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Der Weg aus der Hölle

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Die Nachricht, dass Frontmann NERGAL (33) an Leukämie erkrankt ist, traf die Fans sehr hart, speziell da BEHEMOTH sich mit eiserner Disziplin zu einer Macht im Black Death-Sektor entwickelt haben. METAL HAMMER hatte die Gelegenheit, mit dem Band-Chef persönlich über die schweren letzten Monate und seinen aktuellen Gesundheitszustand zu sprechen.

Im Sommer war die Welt von Behemoth noch in Ordnung: Bei zahlreichen Festival-Auftritten konnten die Polen ihre Anhänger in Ekstase versetzen. Die Riffs knallten schärfer, präziser und brutaler denn je aus den Open Air-P.A.s. Doch dann, Anfang August, versetzte eine schlimme Nachricht die Metal-Gemeinde in Schockzustand: Frontmann Nergal meldete sich auf der Band-Website zu Wort, um bekannt zu geben, dass er an Leukämie erkrankt sei und alle Tourpläne der Band bis auf Weiteres ausgesetzt werden müssten.

Sofort war klar: Die Lage für den Sänger und Gitarristen ist ernst, sehr ernst. Doch Nergal hat sich nicht verkrochen, sondern sich trotz der Diagnose nicht unterkriegen lassen. Obwohl er in den vergangenen Wochen mehrere Chemotherapie-Sitzungen über sich ergehen lassen musste, bereitete er parallel dazu noch die Veröffentlichung der DVD EVANGELIA HERETIKA vor. Das am 5. November veröffentlichte Werk heimste in Behemoths Heimatland Polen bereits eine Platin-Auszeichnung ein und stieg zudem sogar in die US-Billboard-Charts ein. Dieser Zuspruch von Seiten der Fans gibt Nergal neuen Mut und Kraft im Kampf gegen seine Krankheit, über die er im METAL HAMMER-Interview lang und ausgesprochen ehrlich spricht.

Nergal, im Juli bist du noch live aufgetreten, unter anderem beim Masters Of Rock-Festival. Alles erschien völlig normal. Wann hast du dich das erste Mal krank gefühlt?

Direkt nach dem Master Of Rock-Festival ging es los. Ich erinnere mich gut daran. Es war ein sehr heißer Tag, im Van sind wir fast geschmolzen vor Hitze. Auf der Bühne hatte ich ziemliche Probleme mit meiner Stimme, konnte nicht richtig atmen. Als wir dann nach Hause zurückgefahren sind, fing ich an, am ganzen Körper zu zittern, und mir brach kalter Schweiß aus. Zunächst bin ich davon ausgegangen, dass ich mir einen Virus eingefangen hätte, doch das Fieber wollte einfach nicht sinken, und ich fühlte mich von Tag zu Tag schwächer. Wenig später traten wir als einer der Headliner beim Castle Party Open Air in Polen auf, einem großen Gothic-Event. Ich habe es gerade so geschafft, die Show zu Ende zu spielen, bekam während des Sets kaum Luft. Da war klar: Es musste etwas passieren. Am nächsten Morgen sind meine Freundin und ich zurück in meine Heimatstadt und direkt ins Krankenhaus gefahren, zehn Stunden lang, durch ganz Polen. Die Ärzte wussten am Anfang noch nicht genau, was mir fehlt. Es gab einige Krankheiten, die solche Symptome hätten auslösen können. Eine ihrer Vermutungen war zum Beispiel HIV. Als ich das hörte, dachte ich nur: ‘Hey Leute, was soll der Scheiß? Ich benutze immer ein Kondom!’ Ich bin dann noch weitere drei Tage für zusätzliche Untersuchungen dort geblieben. Dabei stellte sich schließlich heraus, dass ich an Leukämie leide und sofort behandelt werden muss. Zunächst habe ich vier Chemotherapie-Sitzungen absolviert, weil der Krebs nicht nur mein Rückenmark, sondern auch meine Lunge angegriffen hatte. Seit der Behandlung hat sich mein Zustand deutlich verbessert. Ich bin nicht bettlägrig, sondern kann herumlaufen und selbst Auto fahren. Allerdings fühle ich mich sehr schwach, meine Muskulatur ist überhaupt nicht mehr belastbar. Doch ich bin zumindest nicht komplett auf fremde Hilfe angewiesen.

Seit einigen Tagen ist auch bekannt, dass ein passender Knochenmarkspender für dich gefunden wurde. Du musst in den nächsten zwei, drei Wochen also zunächst eine Bestrahlungstherapie machen, und dann steht direkt die Transplantation an. Nach dem Eingriff wird sich dein Leben zunächst radikal ändern, denn du musst einige Zeit in einer keimfreien Umgebung verbringen. Wie lange wird das dauern?

