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FREITAG, 5.6., Alternastage

Es kann doch wohl nicht wahr sein. Da glaubt man, bei der Abreise an alles gedacht 211 haben – Sonnenbrille, Sonnencreme, kurze Hose – und ¿dann klappern einem beim Betreten des Festi-, val-Geländes vor Kälte die Zähne. Erderwärmung? Gute Nachricht für alle Klimaschützer – nicht bei Rock am Ring 2009. Exposed To Noise sind die ersten, die dem Publikum einheizen dürfen. Mit einem lauten “Rooooock am Riiiing” eröffnet Sänger Stefan das Festival. Die Band aus dem Ruhrgebiet ist sichtlich erfreut, an diesem Event teilhaben zu dürfen. Die Energie wird direkt in die Instrumente gepumpt – schade nur, dass die melodischen Parts dieser Screamo-/Metalcore-Mischung weitaus besser sind als die harten. Für letztere ist auch der Sound viel zu schwach. Kurz vor Schluss erläutert der Frontmann den fröstelnden Zuschauern nochmal die Mission: “Wir wollen euch anheizen” – das gelingt nur partiell.

Wirtz darf sich im Anschluss über einen besseren Klang und auch mehr Publikumsreaktionen freuen. Die dicke Hose des ehemaligen Sub7even-Sängers passt ebenso gut zur großen Bühne wie sein Mix aus Alternative, Rock und ein bisschen Punk. Die deutschen, recht gradlinigen Texte (nicht umsonst ist Wirtz ein Kumpel des ehemaligen Onkelz-ßassisten Stephan Weidner) sind sicher nicht jedermanns Sache, bleiben aber hängen. Ebenso wie der fulminante Auftritt von Hardcore Superstar: Zu ‘Beg For It’ sind die Reaktionen zwar noch verhalten, doch die rasanten Axl Rose-Bühnen-Rotationen von Sänger Jocke Berg und die Vollgas-Action-Attitüde der Band sorgen schnell für Stimmung. Hat man die Band hierzulande sonst immer in kleinen Clubs gesehen, kann man ihnen für den Auftritt auf der großen Show-Buhne nur Respekt aussprechen: Präsenz, Charisma und vor allem Spaß sind allgegenwärtig. Beim finalen Superstar-Hit ‘We Don’t Celebrate Sundays’ sind sämtliche Hände genauso hoch oben in der Luft wie unsere Daumen.

Von der Hand zu den Mundwinkeln – denn jetzt wird es lustig: DragonForce stehen auf dem Programm. Zwar scheinen die anwesenden Ring-Rocker mit den überlangen Power Metal-Hymnen und dem furztrockenen britischen Bekloppten-Humor der Truppe zunächst überfordert, jedoch weiß der feuchte Traum eines jeden Guitar-Hero-Aspiranten, wie man die Massen kriegt. Beim großen Set-Abschluss mit ‘Through The Fire And The Flames’ holt man sexy Porno-Krankenschwestern mit Biertabletts auf die Bühne. Sänger ZP Theart feuert die Kaltschalen behände in die Menge und dichtet den Chorus-Text flugs in “here we stand with our cocks in our hand” um. Und jetzt alle: Wohohoho.

Extrem, witzig – und spielerisch natürlich auf Top-Niveau.

Dieses Level wird auch bei der nächsten Band gehalten: Shinedown Die Überflieger des modernen Rocks klotzen nach knüppeligem Intro mit ‘Cry For Help’ direkt zu Beginn richtig rein. Zu Hard Rock-Klängen wie ‘Heroes’ oder dem Parade-Stampfer ‘Sound Of Madness’ lacht sogar für einige Sekunden die Sonne an diesem ansonsten unglaublich frischen Freitag. Doch auch Songs wie die anrührende Breitwand-Ballade ‘Second Chance’ bringen warme Gedanken. Nach so viel Besinnlichkeit schrauben Shinedown dann noch mal drei Gänge hoch und hauen uns ihren aktuellen Album-Opener ‘Devour’ um die Ohren. Der verliert im Vergleich zur Plattenversion live etwas an seiner pressierenden Power, bleibt aber dennoch ein Hammer vor dem Herrn. Kurzum: ein weiterer Bühnen-Siegeszug für die Freunde aus Jacksonville.

