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DIE GANZE WAHRHEIT

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Veni, vidi, vici. Kevin Russell empfängt seine Besucher an der Seite von Gaius Julius Cäsar. Die Büste passt optisch perfekt zu den beiden Säulen, die den Eingang des Hauses flankieren. Dieser Rahmen deutet bereits auf eine der größten Leidenschaften des Eigentümers hin. “Geschichte ist mein Steckenpferd”, raunt der 49-Jährige, während er den Journalisten und Fotografen des METAL HAMMER ins Wohnzimmer führt. 3.800 Bücher säumen in zwei Wandschränken den lichtdurchfluteten, großzügig angelegten Raum, dessen Mitte von einer gewaltigen Ledercouch dominiert wird. Von Byzanz und dem alten Ägypten über Alexander den Großen, historische Münzsammlungen, Religionen, Schriften, Briefe und Biografien: Kevin Russell betont, er habe alles gelesen, Seite für Seite. Der gebürtige Hamburger saugt laut eigenem Bekunden historisches Wissen auf wie ein Schwamm. “Heutzutage liest doch keiner mehr Bücher, die Kids schon gar nicht”, zuckt Russell seine breiten Schultern. “Das sehe ich an meinem eigenen Sohn. Der hängt wie alle anderen auch nur vor dem Computer rum. Auf der Straße vor unserem Haus wirst du nicht ein spielendes Kind entdecken!” Das kann vielleicht auch daran liegen, dass wir uns mitten in der baden-württembergischen Pampa befinden. Hase und Fuchs wünschen sich in diesem Teil Deutschlands nicht mal mehr gute Nacht, sondern ein Busticket in die nächste größere Ortschaft. “Irgendwann muss ich ja mal zur Ruhe kommen”, grinst Kevin leicht diabolisch, während er einen hoch konzentrierten Red Bull-Energy Shot einwirft. “Koffein ist wichtig. Bei mir muss der Löffel im Kaffee stehen!” Ansonsten sucht man Extreme vergebens. Elf Katzen durchstreunen das Anwesen, das Russell mit seiner Lebensgefährtin Simone und seinem 13-jährigen Sohn aus erster Ehe seit etwa einem Jahr bewohnen. “Hundertprozentig durch sind wir mit dem Einrichten noch nicht”, entschuldigt Russell die paar lose hängenden Glühbirnen. “Die goldenen Schallplatten stehen auch noch alle im Keller.” Irgendwann sollen sie mal das Treppenhaus schmücken, doch er sieht keinen Anlass zur Eile. “Gelassenheit” ist aktuell sein Lieblingswort, wenn es darum geht, sein neues Leben zu beschreiben. Die Normalität ist bei ihm das Besondere. Früher hat der Sänger das Handy genutzt, um bei seinen Dealern das nächste Kokain zu ordern. Heute diskutiert er mit seiner besseren Hälfte am Telefon, wo man zu dieser Uhrzeit noch einen Kohlkopf für den Hasen bekommen kann, der sich im Käfig gerade auf links fläzt. “Wenn wir zusammen einkaufen gehen, brauchen wir manchmal mehr als zwei Stunden Zeit”, lacht Russell. “Die Leute kommen und möchten mit mir und meiner Freundin ein paar Worte wechseln. Das ist auch völlig okay für mich. In den umliegenden Ortschaften bin ich bekannt wie ein bunter Hund.” Und das liegt bestimmt nicht allein an den zahllosen Tätowierungen, die seinen Körper vom Hals abwärts bedecken. Nach der verhängnisvollen Silvesternacht 2010 war er das gefundene Fressen für die Tagespresse. Die Fotos aus dem Gerichtssaal erschütterten die Fangemeinde. Von ihrem Idol war nur noch ein blasser Schatten geblieben, der exzessive Drogenkonsum forderte auf diversen Ebenen seinen Tribut. “Damals wog ich 78 Kilo”, schüttelt Russell rückblickend den Kopf. Heute ist er zwar gute 30 Kilo schwerer, aber sein neues drogenfreies Leben wirkt um so vieles leichter. Die Nachbarn haben den neuen Kevin Russell schätzen gelernt. Ein Junge legte ihm zum Geburtstag einen selbst geschnitzten “Walk Of Fame”-Stern vor die Tür. “Schön verpackt mit einer dicken Schleife”, wie sich Russell erinnert. Gerade klingelt der Gärtner, um den Teich, der im Garten angelegt ist, zu säubern. Kevin Russell dabei zuzusehen, wie er über Schlamm und Algen schwadroniert, ist zwar etwas bizarr, aber durchaus ermutigend. Es scheint, als habe er die allerletzte Warnung des Schicksals verstanden. Russell will der Welt beweisen, dass mehr in ihm steckt als das, was wir und sein privates Umfeld in den letzten 35 Jahren in ihm gesehen haben -auch musikalisch. Auf dem Küchentisch liegt das Buch, in dem er täglich seine Gedanken und Erfahrungen in Liedtexte formt. Das Bühnen-Comeback soll nur der Auftakt sein. Im Herbst will er mit seiner neuen Band Veritas Maximus die Studios entern, um das Debüt mit dem Arbeitstitel GLAUBE UND WILLE einzurocken. Das Cover soll antike Elemente beinhalten, die den Hobby-Historiker seit jeher begeistern. Wie sagte der deutsche Staatsmann und Mitbegründer der Berliner Universität Wilhelm von Humboldt (1767-1835) einst: “Nur wer die Vergangenheit kennt, hat eine Zukunft.” Dieses Zitat passt derzeit zu keinem anderen deutschen Musiker besser als Kevin Richard Russell.