Das kommt darauf an, wie mein Körper die fremden Zellen annimmt. Aber die Ärzte meinten, dass ich mindestens vier Wochen im Krankenhaus verbringen muss. Dort darf ich keinerlei direkten Kontakt zu anderen Menschen haben. Danach kann ich zwar nach Hause, muss aber etliche strenge Regeln beachten. Es gibt zum Beispiel einen Diätplan, der exakt vorschreibt, was ich essen soll. Und ich kann nicht unter Menschen gehen, muss öffentliche Plätze meiden. Kino-, Bar- oder Konzertbesuche sind also auf jeden Fall für mehrere Monate tabu. Denn jede Infektion würde mich in akute Lebensgefahr bringen.

Wenn du diese Phase überstanden hast, wird dein Leben dennoch nicht dasselbe sein wie zuvor. Ist es überhaupt realistisch, dass du in den nächsten ein, zwei Jahren auf die Bühne zurückkehren kannst?

Nun, ich muss mindestens ein Jahr aussetzen, das steht jetzt schon fest. Aber ganz ehrlich: Das steht auf meiner Prioritätenliste auch nicht ganz oben, obwohl mir die Gigs schon jetzt wirklich fehlen. Bei unseren Live-Shows ging es immer um den Austausch von Energie, um die Interaktion mit den Fans. Ich will sicher sein, dass wir mit Behemoth eine mindestens ebenso gute Performance abliefern können, wie wir sie in den vergangenen Jahren geboten haben. Aber ich bin sicher, dass uns das gelingen wird. Und ich habe noch so viele Ideen, die ich gerne umsetzen möchte. In meinem Kopf schwirren schon erste Gedanken herum, wie die nächste Platte klingen und wo wir wann auf Tour gehen könnten.

Auch jetzt passiert viel im Behemoth-Camp: Die DVD EVANGELIA HERETIKA läuft sehr erfolgreich, hat eine Platin-Auszeichnung in Polen erhalten und ist in die US-Charts eingestiegen. Bist du immer noch ähnlich stark in den Band-Alltag involviert wie früher?

Ja, daran hat sich nichts geändert. Aber es ist natürlich auch so, dass es gerade weniger Arbeit gibt, wir müssen keine Aktivitäten vorbereiten. Daher tue ich mich leichter, die Aufgaben, die noch erledigt werden müssen, meinem persönlichen Rhythmus anzupassen. Es gibt Tage, an denen ich mich einfach beschissen fühle. Und dann nehme ich mir die Freiheit, den Computer mal nicht anzuwerfen. Ich kann nichts erzwingen, und meine Genesung steht im Vordergrund. Daher lasse ich es langsam angehen.

Du bist seit jeher eine starke Persönlichkeit, die weiß, was sie will und sich mit viel Disziplin durchsetzt. Gehst du so auch an die Krankheit heran, indem du versuchst, sie mit aller Kraft nieder zu ringen?

Nun ja, das ist in dem Fall nicht so einfach. Natürlich will ich die Leukämie besiegen. Aber der Weg zurück in ein normales Leben als gesunder Mensch verläuft nicht gerade, sondern in vielen Kurven. Es gab Momente, in denen ich mich gefühlt habe, als wäre ich gerade in der Hölle. Aber ich habe ein Ziel: Ich will wieder auf die Bühne, all die Fans treffen, die mich durch diese harte Phase meines Lebens tragen. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht zehn, zwanzig oder dreißig Mails bekomme, in denen mich die Leute aufmuntern, ihre besten Wünsche schicken und so meinen Durchhaltewillen stärken.

Denkst du, dass die Krankheit auch Auswirkungen auf dein Songwriting haben wird?

Mit Sicherheit. Ich habe viel erlebt, und das wird sich in den Liedern niederschlagen. Zudem waren Behemoth schon immer für ihre Ehrlichkeit bekannt: Wir verstellen uns nicht, sondern sagen offen und auch ziemlich direkt unsere Meinung. Das hat uns auch über die Jahre den Respekt der Fans eingebracht. Sie wissen, dass wir für unsere Songs und unsere Texte einstehen, und daran wird sich definitiv nichts ändern.

www.behemoth.pl

Diskografie

SVENTEVITH (STORMING NEAR THE BALTIC) (1995)

GROM (1996)

PANDEMONIC INCANTATIONS (1998)

SATANICA (1999)

THELEMA.6 (2000)

ZOS KIA CULTUS (HERE AND BEYOND (2002)

DEMIGOD (2004)

THE APOSTASY (2007)

EVANGELION (2009)

EVANGELIA

HERETIKA (DVD, 2010)

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