Erfolge feiern auch Enter Shikari: Mit nur einem Album haben sie sich zu den Aufsteigern 2007 gemausert und bringen jetzt – mit dem zweiten Album im Rücken – den elektronisch gepimpten Tanz-Metal auf die große Bühne. Die Fans nehmen die Aufforderung zum Feiern gerne an, auch wenn die Briten in dem kleineren Rahmen ihrer letzten Club-Tour mehr überzeugen konnten und ein Party-Garant wie ‘Sorry, You’re Not A Winner’ von besagtem Debüt auch starken neuen Songs wie ‘Juggernauts’ deutlich überlegen ist.

Etwas Hausfrauen-Philosophie gefällig? Bitteschön: Totgesagte leben länger. Erfolgreich haben Papa Roach den Sprung vom albernen Kinder-Rap-Metal in den echten Rock geschafft, was sie mit aktuellen Songs wie ‘Lifeline’ oder ‘Hollywood Whore’ musikalisch unterstreichen. Bei letzterem gibt es vor der prall gefüllten Alternastage auch kein Halten mehr, und Papa Roach provozieren auf dem Resonanz-Barometer einen der höchsten Einträge des bisherigen Tagesverlaufs. Zu Recht, denn die Darbietung strotzt nur so vor Spielfreude.

Jacoby Shaddix macht wieder den Wirbelwind und verdient sich Kilometergeld. Schnell noch ein gelungenes ‘Sears’, dann werden alte Wunden aufgerissen: Denn trotz ihrer Metamorphose können Papa Roach von ihren frühen Gassenhauern niehl lassen und geben dem Publikum, was es verlangt: ‘Last Resort’.

Auf ähnliche Evergreens können eigentlich auch Staind zurückgreifen. Irgendwie sind sie ein Phänomen: 2001 veröffentlichten sie ihr Über-Album BREAK THE CYCLE, bestückt mit Hits für die Ewigkeit – seitdem suhlen sie sich im stetig abnehmenden Erfolg. So bieten sie auch heute vor allem die seit Jahren gewohnte, selbstgefällige Langeweile, die nur durch die Songs vom erwähnten Album wirklich aufgebrochen wird: ‘Outside’ und ‘ 1 I’s Been A While’ , Mit solchen Tracks kann selbst Trauerkloß Aaron Lewis am Mikro punkten.

Da sind Killswitch Engage schon von ganz anderem Metal-Kaliber. Ihre Setlist bringt den Ring zum Beben: ‘A Bid Farewell’ rockt ebenso wie die Wall of Death bei ‘Rose Of Sharyn’. Frontmann Howard Jones hat ‘The End Of Heartache’ zwar schon mal besser gesungen, dafür punktet er mit der Performance des Dio-Klassikers ‘Holy Diver’. Und bei ‘My Last Serenade’ fliegen sowieso wieder die Fäuste durch den Pit. Die Fans lächeln zufrieden, und das nicht nur wegen Entertainer Adam Dutkiewicz. Live sind Killswitch Engage eine Bank – wenngleich die Band in Clubs noch energischer abgeht.

Marilyn Manson hat seine Qualitäten auf großen Bühnen hingegen längst unter Beweis gestellt. Nach dem fantastischen THE HIGH END OF LOW sind die Erwartungen an den Live-Auftritt entsprechend hoch, zumal Gitarrist Twiggy Ramirez wieder dabei ist. Dessen Performance gestaltet sich im ersten Drittel des Gigs auch noch recht Festivalformidabel, neue Songs wie das großartige ‘Leave A Scar’ kommen gut an- treffen aber nicht auf die Resonanz, die Mister Manson vorschwebt. Den nicht gerade überschwänglichen Applaus kommentiert der Schock-Rocker mit “meine Schwester hat lauter geschrien als ihr hier, während ich sie vergewaltigt habe”. Nun ja. Während Manson dann also im Sekundentakt seinen Mikroständer wegkickt und einen armen Stage-Knecht dazu nötigt, jenen wieder zu apportieren, spielt sich die Band lustlos und handzahm durch Klassiker wie ‘The Dope Show’ oder ‘Sweet Dreams’. Sogar das Patti Smith-Cover ‘Rock’n’Roll Nigger’ aus seligen SMELLS LIKE CHILDREN-Zeiten kommt zum Einsatz, rettet aber den ansonsten zu unspektakulären und ziemlich räudigen Auftritt nicht vor dem finalen Verriss. Auf der angekündigten Headliner-Tour möchten wir mehr sehen, Herr Manson.

