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Metal Hammer

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Mauern im Osten, Ignoranz im Westen

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Die DDR, Land»der Trabis, wo unerbittliche Mosher von einem Kulturhaus zum anderen fahren, um die geilen Metal-Bands zn erleben. Die DDR ist Mosher-Mekka, soviel hat sich im Westen nungesprochen. Was sich herumsprechen sollte, ist, daß es so rosig weifigott nicht ist. MCB, Veteranen der drübigen Metal-Szene haben so manches Mißverständnis aufzuklären.

“Ich habe schon immer hart spielen wollen. Ich habe vom Beat an, Beatles, Rolling Stones, Led Zeppelin, alles mitgenommen. Ich wollte immer die härtere Sache durchziehen – mußte aber laufend Kompromisse machen, weil ich als Bassist Begleitmusikant war und nichts zu sagen hatte.”

Mike Demnitz, Kopf von MCB, hat ziemlich viele Stationen DDR- Rock durchlaufen, so bekannte Gruppen wie Electra und Reform inclusive. Sein Ding waren die

Seicht-Bands nie. Deshalb startete er vor zehn Jahren Lava. Ein höllisch heißes Ding, doch die Eruption kam ein Jahrzehnt zu früh, die Lava erkaltete und löste sich bald wieder auf. Wieder mußte sich Mike Demnitz als Brotmusiker verdingen, bevor MCB an Form gewann – in der klassischen Dreierbesetzung, die er schon immer wollte. Zuerst stand ‘MCB’ für die Anfangsbuchstaben der Musiker, doch nachdem C und B ausgetauscht wurden, muß. nun ‘Motor City Barbaren’ als Übersetzung herhalten. Mit MCB ging endlich das los, was Lava versagt gewesen war. Gröhlende Fans in Scharen, Erfolg in den DDR-eigenen Wertungssendungen – man ist wer. Und doch: Wer erwartet, daß MCB ob der Metal-Euphorie auf Schultern getragen werden, kennt den Behördenstaat DDR schlecht. “Als Heavy-Gruppe hast du es auf jeden Fall schwerer. Da gibt es Schwierigkeiten tritte bezahlt. Sonstige Einnahmen sind spärlich. Große Pausen oder üppige Urlaube sind völlig unmöglich, wenn man mindestens zehnmal im Monat auftreten muß, um finanziell über die Runden zu kommen. “Im März zum Beispiel hatten wir 16 Termine von denen sind schließlich sieben realisiert worden.” Bei den anderen guckte die Band in den Mond. Da ist es doppelt bitter, wenn einem da noch in den Rücken gefallen wird. “Wir haben mit zwei anderen Gruppen eine Platte gemacht, so ein ‘Kleeblatt’, und die ist vom Metal Hammer ganz schön verrissen worden. Zuerst haben sie so getan, als wäre die Platte nur von einer Band – das geht ja noch an – aber da werden Aspekte dargelegt, die die Leute gar nicht einschätzen können.” Was Mike Demnitz besonders aufregt, ist der so pauschale wie völlig falsche Vorwurf, daß auf der Platte staatlich geförderte Altrocker sich abquälen, während der wahre Untergrund sein trauriges Muckerleben fristen muß. Derartige Ignoranz kann MCB wirklich auf die Palme bringen. Vom Staat haben sie in all der Zeit noch keinen Pfennig gesehen, und einzig ihre Breitenwirkung bewahrt sie davor, von staatlicher Seite auf den Index gesetzt zu werden.

“Im Untergrund spielen die meisten Amateur-Bands Thrash – was die Leute offensichtlich hören wollen. Aber die können nicht unterscheiden, ob das nun wirklich gespielt oder nur gedroschen ist” – die Wahrheit über die vielgerühmte und selten gesehene DDR-Szene. “Wir spielen nur eigene Lieder und eins von Metallica – um zu zeigen, daß sie es können.” Was Manager und Mixer Franz Trommer bemängelt, ist, daß die meisten Bands ihren Westkomplex nie überwinden:

“Die spielen nur nach und entwickeln kein eigenes Profil.”

Eben das hat MCE Brachialer Hardrock zwischen solider Spieltechnik und Motörhead. Die musikalische Seite stellt also kein Problem dar; anders sieht es mit den Texten aus. “Im Metal Hammer stand, die wären alle scheiße.” Mike ist sichtlich sauer: “Wä- haben einen Text von Morgenstern – “Henkersmädel” – der ist einfach deutsches Kulturgut. Was die anderen angeht… wenn es nach uns ginge, klängen die verschärft.”

Doch diese freie Gestaltungsmöglichkeit existiert eben nicht

“Du mußt immer überlegen, ob du das Wort benutzen kannst oder nicht. Wird das Lied mitgeschnitten, ändere ich eben den Text.”

Abgesehen davon, daß “Henkersmädel” wirklich sehr gut rüberkommt, wird wohl klar, wie sich MCB durchzulavieren hat zwischen den eigenen Ansprüchen und denen der Fans auf der einen Seite und der behördlichen Zensur auf der anderen. Doch das ist noch nicht alles:

“Zum Beispiel im Studio, wo wir aufgenommen haben, da nehmen die Kontaktspray und sprühen damit die Regler ein. Die werden dann hin und her bewegt – und wenn sie zufällig eine Stellung erreicht haben, wo sie nicht mehr krachen, dann wird das so aufgenommen.”

Tschechoslowakische Technik von 1950 im Wettstreit mit den Mülionen-Mogulen im Westen. Da schmerzt Ignoranz natürlich besonders, zumal es MCB vor allem auf den Vergleich ankommt Im eigenen Land haben sie so ziemlich alles niedergespielt, was sich ihnen in den Weg stellte. Das Ende dieses Weges ist erreicht. “Wir müssen unbedingt mal raus, weil wir sonst nicht mehr wissen, wo wir noch spielen sollen. Aber die etablierten Bands, die am Drücker sind, lassen niemanden ran. Obwohl wir die alle in den Sack spielen würden, sehen wir keine Möglichkeit, da durch die Decke zu stoßen. Kerne Chance also, international wirksam zu werden, speziell in Westeuropa. Wir würden uns gern mit den einschlägigen Bands messen…” aber wie? Da trollen sie sich wieder, die Helden im Metal-Paradies und hören sich an, wie russische Gruppen hochgejubelt werden, die mehr mit dem Yes- und Genesis-Schleim der Mittsiebziger zu tun haben als mit Heavy Metal. Zurück in den täglichen Kleinkrieg um Spielgenehmigungen, zusammenbrechende Transportmittel, explodierende und schon fünfzigmal reparierte Verstärker. Sie schießen wie Pilze aus dem Boden, die Metal-Bands, aber der ihnen entgegenschlagende Wind ist immer noch recht frostig.

Dieser Text ist ein Teil von “DAS ARCHIV – Rewind”, für das über 100.000 Artikel eingescannt und mit einer automatischen Schrifterkennung nachbearbeitet wurden. Aufgrund der Artikelmenge kann es an manchen Stellen noch immer zu Fehlern in der Darstellung kommen. Wir arbeiten stetig an der Behebung und bitten so lange um Verständnis.

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