Schätze

Rock am Ring 1997: Von Kiss bis Die Ärzte

Aus METAL HAMMER 07/1997

Zum elften Mal ROCK am RING, zum elften Mal die Creme de la Creme der internationalen Rockmusik, friedlich vereint auf einer riesigen Bühne. Mehr als fünfzig Bands an drei Tagen, dazu Regen, Hitze, Gedränge, Bier, Pizza, Currywurst und Pommes rot/weiß. Wer dies schadlos überlebt hat, sieht anschließend das Leben mit anderen Augen.

Die abschließende Pressekonferenz am Pfingstsonntag wurde zum Statistik-Showdown der Superlative: Weit mehr als 60.000 Zuschauer, mehr Bands als jemals zuvor, mehr attraktive Nebenveranstaltungen denn je. das friedlichste Rock Am Ring-Festival seit Menschengedenken (also seit 1985), die zufriedensten Künstler seit Jahren, usw. Veranstalter und Konzertpapst Marek Lieberberg präsentierte sich sichtlich stolz und zufrieden, ließ den Verantwortlichen des RAR-Hauptsponsors, Mustang Jeans, gleich mit einstimmen ins hohe Lied der - europaweit gesehen - renommiertesten Veranstaltung dieses Jahrzehnts.

Insgesamt 60 Aufbauhelfer hatten fünf Tage lang rund um die Uhr geschuftet, um die insgesamt 82m x 21 m x 22m große Bühne zu errichten, 480 Helfer sorgten für Ton, Licht, Aufbau, Umbau etc. Die Musikanlage erreichte Spitzenwerte von bis zu 250.000 Watt, die imposante Lichtshow bestand aus 410 Scheinwerfern, 40 Varilights, sechs sogenannten Super Troupern. Dazu installierten man das komplette Licht der beiden Hauptacts zusätzlich. Wer die Bühnenausleuchtung allein bei Kiss gesehen hat, kann sich das komplette Ausmaß des Lichtermeeres wohl bildlich vorstellen. PA-Verleihe schnalzen bei solchen Zahlen sicherlich genüßlich mit der Zunge, Technikfreaks dürfte das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Daß Lieberberg und Co. dennoch einige bange Minuten zu überstehen hatten, lag wieder mal am Wetter. Wie jedes Jahr (einzige Ausnahme: 1986) ging auch anno 1997 ein Prasselregen derbsten Ausmaßes in Verbindung mit Gewitter über das Nürburgring-Geländer hernieder und sorgte für ängstliche Blicke auf, vor und hinter der Bühne. Es war zunächst nicht klar, ob die als Headliner des Pfingstfreitags vorgesehenen Slipeilramp überhaupt noch spielen können. Für etwa sechzig Sekunden hatte ein Blitzschlag die komplette Stromversorgung der ganzen Region außer Kraft gesetzt, als dann die Notstrom-Aggregate anliefen, meldeten die Techniker erste Entwarnung. Nach einer etwa einstündigen Pause konnten dann Supertramp doch noch auf die Bühne, um ihre neuen ('You Win, I Lose') und zahlreichen alten ('Dreamer', 'Breakfast In America', 'Logical Song', 'Give A Little Bit' etc.) Hits zu präsentieren. Im sogenannten Alternatent (sponsored bei Camel - ...hust...) spielte die (vermeintlich) zweite Riege des Festivals zum fröhlichen Headbanging auf. Hier tummelten sich am Freitag unter anderem die smarte Saffron und ihre Band Republica, zudem Thumb und Voodoo Glow Skulls.