Kevin, kannst du deine Emotionen beschreiben, als in Geiselwind bei deinem Comeback der Vorhang fiel, und du nach acht Jahren wieder deinen Fans gegenübergestanden bist?

Die Resonanz war ja schon im Vorfeld fantastisch, ich wusste also in etwa, was mich erwartet. Trotzdem schoss mir im ersten Moment durch den Kopf: “Das kann nicht wahr sein!” Seltsamerweise fühlte ich überhaupt keine Nervosität. Früher hatte ich eigentlich regelmäßig Lampenfieber. Natürlich lief bei diesem Auftritt noch nicht alles rund -aber das war mir egal. Ich war so ruhig, so gelöst wie noch nie in meiner Karriere. Als der Vorhang fiel, ist mein gesamtes bisheriges Leben in Sekundenbruchteilen an mir vorbei gezogen. Genau wie das Leute erzählen, die dem Tod begegnen… In diesem Augenblick hat meine persönliche Reunion stattgefunden. Ich wurde neu geboren.

Wie ich sehe, rauchst du noch Zigaretten. Was ist mit anderen Lastern?

Ich war bei den Narcotic Anonymous, kurz NA. Das ist die Drogenvariante zu den Anonymen Alkoholikern. Die haben mich gelehrt, dass Alkohol auch eine Droge sei. Das kann natürlich zutreffend sein. Es gab Zeiten, in denen ich viereinhalb Liter Jägermeister in mich rein schüttete. Pro Tag. Ich war so druff – druffer geht’s nicht mehr. Aber seit 15 Jahren rühre ich keinen Schnaps mehr an. Ich hatte meine Probleme damit, und das ist vorbei. Das ist eines der wenigen Dinge, die ich mir in meinem Leben mal vorgenommen und dann auch durchgezogen habe. Aber Bier und Wein sehe ich nicht generell als Droge. Wenn das nur zu bestimmten Anlässen konsumiert wird, habe ich kein Problem damit. Ich spüre beim Alkohol keinerlei Suchtdruck und habe auch zu meiner Frau gesagt: Wenn ich mal morgens in die Küche kommen würde und das Bedürfnis hätte, ein Bier zu trinken, würde ich sofort aufhören. Aber das ist nicht der Fall. Ich habe so viele schlimme Dinge mit Drogen und hartem Alkohol erfahren, dass es ganz bestimmt nicht mein Bestreben ist, mich mit Wein oder Bier zuzuschütten. Natürlich könnte ich beispielsweise auf der Bühne mal ein Bier trinken -aber das will ich gar nicht. Ich bin so mit dem Leben beschäftigt, dass ich mir darüber gar keine Gedanken mache. Dieses halbe Jahr Entzug im Knast hat mich durch die ganz harte Schule gehen lassen.

Kannst du diese Phase genauer beschreiben?

Es war furchtbar… Körperlich und seelisch ein absoluter Höllenritt. Diese Erfahrungen habe ich auch schon in diversen Texten verarbeitet. Zehn Texte sind komplett fertig, fünf bis sechs noch in meinem Kopf. Diese Phase ist das, was mich zum neuen Menschen gemacht hat – und zwar in extrem kurzer Zeit. Für 35 Jahre Wahnsinn ist das ein medizinisches Wunder. Ich genieße den Augenblick und jeden Tag. Die Genesung, die ich erfahren habe, ist eine vollkommene – und eine, an die ich eigentlich selber nicht mehr geglaubt habe. Ich habe jetzt die Chance, ein Fanal an die Menschheit zu richten und zu lehren, dass es immer Sinn macht, selbst in den absoluten Tiefen des Lebens und in den schrecklichsten Momenten nicht den Willen zu verlieren. Man kann alles schaffen! Ich bin das beste Beispiel dafür. Ich möchte die Menschen dazu bewegen, sich einen Ruck zu geben und sich am Arsch zu packen, auch wenn es hoffnungslos erscheint. Wenn ich dadurch nur zwei, drei Leuten helfe, habe ich das erreicht, was ich Gott, so meine ich, schuldig bin.

Spielt Gott in deinem Leben aktuell eine Rolle?

Ich besitze Hunderte Bücher über Religionsgeschichte, gehe aber nicht in die Kirche. Einer meiner Songs handelt von den Sünden der Päpste: Borgia, Medici, die Schweinereien an Kindern und so weiter. Ich hege Zweifel an der Institution, weil sie von mittelalterlichen Dogmen beherrscht wird und daher nicht zeitgemäß ist. Damit kann ich nichts anfangen. Einen riesigen Gottbezug besitze ich trotzdem: Ich glaube an ein allmächtiges Wesen, das unser Schicksal bestimmt und alles um uns herum leitet.

