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Metal Hammer

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Anspruchsvolle Stilvielfalt

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Fragt man Metal-Fans nach den wichtigsten Veröffentlichungen der letzten Monate, fallen fast immer auch die Namen Dream Theater (mit SYS” TEMATIC CHAOS), Rush (SNAKES & ARROWS), Porcupine Tree (FEAR OF A BLANK PLANET) und – ganz aktuell – Symphony X (PARADISE LOST). Vier Scheiben, eine Richtung: Prag Metal. Und auch im Rock-Bereich schwärmt alles von neuen aufregenden Gruppen wie Muse oder The Mars Volta. Was also ist dran am neuen Phänomen? Was davon ist innovativ, was dagegen eher retro und lediglich aufgewärmt?

Wie auch immer die Antwort ausfällt – eines scheint sicher: Die Zeiten spartanischer Instrumentierungen und banal-flacher Arrangements gehören der Vergangenheit an. In einer zunehmend von ökonomischen Gesichtspunkten regierten Welt breitet die Metal-Szene in künstlerischer Hinsicht ihre Flügel aus. Dabei muss man noch nicht einmal intellektuell vorgebildet sein – wie manchmal bei den großen Kunst-Rock-Epen der Siebziger – oder gar selbst ein Instrument spielen können, um diese Musik zu genießen.

Die neuen Prog-Metaller verbinden Anspruch mit Geradlinigkeit, Symphonisches mit Härte, Spaß mit Niveau. Das ist gut so und Grund genug für eine etwas längere Bestandsanalyse – zumal so manchem Fan die Frage unter den Nägeln brennt: Woher stammt diese Musikrichtung eigentlich? Wer hat sie entwickelt und wie ist sie entstanden?

Die Siebziger: Dar Prog lernt laufen

Alles begann in den späten Sechzigern. Denn eigentlich waren die Beatles die erste Prog Rock-Band der Welt. Die Beatles? Schon in den Sechzigern? Ja. Denn viele Musiker jener Jahre, die später selbst zu Prog- oder Art Rock-Stars wurden, bekennen sich offen zu SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND (1967) als ihrem prägendsten Einfluss. Die Fab Four führten auf SGT. PEPPER das bis dato bevorzugte Prinzip der Single ad absurdum, experimentierten mit ausladenden Klang-Collagen, rückwärts abgespielten Tonspuren oder schrägen Harmonien. Sie erfanden quasi das Konzeptalbum als Gegenpol zur kurzen Radionummer. Die Zeit braver Gitarrenakkorde und schnulziger Gesänge war bei der wichtigsten Pop-Band der gesamten Musikgeschichte vorbei und hinterließ eine Saat, die in voller Blüte erst drei Jahre später aufging.

Dazwischen lag noch Woodstock – jenes Hippie-Festival mit dem berühmt gewordenen Flower-Power-Flair.

Aber auch Altamont-die von einem Mordfall überschattete Open Air-Tragödie der Rolling Stones, zudem die zwanzigminütige Psychedelia-Hymne IN-A GADDA-DA-VIDA(1968) von Iron Butterfly und die Rock-Oper TOMMY von The Who. Vier Ereignisse, die als Summe eine musikalische Revolution auslösten. Plötzlich wollte jeder die kosmischen Klänge, die wirren Sound-Basteleien, anspruchsvollen Themen und knalligen Artworks – vor allem die Kunstwerke der britischen Kunstschmiede Hipgnosis um Chefdenker Storm Thorgerson und des Cover-Künstlers Roger Dean.

Die Musiker zitierten zunehmend weltentrückte Gedichte namhafter Dichter anstatt schwulstiger Liebesprosa mit Schmuseeffekt und ergingen sich in minutenlangen Instrumental-Soli. Auch Drogen gehörten fast zwangsläufig dazu. Halb Amerika schwor auf die bewusstseinserweiternde Wirkung von LSD und ließ sich nur allzu gerne die Sinne vernebeln, um die neue Musik zu konsumieren. Letztendlich spielte vor allem die Erfindung und rasante Weiterentwicklung des Synthesizers eine entscheidende Rolle: Mit diesen modernen Geräten ließen sich vorher unbekannte Töne erzeugen. Mellotron und Orgel bekamen dank Erfinder Robert Moog einen deutlich vielseitigeren Bruder, dessen Sound-Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt waren.

