor war sehr spitzfindig und bissig. Brian hingegen ist sehr offen. Er braucht Publikum für seine Witze und er bringt auch tatsächlich die ganze Mannschaft zum Lachen.“

Insgesamt gesehen ganz schön viel, was AC/DC nach ihrer Verschnaufpause alles in Gang gesetzt haben:” Flick Of The Switch” haben sie in Eigenregie produziert, ein neuer Drummer wurde gesucht und gefunden, über hundert Städte wurden mit superheißen Konzerten in ihren Grundfesten erschüttert. Doch damit nicht genug der guten Taten. Auch Videos wurden von den Hardrockern im vergangenen Jahr produziert. Doch bis sie einmal in den deutschen Handel kommen oder in den Rockmusik diskriminierenden und verschlafenen deutschen Fernsehanstalten gesendet werden, haben AC/DC bestimmt schon wieder das nächste Album herausgebracht.

Im amerikanischen MTV (Rock- und Popmusik rund um die Uhr!) laufen zumindest schon lange die elf (!) verschiedenen Versionen von „Flick Of The Switch“. Rock pur ohne große filmische Raffinessen, dafür aber mit Urpower. Wer bei uns AC/DC sehen will, kann, muss, darf das nur live. Und eines steht schon jetzt glasklar fest: Wer zu den Monsters Of Rock Festivals nicht pünktlich erscheint (am besten schon jetzt die Karten kaufen), der bekommt einen fetten Eintrag im HM-MH-Klassenbuch. Basta!

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