Nach dem Ansatz “Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott”?

Ganz genau. Ich glaube, nur das will Gott. Der Allmächtige möchte, dass du dein Herz in die Hand nimmst, ehrlich bist und Vertrauen in deine eigene Stärke hast.

Du hast ja schon unzählige Warnschüsse im Leben erhalten. Was macht dich so sicher, dass du ausgerechnet jetzt den Weckruf gehört hast?

Ich bin sieben Mal dem Tod von der Klinge gesprungen. 2006 wurde bei mir eine Meningitis Maxillaris (schwere Hirnhautentzündung -Anm.d. A.) diagnostiziert, die sich an vier Stellen ins Hirn reingefressen hatte. Die Ärzte mussten meinen Schädel brechen und vier golfballgroße Stellen des Gehirns entfernen. Bei einer der vier OPs war ich 4:53 Minuten tot, im künstlichen Koma. Mir wurden 35 Prozent meiner rechten Gehirnhälfte rausgesaugt, die sind weg und kommen nicht wieder. An meinem Kopf habe ich Löcher, die sind so groß, da kannst du deinen Daumen reinsetzen. Drei Titanplatten halten mit neun Nieten meinen Schädel heutzutage zusammen. An der Flughafenkontrolle piepst es, wenn die Metalldetektoren zu scharf eingestellt sind. In meinem Bein befindet sich nach meinem Oberschenkelhalsbruch von einem Verkehrsunfall 2001 ein 30 Zentimeter langer Titannagel. Da war das Knie zerschmettert. Ich glaube an Schicksal: Ich hätte vor langer Zeit ein Beispiel gebraucht – jemanden wie mich. Einen, der in der tiefsten Scheiße steckt und es trotzdem schafft. Hätte ich so jemanden vor zwanzig Jahren kennengelernt, dem das gelingt und der hundertprozentig glaubwürdig ist – vielleicht hätte ich es probiert. Ohne diesen verdammten Verkehrsunfall 2010 und seine Folgen hätte ich es nicht mehr geschafft. Ich säße nicht mehr hier… Ich bereue das alles von tiefstem Herzen. Es tut mir unendlich leid, was da passiert ist. Deswegen will ich jetzt der Welt etwas zurückgeben und Gutes tun. Dieser schöne Traum vom cleanen Leben war immer da. Aber ich konnte ihn nie realisieren. In den Monaten vor dem Unfall war mir klar, dass mein Weg bald zu Ende sein wird. Es erschien mir sinnlos, etwas zu ändern. Wenn ich zum damaligen Zeitpunkt in die Betty Ford-Klinik gegangen wäre, hätte ich wahrscheinlich direkt im Anschluss meinen Dealer kontaktiert. Ich musste die Tortur im Knast über mich ergehen lassen: Die schlimmsten Monate meines Lebens.

Wie kann man sich deinen Entzug genau vorstellen?

Ich habe in meinem eigenen Saft, meinem Schweiß und meiner Scheiße gelegen. Es war die Hölle… Turkey (erkältungsähnliche Entzugssymptome – Anm.d. A.) ist dagegen eine Grippe. Es war seelisch und körperlich nicht zu ertragen. Mein Hirn setzte komplett aus. Ich hatte Angst, im Knast direkt zu sterben. “Ihr wollt mich vom Methadon runterholen? Dann gehe ich drauf!” Dem war natürlich nicht so. Man nennt es Ersatzdroge, aber Methadon ist absolutes Teufelszeug. Den letzten Schluck Methadon habe ich Ende August 2011 zu mir genommen, seitdem bin ich clean. Klar zirkulieren im Knast Drogen. Da werden für ein Gramm 0,3-prozentiges Kokain hundert Euro bezahlt. Hallo? Ich habe mir an meinem Tiefpunkt täglich 20 Gramm 70-prozentiges Kokain reingezogen, was sollte ich also mit dem Scheiß? Und bei der Therapie im Odenwald sind mir dann die Augen endgültig aufgegangen. Das ist psychisch schon eine andere Situation, ob du in einer Zelle sitzt oder auch mal raus kommst. Natürlich darfst du das Gelände nicht verlassen. Die haben da auch ein Auge auf dich und achten darauf, dass du keine Scheiße baust, aber das Grundgefühl ist ein ganz anderes – wie Tag und Nacht. Allerdings musste ich dann erst mal wieder mit einem sozialen Umfeld klarkommen. Menschen waren für mich immer ein rotes Tuch. Ich war auf engstem Raum mit 35 anderen Patienten zusammen, die mit mir dieselben Probleme teilten.

Ich musste erst lernen, mit denen zu kommunizieren, ohne Spannungen aufkommen zu lassen. Ich war ja immer ein sehr aggressiver Typ, das hat gedauert. Aber irgendwann fiel der Groschen: Vielleicht ergibt es doch Sinn, erst zweimal zu denken, bevor man etwas sagt? Vielleicht hörst du dem Typen erst mal bis zum Ende zu und lässt ihm seine Meinung? Meine Bezugstherapeutin hat mich diesbezüglich sehr unterstützt. Sie meinte immer:’Beruhigen Sie sich, Herr Russell – wenn Sie wollen, sind Sie wieder im Leben angekommen.’ In dieser Zeit bin ich auch freiwillig einmal die Woche zu den NA in Höchst beziehungsweise Darmstadt gegangen. Da sitzen dann bis zu 25 Leute und jeder darf offen sprechen, egal über was. Freie Rede! Das ist echt geil. Mir ist teilweise erst Tage später klar geworden, über welche Themen ich eigentlich gesprochen hatte. Das Unterbewusstsein ist beim freien Reden schwer aktiv, da lohnt sich auch das Zuhören bei fremden Menschen.