Anstatt nur mit Gitarre, Bass, Schlagzeug, Gesang und gegebenenfalls Piano zu musizieren, erweiterten zunehmend mehr Bands die Möglichkeiten ihres Kreativspektrums mithilfe der schwarzen und weißen Tasten. Keith Emerson von Emerson, Lake & Palmer beispielsweise hatte plötzlich ein Forum gefunden, um seine klassische Ausbildung und sein Faible für harten Rock zu einer neuen Ausdrucksform zu verbinden. War die erste Emerson, Lake & Palmer-Single-Auskopplung ‘Lucky Man’ noch ein schüchterner Versuch neuartiger Klänge, bürstete das Trio im opulenten PIC-TURESATAN EXHIBI-TION(1971)Mussorgskys Klaviersuite ‘Bilder einer Ausstellung’ aus dem Jahre 1874 gen Prog Rock.

Was folgte, waren Scharen an neuen Bands, die von der Plattenindustrie nur allzu gerne ermutigt wurden, diese neue Musik zu verfeinern. Genesis setzten sich mit THE LAMB LIES DOWN ON BROADWAY (1974) ein eigenes Denkmal. Pink Floyd kreierten mit DARK SIDE OF THE MOON (1973) einen Klassiker für die Ewigkeit: Weit mehr als 700 (!) Wochen hielt sich diese Scheibe ununterbrochen in den amerikanischen Billboard-Charts und konnte sich bis heute über 35 Millionen Mal verkaufen. Und wer den Pink Floyd-Boss Roger Waters im April diesen Jahres mit einer Neuauflage seiner Erfolgsscheibe durch Deutschland hat touren sehen, konnte erkennen, dass dieses Monumentalwerk auch in den zurückliegenden knapp 35 Jahren nichts an Aktualität eingebüßt hat – nicht einmal produktionstechnisch. Sicherlich gehören auch Yes mit ihren Werken CLOSE TO THE EDGE (1972) und dem fernöstlich inspirierten TALES FROM TOPOGRAPHIC OCEANS (1974) zu den Pionieren des Prog Rocks – ebenso wie Gentle Giant oder Magma.

Und nicht zu vergessen: Sogar Lemmy Kilmister, heutiger Chef von Motörhead, machte einst Prog Rock: Seine Band Hawkwind veröffentlichte mit ‘Silver Machine’ den ersten Psychedelic-Superhit der Geschichte – also quasi den Vorläufer dessen, was Monster Magnet mit ‘Space Lord’, vor allem aber mit dem blubbernden Kosmos-Knaller ‘Negasonic Teenage Warhead’ (von DOPES TO INFINITY, 1993) gut zwanzig Jahre später wieder aufgriffen.

Die Achtziger: Der Prog wird metallisch

Die Weltlage war angespannt genug. Die Menschen suchten in der Musik Ablenkung, anstatt sich akustisch noch mehr mit dem Kalten Krieg und sozialen Missständen zu belasten. So wurde der rebellische Punk einerseits von der New Wave of British Heavy Metal, aber auch einer Nachfolgebewegung im anspruchsvollen Rock-Bereich, kurz Neo Prog genannt, abgelöst. Prog-Giganten wie Genesis, Yes oder Pink Floyd entwickelten sich in eine modernere, eingängigere Richtung – wie übrigens auch Rush auf der gegenüberliegenden Seite des Atlantiks. Bitter nötig, denn die Fans sehnten sich nach harmonischen Klängen und schienen mit der verschrobenen Musik der Siebziger nichts mehr anfangen zu können-ja, sie beschrieben sie sogar als altmodisch und bieder. Die Folge eines neuen Zeitgeistes.

