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Backyard Babies – Die Wilde 13

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Es ist Mitte März, das Thermometer in Stockholm zeigt minus zehn Grad. Bibbernde Kälte schlägt mir entgegen, als ich in einer verlassenen Industriestraße in Solna. einem Vorort Stockholms, aus dem Taxi steige. Lagerhallen und Bürogebäude weit und breit, aber keine Menschenseele und vor allen Dingen kein Tonstudio in Sicht. Plötzlich wird hinter mireine massive Metalltür geöffnet. Backyard Babies-Schlagzeuger Peder Carlsson erscheint, und beim Herabfahren in den Keller wird mir bewusst, dass sich hinter der mysteriösen Adresse kein Studio, sondern die intimste und kreativste Zelle der Band verbirgt: der Proberaum. Dieser ist groß wie eine komfortable Zwei-Zimmer Wohnungund aufgeräumter als vermutet. Neben den Cases. den Instrumenten, dem riesigen Backdrop, einer Bar und einer einladenden Sitzgruppe sind besonders die Wanddekorationen auffällig. Tourposter, Por no-Pin-ups, Setlists und massig Bilder ihrer Helden: Social Distortion. Kiss. Iggy Pop. MC5 und Elvis, um nur einige zu nennen. Genau diese Einflüsse haben die Backyard Babies bereits auf dem I998 erschienenen Major-Album TOTAL 13 mit viel Schweiß. Adrenalin und Herzblut zu einer drecki gen Rock’n’Roll-Packung vermengt. In ihrer Heimat bedeutete das mit knapp 60.000 verkauften Exemplaren bis zum heutigen Datum Gold. Seit dem letzten Jahr waren die vier auf der Suche nach einem neuen Vertrag, nachdem der Kontrakt mit der alten Firma MVG/eastwest aufgelöst worden war. So zog sich die Veröffentlichung einer neuen Platte hin. wildeste Gerüchte kursierten. Die schwedische Musikpresse skandierte, dass die Backyard Babies keine Songs mehr schreiben könnten und sich in einer kreativen Krise befänden. Sänger Nicke Borg wird ziemlich sauer, wenn er daran zurückdenkt: “Wenn MAKING ENEMIES IS GOOD jetzt auf den Markt kommt, können wir endlich den Gegenbeweis antreten, dass die ganze Band weder auf Heroin noch an AIDS erkrankt ist. Wir hatten auch keine Ghostwriter. die uns unter die Arme griffen, weil bei uns die Luft raus war. MAKING ENEMIES IS GOOD wird die Dinge wieder gerade biegen.” Mit Verlaub: Er wird Recht behalten, denn die Backyard Babies sind nicht auf der Stelle stehen gelieben, sondern haben ihren adrenalingetriebenen, rotzigen Rock’n’Roll mit weiteren Zusätzen angereichert.

Während viele mit diesem Album, mit dem die Babies in Deutschland beim BMG-Unterlabel G.U.N. im Laufstall sind, den kommerziellen Ausverkauferwarten, straft das Material alle Kritiker Lügen. Die neuen Songs im Schnelldurchlauf: ‘My Demonic Side’ kommt mysteriös, schleppend und rockt die Gruft mit bösen Gitarren, Horror-Intro und leichter Grabeskälte. ‘Heaven 2.0’ rezitiert Social Di stortion, liebreizt mit verspielten Gitarrensoli und fröhlicher Pop-Hook. Die erste Single ‘Brand New Hate’ bewährt sich durch rockenden Groove und einem sofortigen Mitsing-Charakter. der besonders live die Fans bewegen dürfte. Star War’ und Payback’ erweisen sich als geradlinige Rocker, letzterer arbeitet mit leicht gepitchtem Gesang und vielen Soli. ‘I Love To Roll geht marschmäßig ins Blut, dreht sich natürlich um den Lebensgrundsatz Sex. Drugs & Rock’n’Roll, und The Kids Are Right’ist der absolute Tanzflurstampfer mit allen Ohs, Ahs und einem hymnenhaftem Charakter. Hart aber herzlich werden die Babies bei Painkiller’. indem sie einen Gang zurückschalten. Mit Piano und angeschlagenen Gitarren setzten sie ein herzzerreißendes Stück Rock dramatisch, aber nicht schmalzig, in Szene. ‘Bigger With ATrigger’ oder To Tough To Make Some Friends’, “typische” Punk Rock-Fetzer mit einfachen Strukturen, könnten auch von TOTAL 13 stammen, während ‘Colours’ der auffälligste Song auf MAKING ENEMIES IS GOOD ist. Neben Blitz und -Donner-Effekten kommen auch Synthesizer zum erstmaligen Einsatz, die dem epischen Stück einen leicht futuristischen Anstrich der Marke Tangerine Dream verleihen. .Wir hörten einfach, dass sie genau an diese Stelle passten. versuchten es, und es klang genial”, erinnert sich Gitarrist Dre gen. “Kann gut sein, dass wir zu Pink Floyd einen Joint zu viel geraucht hatten. Aber’Colours’. der theatralischste Song der Platte, bringt ein wenig Abwechslung ins Programm.” Zwei Songs blieben noch ungehört: ‘Ex-File’, ein Duett mit der schwedischen HipHop-Formation Infinite Mass. und The Clash’, ein Stück, das die vier unterschiedlichen Charaktere innerhalb der Band beschreibt.

Produziert hat einmal mehr Tomas Skoksberg. der für die Aufnahmen zum ersten Mal nach zwölf Jahren aus Stockholm rauskam, begann die Produktion doch in der ländlichen Idylle der englischen Ortschaft Milton Keynes. Das war keine weise Entscheidung, denn schon nach einer Woche wurde Skogsberg krank. “Wir wollten Stockholm und überhaupt der Großstadt entfliehen”, rechtfertigt Dregen den Schritt und lacht weiter: .Doch zu viel frische Luft, zu viel Vogelgezwitscher und zu viel Natur verkrafteten wir, allen voran Tomas, nicht. So kehrten wir nach Stockholm zurück und führten die Arbeit am Gesang und an den Gitarren in unserer Heimat fort.” Doch Skogsberg hat seinen Job erneut fabulös gemeistert. Die 13 Songs von MAKING ENEMIES IS GOOD bestechen durch viel Druck, viel Dynamik. Ein Rockalbum, dass poppige Elemente genauso wie untergründige Punkansätze in sich vereint. Dregen findet resümierende Worte für die wildeste Platte, die die Backyard Babies seit dem Einstieg Nickes 1989 eingespielt haben: “Es geht hier nicht um Ausverkauf oder darum, dass wir jetzt mit aller Macht eine größere Band werden wollen. Dennoch mussten wir mit der neuen Platte unsere Richtung forcieren, auch mit einem Blick auf den Mainstream. Schließlich sollen die Kids Alternativen zu Korn und Limp Bizkit bekommen. Außerdem ist es an der Zeit, dass Buckcherry diese Platte endlich hören…” Ab dem 14. Mai werden Buckcherry vor Ehrfurcht, wir hingegen mit Begeisterung die Köpfe schütteln. Und zwei Finger gen Rockhimmel strecken – aus Dankbarkeit.

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