Wie bist du denn von den anderen Teilnehmern aufgenommen worden? Wussten sie, wer da neben ihnen auf dem Stuhl sitzt?

Ja, natürlich. Ein paar Leute waren begeistert, dass ich ein Teil der Gruppe war, andere mieden mich eher aufgrund meiner Historie. Das kann man sich nicht aussuchen. Allen Beteiligten ist bewusst, dass es in diesen zwei, drei Stunden nicht um Einzelpersonen geht, sondern die gesamte Runde. Vorher und nachher habe ich auch ein paar Autogramme gegeben oder Sachen signiert. Aber das war total annehmbar und nett. In der Therapie habe ich täglich zwei bis drei Stunden an einem Airbrush-Gemälde gearbeitet, indem ich all meine Dämonen an die Wand geklatscht habe. Das Bild enthält mehr als 450 Totenschädel, teilweise sehr versteckt. Und, ob du es glaubst oder nicht: Ich fühlte mich danach jedes Mal leichter, als ob ein Teil der Teufel für immer verschwunden wäre. In den kommenden Monaten möchte ich das Ganze fertigstellen. Ich bekomme kein Geld dafür, sondern zahle Unterkunft und Anfahrt selbst. Aber das ist mein Dank an die Einrichtung. In den kommenden Jahren nehme ich mir noch die restlichen drei Wände und die Decke des Raums in der Therapieeinrichtung vor. Ich sage ja: Ich möchte etwas zurückgeben. Selbst der Knastaufenthalt hatte im Nachhinein etwas Positives…

In welchem Sinne?

Das war der absolute Tiefpunkt in meinem Leben! In den Knast gehe ich nie wieder. Das ist unmenschlich. Jeder weiß, wie Tiere im Käfig leiden, und für Menschen ist es noch schlimmer. Grauenhaft… Manche Häftlinge wünschen sich eher die Todesstrafe als das. Zweimal war ich auch im Loch, weil ich gegenüber den Wärtern zu aufmüpfig war. Tür zu, Licht aus, 24 Stunden Finsternis. Ich habe jede Hafterleichterung, die mir angetragen wurde, abgelehnt und meine Zelle fünfeinhalb Monate lang nicht verlassen: Kein Kontakt zu anderen Häftlingen, kein Hofgang, keine Arbeit, unrasiert, die pure Isolation auf zwei mal drei Metern. Das war mein eigenes Urteil über mich selbst. Das hatte ich verdient, und diese Qualen der Hölle musste ich ertragen. Vielleicht meinen einige, dass das nicht genug sei: Aber kein Gericht der Welt hätte mir eine härtere Strafe auferlegen können. Das einzige, was mich über Wasser gehalten hat, war mein eigener Lebenswille. Ich habe verstanden, dass Dinge existieren, die man keinem Richter überlassen kann – die muss man selbst angehen. Ich habe zunächst in der Zeit auch die Gespräche mit dem Sozialarbeiter abgelehnt. Am Ende habe ich nur mit dem evangelischen Pfarrer gesprochen.

Wieso ausgerechnet mit ihm?

Der Bezug zu so einem Menschen fiel leichter, gerade auf philosophischer Ebene. Es war nett. Da konnte ich meinen neuen Geist trainieren. Es brachte nichts, mit dem Sozialarbeiter oder Gefängnisdirektor intensiv zu reden – die haben gar nicht kapiert, was sie aus meinem Munde hören.

Die Lieder der Onkelz haben des Öfteren derartige ausweglose Situationen thematisiert und damit laut Aussage zahlloser Fans oft Hilfestellung geben können. Hast du im Knast manchmal an bestimmte Lieder und Texte der Onkelz gedacht?

Nein, das brauche ich nicht. Die habe ich komplett verinnerlicht und ja größtenteils auch gelebt. Stephan konnte das Gros der Texte verfassen, weil er eng mit mir befreundet war und mit mir gelitten hat. Stephan hat sogar mehr gelitten als ich. Definitiv. Wenn ein Mensch mit jemandem befreundet ist, den er mag, vielleicht sogar auf gewisse Weise liebt, haben die Texte meist eine andere Bedeutung als die, welche die Leute vordergründig wahrnehmen. Stephan macht die Drogensucht nicht nur schlecht, er verhöhnt sie. Und das ist auch richtig so. Ich empfehle den Fans, da mal genauer hinzuhören. Im Schreiben der Texte ist Stephan ein Meister seines Fachs. Da sind viele, viele Sätze dabei, die richtig schlau und trotzdem leicht verständlich sind. Ich würde mir übrigens wünschen, dass mein Publikum verzeiht, wenn ich mal die ein oder andere Textzeile vergesse – früher war das die Folge von Suff und Koma. Heute sind das die minimalen Folgen meiner erwähnten Gebrechen, denen ich nichts mehr entgegenzusetzen habe. Das habe ich jetzt davon… (lacht)

Wie lebt sich der “neue Kevin” denn im Alltag?