Neo Prog orientierte sich sehr stark am klassischen Progressive Rock des vorigen Jahrzehnts, war jedoch wesentlich melodischer, beim Gesang theatralischer und grundsätzlich kommerzieller. Das schlug sich jedoch seltsamerweise – mit einer Ausnahme – nicht in den Verkaufszahlen der essenziellen Vertreter dieser Bewegung nieder: IQ, Twelfth Night, Pallas, Marillion und Pendragon. Letztere wurden von Nick Barrett gegründet, einem Neffen von Syd Barrett – Gründer, Namensgeber und in den ersten Jahren Kopf von Pink Floyd: Er wurde als psychisch gestört, als schizophren beschrieben und durch David Gilmour ersetzt. Marillion waren anfangs als reine Genesis-Kopie verschrien, was insbesondere an den Live-Shows lag: Bei diesen schminkte und gebärdete sich Sänger Fish ähnlich wie Peter Gabriel. In der Folgezeit konnten Marillion sich mit exquisiten Alben Respekt verschaffen. Spätestens nach dem für die Band stilistisch nicht repräsentativen Single-Erfolg von ‘Kayleigh’ füllten sie die größten Hallen in ganz Europa.

Weit innovativer präsentierte sich die Situation in den USA. Der Heavy Metal brach Härterekorde. Die Fans zeigten sich begeistert von der “härter, schnell, lauter-Attitüde”. 1985 erschien das zweite Album einer Band, die als Inbegriff des Progressive Metal gilt: Fates Warnings THE SPECTRE WITHIN. Leider blieb ihnen der entscheidende Durchbruch verwehrt, aber ihr mächtiger Einfluss ist unbestritten. Wahrscheinlich würden Dream Theater ohne die Inspiration von Fates Warning anders klingen, denn die studierten New Yorker Musiker bezogen sich immer wieder auf ihre Freunde aus Connecticut als Vorbilder. Als Fates Waming-Sänger John Arch die Truppe nach dem Jahrhundertwerk AWAKEN THE GUARDIAN verließ, wollten Dream Theater zugreifen, weil sie sich mit den von Charlie Dominici gezeigten Leistungen auf ihrem Debüt WHEN DREAM AND DAY UNITE nicht zufrieden zeigten. Nach gut verlaufenen Proben zog es der introvertierte John Arch allerdings vor, sich aus der Musikszene zu verabschieden. Als Nutznießer entpuppte sich James LaBrie – über den sich Dream Theater-Bandboss Mike Portnoy während der vergangenen fast zwei Jahrzehnte nicht immer wohlwollend äußerte.

Queensryche landeten 1988 mit ihrem Konzeptwerk OPERATION MIND-CRIME weltweit einen Megahit und stiegen mit EMPIRE (1990) gar in Superstar-Gefilde auf. OPERATION MIND-CRIME schwebt seither wie ein Damoklesschwert über den Köpfen der Combo: Die Erwartungshaltung von Presse und Anhängern war erdrückend, und nahezu jedes ihrer Alben seit 1990 musste sich massiver Kritik der Öffentlichkeit erwehren.

Iron Maiden gönnten sich mit ‘Rime Of The Ancient Mariner’ kleine Ausflüge ins Land des Prog. Die Strukturen mancher Songs auf MASTER OF PUPPETS und diversen Werken von Megadeth drängten sogar Metallica und Dave Mustaine in diese Richtung. Mercyful Fate gelten bis heute als pure, unverfälschte Metal-Pioniere – sind sie auch, aber blickt man hinter die Fassaden von MELISSA oder DONT BREAK THE OATH, sind an allen Ecken und Enden progressive Elemente aufzuspüren – ohne Lupe und große Anstrengung.