Den Samstag eröffneten die hoffnungsvollen Caroline's Spine aus Phoenix/Arizona. Das Wetter prächtig, die Burschen bei bester Laune, das Publikum allerdings noch etwas verkatert, dennoch ein würdiger Opener. Einen musikalischen und ebenso stimmungsmäßigen Tiefpunkt erlebte das Festival zweifelsohne als Sabrina Setlur ihren schnoddrigen Hip Hop zum Besten gab und neben spärlichem Beifall überwiegend Mißfallenskundgebungen erntete. Genau das Gegenteil spielte sich dann bei Kula Shaker ab. Diese Band rockt! Mainman Crispian Mills sorgte für massenhaft Bewegung, die psychedelisch angehauchte Seventies Rock-Gangart war ohne Zweifel einer der positivsten Überraschungen des gesamten Festivals. Kula Shaker-Hits vom Schlage 'Govinda' oder 'Hush' paßten brillant in die durch gutes Wetter und lecker Bier bereits aufgehitzte Atmosphäre. Beck der danach auftrat, hatte wieder mit fliegenden Plastikflaschen zu kämpfen und wurde zudem von dem eher dummquasseligen Radio RPR Moderator Tillmann Uhrmacher fälschlicherweise mit den Worten "und nun, begrüßt mit mir die Superstars Bush!" angekündigt. Anstatt den Eifrigen hüftlahme Witze über die Kelly Family (echt cooles Thema - und so neu) oder die-Backstreet Boys machen zu lassen (etwa alle sechs Stunden wiederholten der dösige Schwätzer und sein Kollege Bob Morawka den Spruch: "Ich hab 'ne gute Nachricht für Euch: die Kelly Family hat sich aufgelöst." Oder: "Noch 'ne gute Nachricht: Die Backstreet Boys werden hier nicht spielen!", hätte man diese Pfeifen lieber in die Karpaten jagen sollen. Am peinlichsten aber folgender Spruch (sinngemäß): "Ich hab da noch 'ne Suchmeldung: ein gewisser... (Namen sparen wir uns hier) soll sich schleunigst im Sanitäterzelt einfinden, seine Freundin bekommt gerade ihr Baby dort. Tja, Pech gehabt, für dich ist das Festival wohl zuende." Weia... Die einzig gute Nachricht wäre gewesen, wenn man sich ihr dummes Geplapper hätte ersparen können. Dann folgten doch noch die bereits knapp drei Stunden zuvor angekündigten Bush, die Masse tobte, der Mob vor der Bühne hüpfte, was das Zeugs hielt, Bush dankte es allen mit einem ambitionierten Auftritt. Aerosmith beendeten schließlich den Abend. Lobeshymnen über Tyler & Co anzustimmen, hieße, Eulen nach Athen tragen. Aerosmith sind DIE Superband der Neunziger, nicht nur auf CD, sondern auch (und vor allem) live. Wer von dem furiosen Set der US-Truppe (inkl. überdimensionale Plastik-Drachen) nicht begeistert war, stand vermutlich unter Tranquilizern. Im Movetown-Altematent an diesem Tage: u.a. die Britrock-Hoffnung Supergrass ('I Should Coco'), Dodgy und Nada Surf. Mit Atari Teenage Riot zog nachmittags bereits der tonale Holocaust ein, Blitzgewitter aus Stroboskop-Lampen, Techno-Loops, schrille Computerklänge: Die Fans im Zelt erlebten ihr apokalyptisches Aha-Erlebnis. Nach dem Aerosmith-Auftritt, der bis weit nach Mitternacht ein veritables Best Of-Programm (von 'Dream On' und 'Sweet Emotion' bis hin zu 'Nine Lives' oder 'Falling In Love Is Hard On The Knees') präsentierte, wurde während der Nacht das komplette Bühnenequipment abgebaut und vollständig neu für den nächsten Tag zusammengestellt. Inklusive Licht also ein umfassender Umbau, denn - große Ereignisse warfen ihre Schatten voraus - Kiss waren für Sonntagabend angekündigt. Zuvor bemühten sich am Sonntagmittag Madonna Hip Hop Massaker und die Mutton Birds ums Aufwärmprogramm, das bei den britischen Retrorockern Reef dann schließlich gänzlich griff. Gitarrist/Sänger Daniel Johns von Siverchair wirkte anschließend ziemlich verloren auf der riesigen Bühne, zudem war auch der musikalische Output der drei Shootingstars ziemlich dünne. Rock Am Ring kam wohl zu früh für die australischen Grungepunk-Teenies, und ob sie in diese Rolle je hineinwachsen, steht auch weiterhin in den Sternen. Im Alternativ-Zelt heute: u.a. Tracy Bonham, 3 Colours Red, die kommenden Superstars Placebo und Sharon Stoned. Neneh Cherry präsentierte währenddessen auf der Hauptbühne all ihre großen Hits, bot tolle Versionen von 'Woman, 'Manchild' und schließlich '7 Seconds' (natürlich ohne Youssou N' Dour), und stieß besonders bei den Frauen auf große Gegenliebe. Als Live gegen Abend die Bühne betraten, kam so richtig Leben in die Bude. Die amerikanischen Alternative-Könige sind unübersehbar Festival-erfahren, spielten unter anderem beim '95er Woodstock-Festival und gehörten mit ihrem kraftvollen Bühnenacting sicherlich zu den griffigsten und überzeugendsten Acts des gesamten Programms. Auch wenn ihr neues Album SECRET SAMADHI nicht an den THROWING COPPER-Klassiker heranreichen kann, auf der Bühne kommen auch die neuen Tracks wie Aufputschmittel. Als vorletztes turnten die Ärzte albern über die Bühne. Ich weiß, daß kaum ein deutsche Combo dermaßen viele treue Anhänger besitzt. Mich konnten die drei Berliner Comedy-Figuren dennoch erneut nicht überzeugen. Und dann: ,You wanted the best, you've got the best, ladies and gentlemen, the hottest Band in the world: KISS.' Licht aus - womm, Spot an - jaa: Reptilienrock der Marke Glam Metal. Gene Simmons auf überdimensionalen Plateauschuhen wie weiland Quasimodo über die Bühne schreitend, Schreihansel Paul Stanley, der ständig das Publikum zu animieren versuchte ("Nüüböörgrrring, I can't hear you!"), Gitarristenlegende (ähem...) Ace Frehley, mit gar sonderbaren Solodarbietungen und an den Drums der tollkühne Peter Criss, der - gerüchteweise - vor der Welttournee mit gleich drei Schlagzeugtrainern wieder fit gemacht werden mußte. Egal, Kiss boten eine überzeugende Show Hollywood-mäßigen Ausmaßes. Es rauchte und brannte, es knallte, zischte und flimmerte. Simmons schwebte wie einst David Copperfield durch die nächtliche Eifel, Hubschrauber kreisten über dem Areal, Frehley und Stanley wurden per Kran in die Höhe befördert. Disneyworld meets Star Wars oder aber: Die Rückkehr der glorreichen Siebziger. Kiss spielten nahezu ausschließlich die Klassiker ihrer maskierten Ära, aber das wußte man ja bereits von den bisherigen Deutschland-Dates. So ham was gewollt, so ham was gekricht.

Während draußen noch das Festivalprogramm tobte, eröffnete der Mann bereits im Presseraum des Mürburgrings die Pläne für Rock Am Ring anno 1998: Depeche Mode und Metallica. Auch nicht schlecht.

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Weitere historische Interviews findet ihr in DAS ARCHIV - Rewind!

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