Ich habe mittlerweile die Gelassenheit mit Löffeln gefressen. Situationen, in denen ich früher ausgerastet wäre, bringen mich jetzt nur noch zum Schmunzeln. Gestern wollte ich eigentlich Champions League im Fernsehen gucken – plötzlich “schnurrte” meine Freundin von “Stern-TV”. Da wäre ich vor Jahren ausgetickt! Stattdessen habe ich mich hingesetzt und ‘nen geilen neuen Text geschrieben. Was mich im Knast und bei der Therapie endgültig motiviert hat: Ich will meinem Sohn endlich der Vater sein, den er sich wünscht. Er hat in dem einen Jahr eine grandiose Entwicklung durchgemacht. Es ist geil zu sehen, wie ein Mensch aufblüht, wenn man ihm das gibt, was er wirklich braucht. Der Junge ist fantastisch… Manchmal geht er mir auch auf den Sack, aber das ist das Leben! Ich amüsiere mich über den täglichen Kleinscheiß, der mich früher an den Wahnsinn getrieben hat. Mich kann nichts mehr schocken.

Wie fiel dein Fazit nach dem ersten Konzert bezüglich deiner Leistung und der deiner neuen Band aus?

Gut. Wir befinden uns aber wie gesagt noch in den Startlöchern. Das ist ein Prozess. Wir haben eine Videoanalyse von Geiselwind gemacht und einige Dinge gesehen, die wir künftig verbessern werden. In Oberhausen waren schon wahnsinnige Fortschritte zu spüren. Das war von allen Beteiligten eine Leistungssteigerung von 50 Prozent. Ich muss auch erst mit meiner neuen Rolle klarkommen, in der ich beispielsweise auch Ansagen an das Publikum zwischen den Songs richte. Die müssen einfach gut zu verstehen sein. Meine Jungs sind top motiviert und richtig versierte Musiker -und stammen eben mit Ausnahme des Bassisten nicht allesamt aus Coverbands, wie behauptet wurde. Das wollte ich unbedingt vermeiden.

Du übernimmst jetzt eine neue Rolle als Band-Leader. Musst du da erst noch reinwachsen?

Nein, das glaube ich nicht. Aufgrund der Erfahrungen, die ich bei den Onkelz gemacht habe, ist mir das nicht fremd. Aber die Umstände sind jetzt natürlich andere. Ich sehe mich nicht als Solokünstler. Ich möchte nicht KRR auf dem Logo stehen haben, sondern Veritas Maximus, inklusive der Zahl 28, die in meinem Leben eine bedeutende Rolle gespielt hat und immer wieder auftaucht. Es ist ein Phänomen: Leute, achtet auf die 28! (lacht)

War es seltsam, nach 25 Jahren mit anderen Musikern die Bühne zu teilen? Hast du dich irgendwann mal nach links gedreht und dich gewundert, dass Gonzo nicht dasteht?

Nein, eigentlich nicht. Mir war ja klar, dass ich an diesem Abend in Geiselwind und Oberhausen neue Wege beschreite. Deswegen meide ich in meiner Setlist auch Lieder, in denen der Name Onkelz auftaucht. Das hätte den Leuten nur unnötig Hoffnung auf eine Reunion gemacht, die niemals stattfinden wird. Das Onkelz-Kapitel ist geschlossen.

In deinem ersten Blog-Beitrag auf deiner Homepage hast du dennoch von einem Versuch gesprochen, die Onkelz noch einmal für einen “versöhnlichen Abschluss” zusammen auf die Bühne zu kriegen: Findest du nicht, dass der Lausitzring 2005 ein mehr als würdiges Ende eurer Geschichte darstellt?

Gute Frage… Ich kann mich bei den Leuten für mein Verhalten auf der Bühne am Lausitzring nur entschuldigen. Ich gucke die Aufnahmen nicht gerne, das sage ich dir ganz ehrlich. Was ich da gebracht habe, war nicht eines Abschieds würdig. In der heutigen Verfassung wäre das nicht passiert.

Beziehst du das auf deine Stimme?

Ach, was… Scheiß auf die Stimme! Ich rede vom menschlichen Faktor. Nach dem letzten Song einfach ohne echten klaren Gruß die Bühne zu verlassen… Kein Abklatschen, kein Dank an die Leute da draußen, das war nicht korrekt. Ich hätte vieles besser machen können. Unter den damaligen Umständen war leider nicht mehr möglich. Daher habe ich mich im letzten Jahr tatsächlich bemüht, das Onkelz-Schiff noch so weit ins Kielwasser zu holen, dass wir bei zwei, drei Festivals aufgetreten wären oder so etwas wie “Lausitz 2” veranstaltet hätten. Das hat aber nicht so gefruchtet, wie ich mir das anfangs gewünscht hätte. Wir bringen stattdessen unser Abschiedskonzert noch einmal komplett in HD und inklusive aller Lieder heraus. Als bleibendes Exempel eines Phänomens, das in die Geschichte eingehen wird oder bereits eingegangen ist.