Wie man es richtig macht, zeigen Korn. Von vielen bereits abgeschrieben, scheinen die Götter des New Metals vor allem live wieder aus dem Vollen schöpfen zu können. Schon beim Opener ‘Right Now’ laden die Amis eine Wagenladung Adrenalin auf das Publikum ab: ‘Did My Time’ bringt das ganze Gelände zum Hüpfen, bei ‘Falling Away’ gibt’s dann kein Halten mehr. Jonathan Davis biegt sich an seinem H.R. Giger-Mikro, Gitarrist James “Munky” Shaffer quält die Saiten, und Reginald “Fieldy” Arvizus Bass landet direkt in der Magengrube. ‘Here To Stay’ walzt mit seinem Doom-Riff alles in Grund und Boden, bevor Korn ein cooles ‘We Will Rock You’-Cover und den Dudelsack zücken. Nach ‘Freak On A Leash’ und TAU Want A Single’ steht man schweißgebadet in der Kälte und sucht seinen Schuh. New Metal ist tot? Nicht hier und heute. Jetzt brauchen Korn “nur” noch ein richtig geiles neues Studio-Album.

SAMSTAG, 6.6., Soundwave Tent

Und jetzt buchstabieren wir alle mal brav den Albtraum aller Festival-Besucher: B-o-d-e-n-f-r-o-s-t. Unglaublich, aber wahr. Im Juni. In Deutschland. Madina Lake tragen auch nicht gerade viel dazu bei, die Körpertemperatur hochzuschrauben. Diese H&M-Hüpfkasper-Combo besitzt weder die Genialität von My Chemical Romance noch die Old School-Eier von Avenged Sevenfold, sondern verschmutzt mit ihrem belanglosen, schlecht frisierten Emo-Dreck unsere Gehörgänge. Die vornehmlich jungen und weiblichen Zuschauer im ColaZelt kommen scheinbar auf ihre Kosten, alle anderen sind diesem Auftritt wohlweislich gleich ganz fern geblieben. Richtig so.

Und jetzt bitte schön vor der Bühne abhüpfen, hier sollen heute noch richtige Rocker spielen – wie zum Beispiel A Day To Remember. In der Redaktion haben die Jungs seit FOR THOSE WHO HAVE HEART (2007) einige Freunde, beim Rock am Ring anscheinend auch. Das Zelt ist locker gefüllt, der Song-Mix, der auch das aktuelle Album HOMESICK (2009) beinhaltet, kommt an, und so lässt sich die Band um Sänger Jeremy McKinnon zu einem locker aus der Hüfte geschossenen Gig animieren. Am besten kommen dabei natürlich die harten Songs vom 2007er-Album an.

Von Newcomern zu alten Haudegen – Vorhang auf für einen der letzten Vertreter der aussterbenden Spezies “Super-Rockstar”: Ex-Gunner Duff McKagan und seine Band stehen auf der Zeltbühne, während Witzfiguren die Hauptbühne bevölkern. Duff kümmert das alles nicht die Bohne, selbst beim kurzzeitigen Stromausfall während ‘Sleaze Factory’ lässt sich der spindeldürre Star ohne Allüren kurz lässig feiern, bevor noch derber weiter gerockt wird. Es folgt ‘So Fine’ und das Misifts-Cover ‘Attitüde’. Man wähnt sich in bessere, alte Rock-Zeiten zurückversetzt. Mit ‘I Wanna Be Your Dog’ als Rahmen stürzen sich Duff McKagan’s Loaded in ein Medley aus Priests ‘Living After Midnight’ (wer textsicher ist, versteht den Gag), AC/DCs ‘T.N.T’ und dem wunderschönen ‘Wild Horses’ von den Stones. Mit den angespielten Eröffnungs-Riffs von ‘Welcome To the Jungie’ und ‘Paradise City’ foppt der für diesen Show-Teil von der Gitarre wieder zum Bass wechselnde Duff die Masse kurz, nur um dann mit ‘It’s So Easy’ wirklich ernst zu machen und den Gunner-GAU zu starten. Großartig.