Watchtower loteten das technisch Machbare auf CONTROL AND RESISTANCE aus, betteten hektischen Thrash und Speed Metal in unfassbar komplizierte Arrangements. Mehr geht nicht. Voivod lenkten ab DIMENSION HATRÖSS ihr von einer konzeptionellen apokalyptischen Endzeit-Geschichte geführtes Gesamtschaffen in experimentelle, futuristisch anmutende Bahnen. Und wie so oft im Progressive-Genre entfalteten auch diese Scheiben ihre anfangs nicht greifbare Faszination erst nach einiger Zeit. 1989 spielten Atheist ihren Erstling PIECE OF TIME ein, eine jazzige Annäherung von Death Metal und Prog – und ein Hinweis darauf, dass die Grenzen progressiver Musik noch lange nicht ausgereizt waren.

Die Neunziger: Die neue Vielseitigkeit

Während Grunge zum nächsten großen Trend avancierte und “Metal ist tot”-Diskussionen die Runde machten, überschlugen sich in der ersten Hälfte der Neunziger im Prog-Genre die Ereignisse: 1990 erschien A SOCIAL GRACE von Psychotic Waltz: eine ausgesprochen basisch, von Frank Zappa und Jethro Tüll inspiriert klingende Truppe aus San Diego – mit einem Sänger, der permanent stoned war, und einem Gitarristen, der im Rollstuhl saß. “Gigantische Band, aber die Diskrepanz zwischen künstlerischem Genie und gleichzeitigem Unvermögen, normale Alltagssituationen vernünftig zu beurteilen, machte eine Kooperation nicht immer einfach. Während einer Tournee-Pause wurden Psychotic Waltz zehn Tage von mir privat untergebracht. Dabei vermissten zwei Musiker ihre Freundinnen so sehr, dass Telefonkosten von 8.000 DM anfielen”, plaudert Clemens Väth, damaliger Label-Chef von Rising Sun, aus dem Nähkästchen.

Chuck Schuldiner rekrutierte 1991 für die Aufnahmen von HUMAN die immens versierten Musiker Sean Reinert sowie Paul Masvidal, die Death in eine ungewohnt technische, vertrackte Richtung führten. Reinert und Masvidal traten später mit dem avantgardistischen FOCUS von Cynic in Erscheinung. Ob Neurosis nun Prog sind oder nicht, bleibt dahingestellt, aber SOULS AT ZERO dürfte Stilfreunden gefallen, und ohne Neurosis hätte es Cult Of Luna oder Isis nie gegeben. The Gathering setzten mit ALWAYS… dahingehend Akzente, dass die ausufernden, sehr Keyboard-lastigen Stücke von wunderbarem Frauengesang und wüstem Männergebrüll begleitet wurden. Eine wichtige Band – permanent auf der Suche nach neuen Ufern – die ihre progressivsten Momente auf HOW TO MEASURE A PLANET hatte.

Dream Theater gelang 1992 mit IMAGES AND WORDS ein explosionsartiger Durchbruch: Seither sind sie die unbestrittenen Anführer der gesamten Szene und spieltechnisch wohl nicht zu übertreffen. Sie animierten Heerscharen von jungen ehrgeizigen Musikern, den Hauptanteil ihrer Zeit in Proberäumen zu verbringen. Threshold wurde nach ihrem Debüt WOUNDED LAND zugetraut, neben Dream Theater eine Vorreiterrolle zu spielen. Eventuell unter Hinzunahme von Symphony X.

Machine, The Tea Party, The God Machine, Civil Defiance, Tribe After Tribe, Warrior Soul oder King’s X.

Progressive Musik war lebendig, variabel und aufregend wie nie und rettete durch diesen Fakt sicherlich den traditionellen Progressive Rock. Die Berührungsängste der Fans gegenüber ungewohnter Musik verringerten sich. Die Presse-Berichterstattung förderte den Entdeckergeist des Publikums heraus. Sogar Siebziger-Puristen zeigten plötzlich Interesse an härterer, aber eben kreativ wertvoller Musik. Und andersherum waren Pink Floyd, Marillion oder King Crimson keine böhmischen Dörfer für Metaller mehr. Prog wurde massentauglicher und war schon lange nicht mehr nur in britischer Hand. Eine Strömung, die außer handwerklicher Kompetenz und songschreiberischer Klasse ein großes Maß an Leidenschaft voraussetzt. Nicht umsonst können etliche Gruppen auf Karrieren über mehrere Jahrzehnte zurückblicken, obwohl sich die Illusion auf entscheidenden Erfolg bereits lange erledigt hatte.