Fühlst du so etwas wie Reue, weil das Ende der Onkelz laut Stephan eng mit deiner Person in Zusammenhang stand?

Stephan ist überzeugt von dem, was er sagt – und im Grunde hat er Recht. Ich war mitverantwortlich dafür, dass das Ende der Onkelz die einzig richtige Entscheidung war. Aber: Ich fühle mich keinesfalls schuldig. Da sind ganz andere Dinge passiert… Wenn jemand in den letzten Jahren der Band die Onkelz-Fahne hochgehalten hat, dann war das meine Person! Mittlerweile ist jeder mit seinem Soloding unterwegs, und das ist ja auch alles gut so.

Nach 2005 bist du von der Bildfläche verschwunden. War das Loch sehr tief, in das du nach dem Ende der Onkelz gefallen bist?

Extrem. 2006 ereilte mich wie erwähnt die Meningitis Maxillaris – diese hat viele psychische Ursachen. Ein halbes Jahr war ich gelähmt, saß im Rollstuhl. Das Unterbewusstsein hat da schon reingespielt: Was soll ich denn jetzt ohne die Band machen? Wie soll das gehen? Ich war auch nicht fähig, irgendwas eigenes auf die Beine zu stellen, sondern habe mich neun Monate lang zerschossen. Ich saß in meinem Zimmer und habe richtig Gas gegeben. Die Folgen spüre ich noch heute: chronische Lungenentzündung. Chronisches Asthma. Chronische Bronchitis. Ich habe keinen Geruchssinn mehr, keinen Geschmackssinn, Nebenhöhlen im Arsch. Das habe ich mir alles weggeschossen. Das Schlimme ist ja, dass mich das alles nicht davon abgehalten hat, nach einem Jahr wieder mit dem Scheiß anzufangen. Meinen kleinen Finger kann ich durch meine Nase hinter mein Auge führen. Da ist alles offen. Trotz allem fällt mir es leicht, drei Stunden auf der Bühne abzurocken! Wenn es hart auf hart kommt, zücke ich mein Asthmaspray – scheiß drauf. Immer noch besser als eine Nase Koks.

Wie bewältigst du den emotionalen Balanceakt zwischen der Ehrerbietung der Fans auf der einen und deiner neuen Demut auf der anderen Seite?

Das ist schon ein wichtiger Punkt. Das trägt teilweise ja immer noch fanatische Züge. Roter Teppich und Füße küssen ist nix dagegen… Die Identifizierung war so enorm zwischen den Onkelz und den Fans -ganz einfach, weil das Texte aus dem Leben waren. Das versuche ich auch jetzt wieder zu realisieren. Im Drogenrausch ist das an mir vorbei gegangen. Es ist bemerkenswert, wie Menschen sich durch Aussagen beeinflussen lassen, fast hörig werden. Ich kann das aber verstehen, weil wir immer etwas brauchen, an dem wir uns festhalten können. Für manchen ist das eben eine Band. Ich finde das legitim. Natürlich muss man aufpassen, wie das auf dich als Musiker und Menschen wirkt. Wenn man sagt, mir kann eh nix mehr passieren, nimmt man das Schicksal nicht mehr ernst -dann ist man auf gut deutsch ein Arschloch. Ich nehme die Fügung immer noch sehr ernst, weil sie mich im Laufe der Jahre immer aus den schlimmsten Situationen befreit hat. Ich stand noch nie mehr mit beiden Beinen auf dem Boden als derzeit. Ich bin so dankbar dafür, ein Leben zu leben, wie es eigentlich sein soll – und es fällt mir total leicht.

Welches musikalische Projekt der anderen drei Ex-Onkelz hast du denn persönlich am meisten geschätzt?

Ich finde, das Weidner-Debüt HÖHER, SCHNELLER, WEIDNER (2008) war ein wirkliches Brett. AUTONOMIE!(2010) war mir zu abgedreht beziehungsweise psychedelisch, und mit III (2012) kann ich persönlich gar nix mehr anfangen. Die Texte sind nicht das, was ich von Stephan erwarte. Er nutzt viele Bilder und möchte wohl ein Publikum ansprechen, das hinter den Zeilen liest. Das ist okay, aber nichts für mich. Die aktuelle Gonzo-Scheibe ZUFLUCHT VOR DEM STURM ist seine bisher beste. Auf den ersten Scheiben befanden sich zwar auch einige Highlights, aber insgesamt ist mir seine Ausrichtung zu poppig. Und, so leid es mir tut: Ich finde, er sollte sich einen Sänger suchen. Er hat ja auch sonst Profis in der Band – warum nicht am Mikro? Ich habe mir gestern noch mal einen Clip seiner Onkelz-Cover angesehen. Das geht leider gar nicht. Pes erste CD DRECK UND SEELENBROKAT ist sehr charmant. Die wird wohl nicht das große Publikum ansprechen, aber das ist wahrscheinlich auch gar nicht sein Fokus. Ich überlege mir ernsthaft, Pe im nächsten Jahr mit auf Tour zu nehmen. Er weiß davon noch gar nix… Aber das wäre doch geil!

