Toggle menu

Metal Hammer

Search

Darkthrone: Früchte des Zorns

von
teilen
teilen
twittern
teilen
mailen

Bei Darkthrone im Studio herrscht eine ganz besondere Atmosphäre. Die beiden Protagonisten bilden eine präzise aufeinander abgestimmte Einheit mit klarer Rollenverteilung, die auf gemeinsam durchlebten Erfahrungen und tiefem gegenseitigen Respekt fußt: Nocturno Culto, der mit seiner Familie im bergigen Hinterland auf einem Waldhof wohnt, führt ebenso unaufdringlich-ruhig wie bestimmt das Kommando. Er ist bei jedem Arbeitsschritt anwesend, beobachtet und greift sofort ein, wenn er es für erforderlich hält. Seinen Gegenpol findet der stille, blonde Hüne im temperamentvollen Hauptstadt-Bewohner Fenriz, der immer dann erscheint, wenn es gerade nötig ist. Dies liegt natürlich auch daran, dass der Schlagzeuger tagsüber seiner Arbeit im Keller der norwegischen Post nachgeht. Fenriz begleitet den Prozess gerne mit scharfen Analysen und spitzer Zunge, worauf Nocturno aber völlig gelassen reagiert. Das Duo agiert jederzeit mit der schlafwandlerischen Sicherheit eines alten Ehepaares.

Jonas und der Wal

Die Wahl des Studios fiel diesmal auf das Subsonic Society Studio mitten im Zentrum von Oslo. Fenriz störte sich schon bei den Aufnahmen zu HATE THEM an der für ihn viel zu hohen Besucherzahl im etwas abseits gelegenen Pan Lyd Studio. Das kann im aktuellen Aufnahme-Bunker wohl kaum passieren, denn der Begriff “Studio” ist angesichts der Örtlichkeit fast übertrieben. In einem kleinen Einfamilienhaus, durch das der Geruch süßlicher Hanfschwaden wabert, geht es schnurstracks in den Keller. Der stellt sich als schlauchartiges Etwas mit drei extrem engen Räumen heraus. Alle Aufnahmen finden in einer kleinen Besenkammer statt, in die das Schlagzeug gerade so reinpasst. Für eine Foto-Session mit Fenriz müssen erst die Becken abgeschraubt werden. Im Durchgang dieser Zelle macht sich Nocturno dann mit den Saiteninstrumenten und seinem Gesangsmikro breit – oder besser gesagt: dünn. Im Vorraum hat Tontechniker Lars Klokkeberg, der darauf besteht, kein Produzent zu sein, denn Darkthrone produzieren sich selbst, seine Computertürme und das Mischpult installiert.

Wer rastet, der rostet

Kaum sind an diesem Sonntag die Geräte und Instrumente aufgebaut, beginnen auch schon die Aufnahmen. Darkthrone wollen keine Zeit verlieren, zumal Nocturno bereits am nächsten Donnerstag seine mehrstündige Rückreise nach Hause antreten will. Im Vorfeld des Studiotermins hielt das Duo diesmal ganze vier Sitzungen im Proberaum ab. “Ich will die Songs nicht durch zu viel Rumfummelei ermorden”, erklärt Fenriz. Nocturno hingegen widerspricht: “Ich studiere die Stücke natürlich vorher ein.” “Mir reicht es, das im Kopf zu tun”, kommentiert der Schlagzeuger trocken.

Dennoch arbeiten beide Musiker methodisch und effektiv. Nur selten kommt es zur Wiederholung einer Aufnahme, denn kleinere Fehler stören Darkthrone nicht. Größere Patzer werden wahlweise mit einem Lachen oder Fluch bedacht und dann kurzerhand ausgebügelt. Trotzdem ergeben sich auch bei der Studioarbeit noch Änderungen; bis zuletzt wird an den Liedern gefeilt. “Alles verändert sich über Nacht”, bemerkt der Sänger dazu knapp. Aber auch bei ernster Konzentration bleibt noch Zeit für gute Laune, beispielsweise als Gastsänger Apollyon (Aura Noir, Cadaver, Gorgoroth) und Fenriz gemeinsam den Song ‘Silent Majority’ einschreien, der später in ‘Hate Is The Law’ umgetauft wird, oder der Trupp am Mittwochabend zur Inferno-Aufwärmparty marschiert und sich neben dem Lärm mit etwas Bier in Stimmung bringt.

Die Tücken der Technik

Nach Ende der Aufnahmen lässt sich ein erster Eindruck von SARDONIC WRATH (Arbeitstitel) gewinnen: Das neue Album wird gleichzeitig vielseitig und dynamisch, dabei mit simplen Strukturen, meist nur einem Tempowechsel und wenigen Riffs pro Song. Knallt jedoch ohne Ende und orientiert sich dabei an Vorbildern quer durch die eigenen Schaffensperioden. Ein späterer Hörtest ergibt außerdem einen gleichzeitig präzisen wie dreckigen Sound. Darkthrone eben.

Ganz ohne kleinere Katastrophen geht es im Studio aber nicht ab: Ausgerechnet am letzten Tag entsteht Hektik. Lars muss früh zum Inferno-Festival eilen, um für Khold zu mischen, Fenriz legt dort als DJ in den Pausen auf, und Nocturno will los. Eile erzeugt Fehler, und mit Hilfe eines dämlichen Programms werden die gesamten fertigen Mixe des Tages spurlos von der Platte gelöscht. “Darkthrone haben im Studio nur einen natürlich Feind”, knurrt Fenriz genervt. “Die verdammte Digitaltechnik!”

teilen
teilen
twittern
teilen
mailen