Vom Rock’n’Roll der älteren Klasse geht es gleich mehrere Dekaden Richtung Jetztzeit, denn der Mix aus Emo und Hardcore, für den Alexisonfire bekannt ist, hat ihnen viele Fans eingebracht. Diese könnten sich über die mit dem neuen Song ‘Young Cardinais’ offenbarte Stilerweiterung wundern, lassen das aber lieber und feiern munter. Zumal es ja auch genügend Songs der vorigen drei Alben gibt. Mode-technisch sind die Kanadier zwar ungefähr so elegant wie Handwerker Heinz, an der Live-Front macht ihnen aber kaum jemand was vor.

Jetzt nehmen die Fans am Nürburgring die nächste Ausfahrt in Richtung Alternative Rock – und zwar der Extraklasse. Was Biffy Clyro auf ihrem letzten Album PUZZLE (2007) veröffentlicht haben, ist die Mitte aus “göttlich” und “großartig”: gradliniger Rock, obskure Arrangements und Melodielinien, die einem den Himmel auf den Kopf fallen lassen. Klar, dass dieser Mix auch live ankommt. ‘Living Is A Problem ßecause Everything Dies’ und ‘Who‘s Got A Match?’ treffen in Mark und (das tanzende) Bein, während Frontmann Simon Neil in ekstatische Bewegungen verfällt und seine Gitarre bearbeitet. Aufgrund dessen, dass die in Höhe seines Brustbeins hängt, sieht es eigentlich eher aus, als würde er sie verdreschen. Gelungener Auftritt, dem im September ein Album folgt, das qualitativ hoffentlich an PUZZLE heranreicht.

Je später der Abend, desto ungeduldiger die Gäste. Als wäre die unmenschliche Bühnenzeit um 02:10 Uhr nicht schon spät genug, verzögert sich der Auftritt der progressiven Alternative-Rocker Dredg auch noch ein wenig nach hinten. Zu den relaxt-verspielten Klängen der kreativen Kalifornier macht es sich so manch einer der circa 700 Fans dann auch in der Horizontalen auf dem Zeltboden bequem. Pure Entspannungsmusik – auch wenn die flirrend-vertrackten Song-Jams manchmal ein bisschen mehr Schmiss vertragen könnten. Mit ihrem aktuellen Meisterwerk THE PARIAH, THE PARROT, THE DELUSION und der dazugehörigen Hit-Single ‘Information’ haben die Art-Rocker aus Los Gatos, die auch live mit extremer Spielfreude glänzen, jedenfalls beste Karten, um bei künftigen Großveranstaltungen mit mehr Selbstsicherheit in die Spielzeit-Verhandlungen zu gehen. Egal, es ist kurz vor halb vier – und einen traumhafteren Samstagabend-Abschluss hätte man sich nicht wünschen können.

Centerstage

Von der Hauptbühne ist in den hinteren Reihen nichts mehr zu sehen. Der Koloss ist von einer dicken Nebelsuppe geschluckt worden. Dazu findet der Sprühregen den Weg in den Kragen. Die Kälte tut ein Übriges, um den Kaffee-Shops mehr Absatz zu verschaffen als den Bierständen. Es ist schon eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet jetzt auf den Monitoren der dritte Teil von Ice Age beworben wird. Sevendust packen als Intro erstmal die Alarmsirene aus. Bei so einer Witterung hat die Band aus Atlanta bestimmt auch noch nicht auf einem Open Air gespielt. Dennoch machen die New-Metaller gute Miene zum bösen Wetter: “mit diesem Auftritt wird ein Traum für uns wahr”, versichert Lajon Witherspoon. Das Häufchen vor der Bühne vernimmt’s mit Wohlwollen – wer hier steht, ist definitiv Fan. Diese Treue belohnen Sevendust mit ihrem typischen Mix aus abgehackten, ultrapräzisen Riffs und der angenehm souligen Stimme ihres Frontmanns. Da fällt einem mal wieder auf, wie gut es der Metal-Szene täte, wenn vermehrt dunkelhäutige Sänger den Weg zum Metal finden würden – das Spektrum von Witherspoon ist der Hammer. Mit ihrer Performance können Sevendust sogar einen kleinen Circle-Pit in der Nebelbank platzieren. Guter Auftakt, den leider zu wenig Leute gesehen haben.