Die am Boden liegenden Marillion machten sich selbstständig und bauten mithilfe ihrer Homepage durch zahlreiche Aktionen eine einzigartige Beziehung zu ihren Fans auf. So sammelten sie vorab Geld, um die Aufnahmen von ANORAKNOPHOBIA finanzieren zu können: 12.000 Anhänger gingen in Vorleistung – ein Jahr vor Veröffentlichung des Albums. Heute stehen Marillion auf gesunden Füßen.

Sogar im Black Metal hielten progressive Merkmale Einzug – zu hören 1997 auf ANTHEMS TO THE WELKIN AT DUST und sämtlichen Nachfolge-Scheiben von Emperor. Natürlich distanzierte sich die Band selbst von derartigen “Vorwürfen”. Wie übrigens auch zahlreiche Bands von King Crimson über Van der Graaf Generator bis hin zu Porcupine Tree – eine Gruppe, angeführt von Genie Steven Wilson und bereits Ende der Achtziger gegründet. Doch erst 1999 konnten die Londoner für STUPID DREAM einen Partner finden, der die Alben flächendeckend in die Läden stellte. Porcupine Tree entwickelte sich ab diesem Zeitpunkt zu einer der einflussreichsten Combos der jüngeren Vergangenheit. Spock’s Beard und The Flower Kings besannen sich auf Mellotron oder Hammondorgel zurück, wofür flugs die Schublade Retro Prog geöffnet wurde. Ayreon deckten mit ihren fulminanten Rock-Opern viele Facetten progressiver Musik ab. Meshuggah oder Nile ließen in den Neunzigern erstmals die Kinnladen runterklappen.

“Solche Bands wecken aufgrund ihrer Extremität breites Medieninteresse, auch auf Plattformen, die unseren anderen Bands verschlossen bleiben”, meint Andy Siry, A&R von Nuclear Blast. “Wir würden unseren progressiven Truppen nie in ihre Musik reinreden. Wenn ich Bäcker bin, kann ich auch und die Wurst produzieren. In eine ähnliche Kerbe schlägt Robert Kampf, Inhaber von Century Media, “Es ist oft so, daß es eine Weile dauert, eine Band zu breaken, aber andererseits halten die Karrieren von Proggies länger an. Deshalb hält uns nichts davon ab, klasse Kapellen wie Into Eternity, Extol oder Strapping Young Lad zu signen.”

Das neue Jahrtausend: Prog ist salonfähig

Wohin zieht die Prog Metal-Karawane? Was sind die aktuellen Trends? Was ist innovativ und zeigt uns, wie die Zukunft aussieht? Was dagegen wird aussterben?

Nun, ein wichtiger Trend ist – neben der enormen Stilvielfalt, die mittlerweile herrscht-auf jeden Fall auszumachen: Der Weg führt den Prog Metal seit Jahren immer tiefer in wirklich derbe Ausdrucksformen. Opeth sind die Könige des Death-Progs, mit Anleihen von Camel bis In Flames oder Soilwork. Von grimmigsten Todesgrunzern, zwischen knüppelharten Gitarrenriffs und brachialen Rhythmen, meistert ßandleader Mikael Äkerfeldt immer wieder die Kurve zu sphärischen Momenten. Ähnliches vollführen zurzeit Mastodon, die verschiedenste Musikstile von Prog über Sludge bis Hardcore in ihrem Stil vereinen. Im Herbst 2006 spielten Mastodon noch im Vorprogramm von Tool, Anfang 2007 folgten dann Shows unter anderem mit Slayer. Zudem machte die Band in diesem Frühjahr mit großem Erfolg die amerikanische Westküste unsicher. Dieser Truppe gehört sicherlich die Zukunft.

