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Der Pionier – Harris Johns – Music Lab

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An einem heißen Juni-Sonntag lädt Harris Johns zur Jubiläums-Sause ins Music Lab. Vor zwei Jahren zog das legendäre Studio auf ein Gelände im Berliner Stadtteil Johannisthai, auf dem sich einst der älteste Flughafen Deutschlands befand. Johns zeigt sich in bester Laune, offeriert kühle Biere, heiße Bratwurst und unzählige interessante Geschichten. Das ausladende Analog-Soundboard von D&R in seinen Räumen nutzt er nur noch, um Schlagzeugaufnahmen zu machen – wie die meisten Produzenten setzt Johns inzwischen voll auf Platz sparende Pro Tools. Die Liste seiner Auftraggeber liest sich wie das “Who is Who” des deutschen Heavy Metal: Sodom etwa zählen mit zu den erfolgreichsten Künstlern, die bei ihm aufnahmen. “Die Band war anfangs ziemlich chaotisch – die musste ich richtig in den Hintern treten”, erinnert sich Harris. “Sie hatten zwar viel Energie, aber ihre Musik hat nicht geknallt.” Mit Sodom nahm er etwa PERSECUTION MANIA (1987) und AGENT ORANGE (1989) auf. Auch Kreator waren im Music Lab zu Gast: Für PLEASURE TO KILL (1986) saß Johns auf dem Produzentensessel.

“Sowohl Sodoms Tom Angelripper als auch Kreators Mille Petrozza sind Vollblutmusiker”, lobt er. “Schon damals hatte ich das Gefühl, dass beide das Zeug zum Profi haben.”

Seinen Nachnamen spricht man übrigens mit deutschem ” J” wie Jubiläum. Harris ist Sohn einer deutschen Mutter und eines amerikanischen Vaters. ” Mein Papa ist Dreiviertel-Indianer aus dem Stamm der Choctaw.” Harris lernte Gitarre und Keyboards und blickt zudem auf eine Vergangenheit als Chorsänger zurück. In den Siebzigern absolvierte Johns das Studium zum Tonmeister und arbeitete ein Jahr in den legendären Hansa-Studios. 1978 wagte er den Schritt in die Selbstständigkeit und eröffnete sein Music Lab im Stadtteil Moabit. “Kurz nach der Eröffnung erschienen die Einstürzenden Neubauten. Sie hatten bereits eine Plattenfirma, die ihnen die Aufnahmen bezahlte. Sie spielten auf einem extra verstimmten Bass und einer Schlagbohrmaschine. Wir nahmen Rhythmus-Bohrer und Melodie-Bohrer auf”, lacht Harris.

Hier zeigt sich eine Stärke des erfahrenen Produzenten: Er ist offen für beinahe alles. Das gilt auch für Politik – auf der Liste seiner Künstler finden sich sowohl die Böhsen Onkelz als auch Slime. “An die Onkelz kann ich mich nicht erinnern, die hat ein Kollege aufgenommen”, erzählt Harris. “Es ging um die beiden Songs ‘Hippies’ und ‘Religion’ für die SOUNDTRACKS ZUM UNTERGANG 2. Meines Wissens waren das ihre ersten Aufnahmen überhaupt. Damals ging das sehr schnell – manchmal waren Bands nur einen Tag im Studio. An Slime kann ich mich erinnern, mit denen hab ich einiges gemacht.”

Auch Helloween wollten mit dem angesagten Producer arbeiten, ihr AlbumdebütWALLSOF JERICHO (1985) entstand im Music Lab. “Helloween hatten einen neuen Ansatz, so einen Sound kannte ich noch nicht. Im Nachhinein hätte ich die Gitarren etwas weniger spitz und aufdringlich mischen sollen”, meint Johns selbstkritisch. “Aber die Gitarristen wollten das so. Damals hatten sie übrigens noch keinen Sänger. Kai Hansen – inzwischen bei Gamma Ray – hat die Songs eingesungen. Er hat sich sehr gequält, weil der Gesang so hoch war. Manchmal kam er schreiend aus dem Aufnahmeraum und klagte über Kopfschmerzen.” Etliche einheimische Metaller wie etwa Grave Digger, Helloween und Tankard waren beim Berliner Noise Label unter Vertrag. ” Noise-Chef Karl Walterbach hat mir ein paar Bands geschickt, die daraufhin ganz gut Platten verkauften”, erinnert sich Johns. “Und so haben wir viel zusammen gemacht: In einigen Jahren habe ich achtzig Prozent der Noise-Bands aufgenommen.” Anfang der Neunziger wurde der renommierte Produzent von Sepultura zu Hilfe gerufen. “Für die habe ich ein Konzert in Barcelona mitgeschnitten. In London haben wir dann Reparaturen machen müssen”, erzählt Harris. “Max Cavalera hatte mehrfach seinen Text vergessen, weil er zu breit war. Außerdem gab es ein Problem mit dem Kabel vom Bass – das mussten wir ausbessern. Daraus wurde das Live-Video UNDER SIEGE, das kürzlich noch mal als DVD herausgekommen ist.”

Inzwischen hat sich der Markt stark verändert: Viele Metal-Bands verfügen nur noch über kleine Aufnahme-Budgets und nehmen ihre Songs eher im eigenen Übungsraum auf als im teuren Studio. So geht es im Music Lab etwas ruhiger zu. Harris Johns sieht für seine Zunft dennoch eine Zukunft. “Gesangsaufnahmen und Drums sollten Bands schon mit einem Produzenten einspielen”, findet er. “Ansonsten habe ich kein Problem, wenn eine Band ihr aktuelles Programm hier schnell auf Festplatte bringen will. Ich bin dabei – auch für wenig Geld.”

www.music-lab-berlin.de

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