Richtig voll wird’s auch bei Trivium nicht. Das liegt vor allem daran, dass die Amis jedem Möchtegern-Rocker (hallo, Tribüne) direkt das Schirmchengetränk aus der Hand blasen. ‘Kirisute Gomen’ überfordert definitiv die Hörgewohnheiten einiger Anwesenden. Egal – die Jungs von Trivium sind so Metal, dass ihnen das gehörig an der Jeans vorbeigeht. Dementsprechend wird direkt im Anschluss das mit dissonantem Pantera-Teil versehene ‘Down From The Sky’ in die Runde gefeuert, bevor ‘Like Light To The Flies’ die Brücke zum ASCENDANCY-Album schlägt. Was Gitarrist Corey Beaulieu und Frontmann Matt Heafy aus ihren Gitarren quetschen, ist die ganz große Schule. Hingegen nervt weiter der quäkende Background-Gesang von Bassist Paolo Gregoletto, der so gar nicht zu den technischen Finessen seiner Mitstreiter passen will. Egal: Trivium sind die bis dato härteste Band des Festivals und haben bewiesen, dass sie auch in jungen Jahren große Bühnen wegbangen können.

Vom Metal zum Rock, vom Nacken zur Hüfte: Bei Arscheskälte sind Party-Garanten wie Volbeat eine Bank. Entsprechend sicher kommt auch Michael Poulsen mit legerem Schick am Leib auf die Bühne und stellt gleich mit dem Opener Guitar Gangsters And Cadillac Blood’ klar, worum es jetzt gehen wird: Rock’n’Roll, Johnny Cash und bei alten Songs auch mal Metallica. Das kommt an, auch wenn die Resonanz vom Wacken-Auftritt 2007 nicht eingefahren werden kann. Da hilft auch die herzlich willkommene Unterstützung an der Akustikklampfe nichts. Es ist einfach zu kalt. Und was macht man gegen Kälte? Man bringt den Adrenalin-Level in den roten Bereich. Zeit also für Machine Head, die beim Opener ‘Imperium’ auf die Bühne stürmen, als habe man ihnen gerade kollektiv die Frauen ausgespannt. Diese in Performance gewuchtete Aggression ist kein Schwinger mehr, sondern ein klassischer Knockout. Damit kommt dann leider auch die PA nicht klar: Machine Head haben den mit Abstand miesesten Sound des ganzen Festivals. Vollkommen übersteuert, können Granaten wie ‘Halo’, ‘Ten Ton Hammer’ oder die Metal-Hymne ‘Davidian’ ihr komplettes Zerstörungspotenzial daher nicht ganz ausreizen. Wer hätte gedacht, dass Slipknot mal Rock am Ring headlinen würden? Doch den großmäuligen Iowa-Rabauken ist keine Bühne und kein Publikum zu groß. Entsprechend selbstsicher ziehen sie die besten Songs aus ihren vier Alben aus dem Köcher und lassen das Publikum kollektiv schreien, springen, moshen. Songs wie ‘Duality’ entfachen vor 80.000 Zuschauern eine ganz eigene Magie – auch wenn die deutlich flacheren Text-Plattitüden wie ‘People = Shit’ doch etwas seltsam wirken, wenn sie vom Headliner eines kommerziell aufgestellten Festivals gebracht werden. Macht aber nichts, denn Slipknot werden erstaunlich abgefeiert. Vor allem beim alten Klassiker ‘Spit It Out’ gibt es kein Halten mehr. Slipknot gelingt es, das gesamte Areal Platz nehmen zu

lassen, bevor Frontmann Corey Taylor seinen Kollegen befiehlt, die Fans “nach Hause” zu bringen. Das gesamte Festival springt auf den Befehl “jumpdafuckup” in die Höhe. Ein einziger, kochender, flirrender Leib: Gänsehaut! An die Magie des Vorjahres-Headliners Metallica kommen Slipknot zwar nicht heran, meistern die schwere Aufgabe aber trotzdem überzeugend. Nach ihrem Gig sieht es bei den nächtlichen Aufräumarbeiten aus wie auf dem Zeltplatz: Von Schuhen über Taschen, Regenschirmen, Jacken und Mützen – hier gibt es alles, quer verteilt und sichtlich durchgerockt.