Auch Mars Volta prügeln ihre Nummern gar unbarmherzig gen Hardcore und mischen diesen mit feinsten Prog schiedlichsten Genres, nennt seinen Kreuzzug “Infinity Metai” und stellt folgende These in den Raum: “ZILTOID klingt in etwa so wie das, was ein Alien produzieren würde, wenn es in einer Metal-Band wäre.” Dabei dient ihm eine Puppe als Medium, auf das so ziemlich jeder Wunsch projiziert wird, den ein Mensch in seinem Inneren mit sich herumträgt: Allmachtsphantasien, die Hoffnung auf Schönheit, Stärke, Einfiuss. Townsend: “ZILTOID ist nur ein Vehikel für die Idee, phantastische Selbsteinschätzungen auf andere zu übertragen.”

Sogar Dream Theater präsentieren sich auf ihrem aktuellen Opus SYSTEMATIC CHAOS ungewohnt sperrig. Noch 2004 versuchten die Musiker auf OCTAVARIUM vergeblich, sich in das Mainstream-Fahrwasser einzuschleusen – haben diesen Schritt jedoch mittlerweile als fatalen Irrtum erkannt. “Heutzutage braucht man als Band eine eindeutige Identität”, erklärt Gitarrist John Petrucci. “Wir haben gemerkt, dass sich die Musik auf OCTAVARIUM zu stark in eine Richtung veränderte, in die wir eigentlich nicht wollen. Wir alle lieben die Herausforderung, die der Metal mit sich bringt. Die Zukunft von Dream Theater wird also stärker Metal-orientiert sein.” Ganz ähnlich äußert sich Gittarist Michael Romeo von Symphony X. Auch seine Band bürstet ihre Stücke anno 2007 deutlich und aggressiver und dynamischer als noch vor fünf Jahren. So heavy und aggressiv klang die Band noch nie.” Wer es so richtig dunkel mag, ist wiederum bei Tool an der richtigen Stelle. Wer eine aktualisierte und etwas härtere Variante von Rush sucht, sollte Coheed & Cambria ins Auge fassen, und wer thrashigen Prag bevorzugt, liegt bei Communic richtig.

Wo bleiben zurzeit Ressourcen offen? Welches Terrain bietet noch interessante Entwicklungsmöglichkeiten? Möglicherweise liegen diese im Hybrid aus Metal und fernöstlichen Klangstrukturen. Dem Prog Metal könnten auch World Music-Einflüsse gut zu Gesicht stehen: ähnlich wie Anfang der Siebziger, als Led Zeppelin orientalische Klänge in ihren breitwandigen Hard Rock einpflanzten. Oder wie bei Embryo – Deutschlands wohl innovativster Jazz Rock-Gruppe der zurückliegenden dreißig Jahre – die mit Unterstützung des Goethe-Instituts Indien und Afrika bereiste, um sich künstlerisch inspirieren zu lassen. Um in diesem Zusammenhang noch einmal das Beispiel Dream Theater aufzugreifen: Mit dem Stück ‘Repentance’ von SYSTEMATIC CHAOS gelingt Portnoy & Co. eine Art Parforce-Ritt durch die gesamte Historie des progressiven Rocks – beginnend bei ‘Set The Controls For The Heart Of The Sun’ (Pink Floyd) über ‘Gallows Pole’ (Led Zeppelin) bis hin zu ‘Govinda’ (Kula Shaker).

Die deutsche Prog-Szene

In Deutschland taten sich Rock-Musiker von jeher schwer, überhaupt eine eigene Identität zu bekommen. Das “kulturelle Erbe” des dritten Reichs mag dabei sicherlich eine Rolle gespielt haben, aber auch die Aufbaujahre der Fünfziger und Sechziger, die neben harter Arbeit wenig Platz für musische Belange ließen. Bis in die Siebziger hinein adaptierten deutsche Künstler mehr oder minder lediglich das, was ihnen aus Amerika und England vorgesetzt wurde. Wer in den Anfängen des Prog Rock also Grobschnitt, Hoelderlin, Novalis oder Faust hörte, konsumierte irgendwie auch immer ein Stück King Crimson, Yes, Alan Parson und ähnliches. Die Kritikerlieblinge Can waren eher avantgardistisch als progressiv, Kraftwerk und Popol Vuh zwar experimentell, aber ohne wirklich epischen Bezug.