Wie unterscheidet sich ein solches, komplett nüchternes Konzert zu dem, was du bei den Gigs mit den Onkelz erlebt hast?

Es stimmt: Ich stehe zum allerersten Mal in meinem Leben nüchtern auf einer Bühne und kann dementsprechend erstmals den ganzen Wahnsinn komplett auskosten. Gerade die Anfangsminuten gehen ja ab wie Sau! Die Leute registrieren genau, wie sehr ich das genieße. Mir stellt sich die Frage: Wieso habe ich eigentlich all die Jahre diese Emotionen und Eindrücke einfach so hergeschenkt? Ich war bei den Onkelz eine blasse, leere Hülle. Im Prinzip war ich nie richtig da.

Fühlt es sich nicht etwas komisch an, die ganzen Onkelz-Songs ohne die Original-Mitglieder zu zocken?

Nein, weil die Lieder vom Text und Gesang leben. Wenn ich mir die ganzen Onkelz-Coverbands angucke, wird mir übel. Das ist echt schlecht. Das alte Material, das wir spielen, gewinnt durch unsere Interpretation an Qualität. Wir arrangieren vieles um, dadurch werden selbst Songs, die zwanzig Jahre in der Kiste lagen, wieder modern. Wir nehmen zum Beispiel ‘Nenn mich Gott’ von BÖSE MENSCHEN -BÖSE LIEDER (1985) mit ins Programm. Das klingt bei uns wie ein echter AC/DC-Stampfer, richtig schnucklig. Auf den alten Scheiben ist viel Material drauf, das richtig Potenzial besitzt.

Wäre es nicht sinnvoll, ein, zwei eigene neue Nummern einzubauen, um den Blick auch auf den Konzerten ein Stück weit nach vorne zu richten und eine neue, eigene musikalische Identität zu entwickeln?

Natürlich haben wir das überlegt, aber ich wollte nichts veröffentlichen, bevor nicht mein Name oder die Urheberrechte alle komplett gesichert sind. Das wäre doch sofort geklaut worden. Mittlerweile sind wir da auf der sicheren Seite, aber wir werden trotzdem nichts Neues einbauen. Bis Ende August stehen wir vielleicht noch viermal auf der Bühne, dann gehen wir hoffentlich ins Studio. Stephan hätte es ja auch lieber gesehen, wenn ich komplett mit eigenem Material zurückgekehrt wäre. Aber ich erlebe zum ersten Mal seit 35 Jahren meine eigenen Konzerte nüchtern und möchte da etwas nachholen. Natürlich werde ich auch im nächsten Jahr noch Onkelz-Songs im Programm haben, darauf werde ich nicht verzichten. Das ist mein Herzblut und hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Ozzy Osbourne singt auf seinen Solo-Tourneen auch Black Sabbath-Material. Warum ich also keine Onkelz-Lieder?

Du hast viel Kritik dafür geerntet, dass du bei deinen Konzerten VIP-Tickets für 200 Euro anbietest. Ist das eine Angriffsfläche, die du da unnötig aufgemacht hast?

Finde ich nicht. Wir haben ja nicht mit Absicht etwas Falsches getan. Die Vorwürfe laufen darauf hinaus, dass ich mir die Taschen vollmachen möchte mit solchen Events – das sind 120 Leute pro Konzert. Es gibt Menschen in meinem näheren Umfeld und auch Fans, die vielleicht über 50 sind und nicht mehr im Graben stehen, pogen und mit Bier überschüttet werden wollen. Man sollte eben zweimal nachdenken, bevor man im Internet aufdreht und mit Schimpfwörtern um sich wirft.

Das Internet ist nach deinen Worten ein “Satansmedium” – warum stehst du dieser Plattform so kritisch gegenüber?

So heißt sogar ein neuer Song von mir. Stephan war immer der erste, der technische Neuerungen besaß. Da war ich schon vor 20 Jahren skeptisch. Die Zeit, die man damit verbringt, ist für mich verschwendet. Ich behaupte nicht, dass das alles nutzlos ist – selbst ich muss mich ja mittlerweile damit auseinandersetzen. Leider. (lacht) Diese Technologie-Besessenheit ist eine Geißel der Menschheit. Wir haben früher Erdhöhlen gebaut, Flitzebogen gebastelt und die Nachbarn geärgert. Sozialpolitisch geht vieles kaputt. Ich finde das schade.

Trotzdem liest du laut eigener Aussage jeden Kommentar deiner Fans…

Sogar zwei-bis dreimal. Ich bin ein schneller Leser.

… und sendest Videobotschaften: In einer hast du gesagt, dass du “einiges gutzumachen hast”. Kannst du genauer definieren, was du damit meinst?

