Toggle menu

Metal Hammer

Search

Kreator: Zurück in die Zukunft

von
teilen
teilen
twittern
teilen
mailen

Speicherstadt, Hamburg Dungeon, Pestkrankenhaus. Was sich anhört wie das geistesgestörte Gemurmel eines Aussätzigen, umschreibt lediglich einen der wichtigsten Pressetermine in Sachen harter Kost. Das Essener Thrash-Metal-Urgestein Kreator lädt zur Hörprobe des neuen Albums ENEMY OF GOD in die Hansestadt, und die nationale sowie internationale Metal-Journaille kommt in Scharen. Das Hamburg Dungeon ist eine Art Erlebnis-Gruselkabinett, das Besuchern das Mittelalter mit all seinen Greueltaten so real wie möglich vermittelt. Erfolgreich, denn der Charme der Einrichtung ist herrlich morbide.

Mögen die Spiele beginnen. Nach einem Durchlauf der zwölf Stücke wird sofort eines klar: Dieses fette Brett riecht verdammt nach Höchstnote. Das an den Tag gelegte Tempo ist immens hoch, Mille singt so extrem und aggressiv wie selten zuvor, die Arrangements sind clever gestaltet, und die Soli lassen den Freund von metallischer Gourmet-Kost mit der Zunge schnalzen. Ist ENEMY OF GOD etwa eines der besten Kreator-Alben aller Zeiten? Es scheint so, denn die Qualität der Stücke ist beängstigend. Der “Gottesfeind” besticht einerseits durch das Flair der alten Schule, ist aber dennoch ein Paradebeispiel für moderne, harte Musik des 21. Jahrhunderts. Kreator katapultieren sich mit diesem Kampfschiff selbst zurück in die Zukunft. Band-Boss Mille erklärt den Entstehungsprozess der neuen Wunderwaffe: “Die Touren der letzten Jahre haben uns gezeigt, wofür diese Band steht. Wir haben ein völlig neues Gefühl für uns und unser Schaffen bekommen, aber scheinbar mussten war dieser Lernprozess wohl nötig.”

Da fallen sofort die Stichworte OUTCAST und ENDORAMA – zwei Alben, hinter denen Mille nach wie vor steht, aber diese mittlerweile auch differenzierter betrachtet: “Ich möchte die Platten nicht schlecht reden, aber es waren doch sehr egoistische Scheiben, mit Songs, die ich für mich geschrieben habe. Das neue Album klingt unter anderem anders als diese beiden genannten Platten, weil ich mir viele Fan-Meinungen anhörte. Es ist zwar nicht so, dass ich mir beim Komponieren vorstelle, wie jeder Fan die einzelnen Riffs leiden mag, allerdings habe ich mir bei ENEMY OF GOD öfter überlegt, wie die Songs die Leute live ansprechen wird.”

Eine kluge Entscheidung, denn alle zwölf Granaten sind bühnenkompatibel, so dass man sich nun Sorgen machen muss, welche anderen Hits die Band bei den zukünftigen Gigs aus dem Set schmeißen wird.

Wie bereits erwähnt, sind die Soli der beiden Sechs-Saiten-Protagonisten ebenfalls sehr gelungen. Meister Petrozza durchleuchtet den Entstehungsprozess der ersten Geige: “Die Soli sind diesmal sehr ausgearbeitet. Darauf hat unser Produzent Andy Sneap viel Wert gelegt. Sami (Yli Sirniö, Anm.d.A.) und ich haben uns die Arbeit geteilt. Wobei ich sagen muss, dass es viel Zeit und Mühe gekostet hat. Ich bin nämlich kein Solo-Künstler, aber wir haben mit Sami einen derart guten Musiker in den eigenen Reihen, dass ich mir sagte: ‘Lass machen!’. Das ist ein entscheidender Unterschied zu VIOLENT REVOLUTION – wir sind nicht nur besser vorbereitet ins Studio gegangen, sondern ich habe auch den anderen viel mehr Freiräume gegeben.” Freiraum? Proberaum! Denn: “Anfang 2004 stand bereits das Material”, führt Mille weiter aus. “Mit acht Songs sind wir dann in den Proberaum und haben ein halbes Jahr lang dreimal in der Woche bis zur Perfektion geübt.”

Diese Akribie wird sich auszahlen, denn ENEMY OF GOD ist nicht nur ein weiteres Thiash-Album für die Fans und die Band. Es ist ein wichtiges Album für die gesamte Metal-Welt – für das Jahr 2005 sowieso, aber auch lange darüber hinaus.

teilen
teilen
twittern
teilen
mailen