Alsdann international der Prog Rock ziemlich radikal vom Punk abgelöst wurde – nach 1977 bekam kaum noch eine der bis dato etablierten Bands ein Bein an Deck – und Deutschland mit der albernen Neuen Deutschen Welle (Nena, Peter Schilling, Frl. Menke und ähnliche Katastrophen) betont spaßig nachzog, spülte dieser Trend nahezu alle seriös musizierenden Gruppen innerhalb weniger Monate weg. Was blieb? Ratlose Gesichter und eine Plattenindustrie, die sich wie immer an den lukrativen NDW-Trend hängte und sich von allem trennte, was nicht mehr hip zu sein schien. Übrigens ein Phänomen, das sich bis heute wie ein roter Faden durch das Geschäftsgebaren fast aller großen Labels zieht. Dazugelernt hat kaum jemand etwas – so gesehen ist das Sterben riesiger Plattenmultis auch ein Stück weit hausgemacht.

In den Achtzigern dümpelte die Prog Rock-Szene in Deutschland mehr oder minder vor sich hin. Sieges Even veröffentlichten 1986 ihr erstes Demo SYMPHONIES OF STEEL – der Titel dokumentiert bereits den künstlerischen Spagat der Truppe – und gehörte damit zu einer der ersten Gruppen, die sich um einen neuen Stil bemühten. Ungeduld der Hörer auf immer neue und kürzere Sequenzen geradezu heraufbeschworen wurde. Wirklich zuhören will jedenfalls eigentlich keiner mehr-jedenfalls nicht, wenn es mal kompliziert, ungewöhnlich oder innovativ wird.

Und so gibt es mit Blind Guardian und Vanden Pias letztendlich wohl nur zwei deutsche Bands, die sowohl künstlerisch als auch kommerziell über die Grenzen Deutschlands hinaus von Bedeutung sind. Liegt es an mangelnden Englischkenntnissen? Immerhin durchzieht fast alle wirklich wichtigen Prog Metal-Werke (man denke nur an OPERATION MINDCRIME von Queensryche oder Dream Theaters SCENES FROM A MEMORY) ein komplexes lyrisches Konzept, für das man die Sprache mit der Muttermilch aufgesogen haben sollte. In Deutschland ist also alles fad? Nun, zumindest nicht annähernd so wegweisend wie etwa Mars Volta, Tool, Muse, Opeth, Neurosis.

Aber es gibt auch Hoffnung und dazu einige Bands, die das Zeug zu ganz Großem haben. Namen? RPWL sind schon lange aus dem Schatten ihrer Idole Pink Floyd herausgetreten und kreieren eigenständig Großartiges. Und mit Sylvan, The Amber Light und Disillusion besitzen mindestens drei weitere aktuelle Gruppen das Potential, auch international etwas zu reißen. Man muss den Musikern nur die Zeit zum Reifen geben.

Abschließend: Wen haben wir bei dieser Aufzählung vergessen? Viele. Sicherlich zu viele. Natürlich werden die Fans schreien: Wo bitteschön bleiben Enchant, Payne’s Gray, Radiohead, Secrecy, Mekong Delta, Kansas, Amon Düül II, Jethro Tüll, Saga, Transatlantic, Jelly Jam, The Fläming Lips, Hades, Blue Öyster Cult, Vauxdvihl, Shadow Gallery, Alchemist, Pestilence, Hexenhaus? Keine Sorge: Niemand ist vergessen, alles ist registriert, wird geliebt und gefeiert – und sorgt dafür, dass keine Szene so lebendig ist (und war), wie die der progressiven Rock-/Metal-Musiker.

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