Ich möchte den Leuten zeigen, dass es noch einen ande-

ren Kevin gibt. Vielleicht kriege ich noch einmal die Chance, richtig ernst genommen zu werden. Das liegt mir am Herzen. Wenn du ehrlich bist, klappt ja seltsamerweise alles von allein, gerade privat. Ich habe mein komplettes soziales Umfeld verändert. Mir wurde in der Therapie schnell klar, dass ich nicht nach Frankfurt, Bad Homburg und in den Taunus zurückgehen kann -einfach aus Sicherheitsbedenken. Simone habe ich durch eine Brieffreundschaft im Knast kennengelernt und bin mit ihr und meinem Sohn nun in unser Domizil, in ein neues Leben weit weg von Frankfurt gezogen. Es ist wunderschön.

Wie ist denn der aktuelle Stand im Songwriting von Veritas Maximus?

Unser Lead-Gitarrist Olli hat bis jetzt schon neun oder zehn Nummern vorproduziert – die sind Wahnsinn: voll eingängig, rockig-treibend, und dabei sehr eigen. Er ist mit dem ganzen klassischen Rock-und Metal-Kram aufgewachsen, und Satriani mögen wir sogar beide. Insgesamt wird es auf der neuen Scheibe sehr vielseitig zugehen. So viel kann ich schon mal verraten. Ein bisschen wird es logischerweise aufgrund meiner Stimme an Onkelz erinnern, aber das war es auch. Es wird keine Kopie werden und auch anders klingen als die Alben von Gonzo oder Stephan. Allein mit dem Textmaterial, was hier vor mir liegt, bin ich sicher, dass das ein Knaller wird. Ich schreibe sehr offen – zum Beispiel über die Gewalt, die mich mein Leben lang begleitet hat.

Wenn du den kreativen Prozess nun aus nächster Nähe und – im wahrsten Sinne des Wortes – nüchtern betrachtest: Bedauerst du im Nachhinein, dass du dich in all den Onkelz-Jahren kreativ nicht mehr eingebracht hast?

Klares jein. Wenn ich mich eingebracht hätte, wäre es nicht so verarbeitet worden, wie ich mir das gewünscht hätte. Für Stephan waren die Onkelz “sein Baby”. Dabei hat er manchmal vergessen, dass wir anderen auch die Väter dieser Band sind. Es ist etwa 15 Jahre her, als ich mal eine Idee abgegeben habe, doch die wurde ignoriert. Aber: Stephan hat die Texte eigentlich zu meiner vollsten Zufriedenheit ausformuliert. Wenn ich mich mit etwas nicht identifizieren konnte, habe ich es auch nicht gesungen -also wurde es geändert, und alles war gut. Man muss auch sagen: In meinem Junkie-Dasein war mir nur recht, dass ich keine Verantwortung übernehmen musste. Ich war ein faules Schwein. Aber das ist vorbei. Ich hätte viel mehr machen müssen – jetzt ist es so weit. Unser Debüt wird die musikalisch vertonte Ehrlichkeit, Alles, was ich für mich tue, mache ich auch für alle anderen. Das fruchtet und funktioniert sehr gut. Ich bekomme Anerkennung aus meinem Umfeld, wie sie mir vorher nie begegnet ist. Manche behaupten ja, dass Stephan die Texte für mich verfassen wird -völliger Blödsinn. Wer die Lieder hört, wird zu dem Schluss kommen, dass nur ich diese Zeilen verfassen konnte, denn nur ich habe sie gelebt!

Was können wir von deiner Tournee im nächsten Jahr erwarten?

Stress mache ich mir überhaupt nicht, das übersäuert nur den Körper. Es wird auch keine Tourneen mehr geben, bei denen ich aus Kostengründen öfter als zwei-oder dreimal pro Woche auf der Bühne stehe. Ich brauche meine Pausen. Alles andere lässt meine Gesundheit nicht zu. Das habe ich auch nicht nötig. Lieber zahle ich noch drauf, damit ich ausgeruht bei den Konzerten auftauche. Bei den Onkelz gab es oft genug Konzerte, in denen meine Stimme weg war und die Leute mussten für mich singen. Das ist nicht in Ordnung.

Zurück zur Anfangsfrage: War dein Auftritt in Geiselwind dein schönstes Konzerterlebnis?

Ich hatte so viele Konzerterlebnisse, die schön waren, aber dieses gehört definitiv dazu, weil es eine komplett neue Erfahrung für mich war. Mein neues Wesen konnte sich den Leuten präsentieren und zeigen: Ich bin wieder da. Korrigiere, eigentlich muss es heißen: Ich bin zum ersten Mal richtig da!

DIE NEUE BAND:

Gerd Lücking

Instrument: Schlagzeug

Musikalische Favoriten: Anneke van Giersbergen, Meshuggah, Deftones, Devin Townsend

Liebster Live-Song: ‘Ganz egal’

Oliver Lohmann

Instrument: Gitarre

Musikalische Favoriten: Led Zeppelin, AC/DC, Korn, Muse

Liebster Live-Song: ‘Nur die Besten sterben jung’

Bernhard Ebert

Instrument: Bass

Musikalische Favoriten: AC/DC, Motörhead, Metallica, Iron Maiden

Liebster Live-Song: ‘So geht’s dir’

Simon Gauf

Instrument: Gitarre

Musikalische Favoriten: Social Distortion, Backyard Babies, Blood For Blood, Guns N’Roses

Liebster Live-Song: ‘Finde die Wahrheit’

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