SONNTAG, 7.6., Soundwave Tent

Dankenswerterweise hatte der Wettergott doch noch ein Einsehen mit den Camping-Freunden. Nachts erreichte die Temperatur einen Wert, der einen doch tatsächlich kurz darüber nachdenken ließ, den Winterpulli auszuziehen und sich des Schals zu entledigen. Solche Kälte ist auch für Nervecell ungewohnt – in ihrer Heimat Dubai herrscht tropisches Klima. Musikalisch setzt es einen Mix aus Thrash- und Death Metal, der charmant, aber eben auch ein wenig altbacken rüberkommt. Den Old-School-Fans vor der Bühne gefällt’s.

Doch die positive Stimmung verfliegt im Nu – die Frage lautet: Wie kann man sich den angebrochenen Nachmittag besser versauen als mit Steadlür? Die Pseudo-Poser und Urheber von ‘My Mom Hates Me 1 , der schlechtesten Debüt-Single, seit es Tonaufnahmen gibt, geben jedenfalls auch auf der Bühne alles, um selbst von ihrer eigentlichen Zielgruppe, den Sleaze- und Hard Rock-Liebhabern, aus ganzem Herzen gehasst zu werden. Dass niemand Sänger-Flitzpiepe Philip Anthony verraten hat, dass echte Rocker auf der Bühne nicht an einer Flasche Weißwein (!) nippen, ist fast genauso schlimm wie die Glam Rock-Verballhornungen, die Steadlür Songs nennen. Selbst das Beastie-Boys-Selbstläufer-Cover ‘Fight For Your Right’ versemmeln die Pappnasen, so dass man als Fazit nur noch konstatieren kann: über-übel.

Apropos: Dafür, dass sich Band-Kopf Peter Tägtgren gestern in Donzdorf noch amtlich einen hinter die Binde gekippt hat, fällt der Auftritt von Pain erstaunlich trocken, treibend und auf den Punkt aus. Mag die Bandabmischung im Klampfenbereich auch nicht ganz so optimal sein, begeistern Brecher wie ‘Same Old Song’ – welches Peter mit einem lakonischen “ich bin seit 15 Jahren besoffen” kommentiert- die Anwesenden mit dröhnendem Druck auf das Headbang-Zentrum im Hirn. Während die ersten Reihen noch eine Spur härter abgehen und Peter Pommesgabel-Respekt zollen, ist das prall gefüllte Zelt bis nach ganz weit hinten dem soliden und düsteren Pain-Programm verfallen. Hier entwickeln sich Liebhaberstücke wie ‘Shut Your Mouth’ zum veritablen Massen-Hit. Gelungene Vorstellung.

Eine musikalisch ganz andere Richtung schlagen The Blackout ein: Sie konnten sich schon auf diversen Touren als Energiewunder empfehlen und legen ihrem Ruf gemäß auch beim Ring deftig los. Gleich in den ersten Minuten werden Zelttrassen erklettert, Mikrotricks mit unschlagbarer Lässigkeit dargeboten und aller – fast schon zu perfekt sitzenden – Show zum Trotz auch großartige Songs gespielt. Lediglich die “Oohoohooohooh”-Gesänge des neuen Albums THE BEST IN TOWN wirken etwas zu beliebig.

Für die in Deutschland live bislang wenig präsenten Buckcherry hätte der Auftritt am Ring zum kleinen Triumph werden können. Hätte – denn was die US-Hard-Rocker hier abliefern, lässt sich schwerlich als Glanzleistung verbuchen. Zwar spielt die Band saftig auf, doch leider ist Frontmann und Ganzkörpertattoo-Werbefläche Josh Todd stimmlich weit von seiner Topform entfernt. Da hilft es auch nicht viel, dass er ständig wie ein nervöser Boxer über den Bühnenring tänzelt. Egal, die Koks-Lobeshymne ‘Lit Up’ vom genialen Debüt zieht beim Publikum ebenso wie die Ballade ‘Sorry’, bevor dann mit dem live dezent angefunkten ‘Crazy Bitch’ der karriererettende Comeback-Hit die Meute komplett zum Tosen bringt. Hat man dennoch aber alles schon weitaus besser gesehen. Schade.

Wenn die ersten zehn Reihen beinahe ausschließlich aus Mädchen mit Seitenscheitel und kunterbunten Shirts bestehen, kann das eigentlich nur eines bedeuten: Bring Me The Horizon sind an der Reihe. Frontmann und Frauenschwarm Oliver “Oli” Sykes ergeht sich in großen Gesten, springt wie ein Gummiball herum und heizt den Fans ordentlich ein. Dazu schmeißt er sich mutig in die ersten Reihen und lässt sich feiern. Man merkt der Band ihre Live-Erfahrung an. Die weniger Breakdown-Iastigen Songs vom aktuellen Album SUICIDE SEASON bringen musikalische Abwechslung in das stramme Set. Die Mischung aus Deathcore und punkigen Vocals kommt beim Publikum unglaublich gut an, und so machen Bring Me The Horizon ihrem guten Ruf alle Ehre.

Man mag von dem nun folgenden Mummenschanz halten, was man will – die Leute scheinen auf die amerikanische Rap-Metal-Posse Hollywood Undead steil zu gehen. Während auf der Bühne also das Konzept Slipknot dem Konzept Beastie Boys die Klinke in die Hand gibt, ist im Zelt Party-Alarm bei den sechs Maskierten. Das wirkt überraschenderweise deutlich braver, als das Böse-Buben-Skandal-Image der Untoten vermuten lassen würde. Zudem kommt durchaus etwas Old School-Crossover-Stimmung auf, und auch ein Hauch Linkin Park kann dem Klangbild attestiert werden. Tut nicht weh, ist zur Abwechslung mal ganz nett und durch die Bank professionell – wenn leider auch etwas pubertär.

Ganz anders bei Gallows: In Sachen Live-Perfomance macht den Engländern so schnell keiner was vor. Die komplette Band ist kontinuierlich in Bewegung – angeführt von Sänger Frank Carter, der keine Sekunde still steht. Das gipfelt darin, dass er flink wie ein Wiesel durch die Menge eilt, einen der Pfeiler des Coca-Cola Soundwave-Zelts erklimmt und von dort aus weiter singt. Und als wäre das nicht schon lässig genug, lässt er sich nach einem amtlichen Stagedive auch noch zurück zur Bühne tragen. Punk Rock, wie er sein soll: pure Energie. Ganz nebenbei zocken Gallows noch ein straffes und rasantes Set runter, bei dem Hits wie ‘In The Belly Of A Shark’ natürlich nicht fehlen dürfen. Mit diesem Hammer-Auftritt legt das Quintett einen der besten Gigs des Festivals vor.

Nachdem die fabelhaften Assi-Briten von Gallows allen Möchtegern-Harten gezeigt haben, wo der Hardcore-Hammer hängt, wirken die US-Metalcoreler von All That Remains fast wie eine Rentnertruppe. Auch das Publikum lässt sich nicht dazu hinreißen, auch nur ansatzweise die Circle-Pit-Energien wieder zu aktivieren, die Gallows kurz zuvor noch entfacht haben – dabei changiert Sänger Philip Labonte sauber zwischen gutturalem Grölen und melodiöserem Gurren, sind die Gitarren-Arrangements neben modernem Shredding mit klassischen Metal-Tönen recht griffig und die Band unisono in Form. Doch letztlich bleibt alles etwas zu phlegmatisch und klinisch. Die Fäuste fliegen bei Songs wie ‘Two Weeks’ trotzdem in die Luft. Nicht überragend, aber solide.

Bei Black Stone Cherry stellt sich hingegen in diesem Jahr das erste Dejä-vu-Erlebnis am Ring ein: Hatten die sympathischen Südstaaten-Hard Rocker doch exakt vor einem Jahr an selber Stelle bereits die Fans begeistert. Mittlerweile noch routinierter in ihrem energetischen und ehrlich-erdigen Gebaren, gibt es auch heute Abend die Vollbedienung mit Hits wie ‘Rain Wizard’ oder ‘Hell And High Water’. Drummer Fred Young ist als coolster Rockstar-Drescher der Nachwuchsgeneration wie immer eine Augen- und Ohrenweide und dabei die personifizierte Lässigkeit am Stick. Nach kleiner Blues-Einlage gehen die Jungs

mit Maybe Someday noch mal richtig in die Vollen. Danach geht es kopfüber in einen orgiastischen ‘Voodoo Chile’-Jam, bevor sich Black Stone Cherry zu donnerndem Applaus verabschieden. Der größte Unterschied zum Vorjahr: Die Zahl der Zuschauer hat sich verdoppelt.

Ob Dir En Grey auch so gut ankommen? Am METAL HAMMER-Autogrammstunden-Stand haben sie ein paar Stunden früher jedenfalls für ordentliches Gedränge gesorgt. Dabei zeigt sich erst beim Anblick der vor der Bühne befindlichen Anwesenden, was für ein Liebhaber-Thema die Japaner sind, ist die Zelthalle doch mit knapp 500 Leuten deutlich unterbesetzt. Begeisterungsausbrüche gibt es dennoch für die Visual-Kei-Außenseiter. Dabei stellt der Kamikaze-Katzenjammer westliche Hörer, die nicht mit Animes, Mangas oder Schlüpferautomaten sozialisiert wurden, auf eine harte Zerreißprobe. Sänger Kyo, schick blondiert, schafft es jedenfalls ganz gut, die neugierigen Nicht-Japan-Jünger aus dem Zelt zu kreischen. Letzter Akt, äh, Song, und der Vorhang schließt sich für das Show-Schlusslicht von Rock Am Ring 2009. Dann bitte doch lieber J. Lo als J-Rock fürs nächste Mal, okay?

Centerstage

Drei Jahre nach der Trennung kehren die Guano Apes zurück. ‘Open Your Eyes’ kommt relativ früh im Set, aber auch ‘Quietly’ und das fantastische ‘Pretty In Scarlet’ lässt Jung und Alt jedwede Kniebeschwerden vergessen. Irgendwie ist alles wie früher – im Guten wie im Schlechten: Sandra Nasic hat immer noch eine der besten Stimmen Deutschlands, aber der Rest versteckt sich (mit Ausnahme des positiv Verrückten Drummers Dennis Poschwatta) hinter den Instrumenten. Null Bewegungsradius geht bei einer derart großen Bühne gar nicht! Da kann Frau Nasic sich noch so lasziv räkeln.

Kurz darauf herrscht im Publikum mehr Bewegung vor: Die Fans drücken wie blind gegen die Wellenbrecher, kurzzeitig herrscht Chaos vor der Bühne -Billy Talent wollen mit ‘Devil In A Midnight Mass’ auch gleich alle Fronten klären. Das kommt zwar an, doch das Tanzgemenge fällt nach dem vorhergehenden Gedränge entsprechend kurz aus. Auch im Folgenden bleibt es dabei, dass die Kanadier zwar die Hits in der Stalinorgel verschießen, mit ihrer rudimentären Rock-Show die große Bühne aber nicht ausfüllen können. So haben zwar alle eine gute Zeit, der Funke springt aber kaum über.

Dann verdunkelt sich die Bühne zum ‘Space Odyssey’-Intro – Jubel aus 80.000 Kehlen. DJ Lethal entert sein Pult – ein Knall, und Limp Bizkit legen mit ‘My Generation’ los. Was für ein Opener! Nach striktem Muster wechseln Limp Bizkitzwischen harten und eher soften Songs – leider nimmt dieses Schema dem ansonsten coolen Set immer wieder den Druck. Dennoch, Hits wie ‘Break Stuff oder ‘My Way’ werden frenetisch bejubelt und bei ‘Füll Nelson’ bekommen dann sogar zwei ausgewählte Fans die Ehre, mit auf der Bühne zu performen. Weniger cool sind die Sound-Schwankungen, die zwischen leise und zu leise pendeln. Schade, denn so gehen Brecher wie ‘Eat You Alive’ einfach unter. Beim Radio-Hit ‘Behind Blue Eyes’ wirkt das – doch beim finalen Trio ‘Nookie’ (fett, fett, fett), ‘Take A Look Around’ (einfach genial) und dem alles nieder walzenden ‘Rollin” fehlt der Druck. Dennoch: ein würdiger Headliner und ein gebührendes Comeback. www.rock-am-ring.com

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