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Wahnsinniger Drehmoment

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Bei Tag wirkt die ehemalige Psychiatrieanstalt, in der Produzent Peter Tägtgren sein Abyss Studio eingerichtet hat, lediglich abweisend. Schwarz schwappt das Wasser eines Sees beim Dorf Grangarde bis wenige Meter vor das dreistöckige Haupthaus. Trotz einer schwer definierbaren Pastellfarbe zwischen Pink und Beige strahlt der Bau keine Fröhlichkeit aus. Bei Nacht ragt das alte Irrenhaus wie ein dunkler Schatten einsam über die kleineren Nebengebäude. Wer sich ins Innere wagt, wird von einer beklemmenden Atmosphäre empfangen.

Tommy Tägtgren, Peters Bruder und Co-Produzent, lädt um Mitternacht zur Besichtigung des morgigen Drehorts ein. Dark Funeral haben sich vorher mit einer Horror-Dokumentation über die Gräuel der Psychiatrie in die richtige Stimmung gebracht. “Lobotomie, Elektroschocks und andere Grausamkeiten wurden hier auch praktiziert”, verrät Tommy beim Aufschließen der Kellertür. “Die Patienten bekamen nur den miesesten Fraß vorgesetzt. Kein Wunder, dass es hier viele Tote gab.” Mit einem Quietschen öffnet sich der Eingang und ein modriger Hauch entweicht.

Sänger Emperor Magus Caligula übernimmt im Schein einer Taschenlampe tapfer die Vorhut. Wie gigantische Spinnweben hängt Latexfarbe in Streifen von Decken und Wänden. Der Boden ist mit abgeplatzten Farbfetzen bedeckt. Ein fieses Knacken unter den Füßen stellt sich als mumifizierter Vogelkadaver heraus. Im ganzen Haus finden sich die vertrockneten Überreste toter Tiere. Die Luft ist kühl und feucht. Raschelnd und knisternd bewegt sich die Gruppe fort. Zeit für eine Ablenkung. “Ich habe keine Ahnung, warum das bei mir immer so lange dauert, bis ich wieder in Stimmung für ein neues Album bin”, antwortet Gitarrist und Hauptkomponist Lord Ahriman leise auf die Frage nach den langen Abständen zwischen zwei Dark Funeral-Werken. “Es scheint meist vier Jahre zu dauern, bis meine kreativen Batterien wieder aufgeladen sind. Nur zehn Prozent meiner Ideen werden zu Songs, der Rest endet im Müll.”

Abfälle, zerstörte Möbelstücke und Schutt liegen nur in wenigen Räumen herum. In den meisten ehemaligen Zellen herrscht kahle Leere. Die dreiköpfige Crew des Standard Film Teams aus Umea macht sich Notizen. Schritte hallen durch die dunklen Gänge, während sich die Gruppe im Taschenlampenkegel langsam zum Dach vorarbeitet. Ahriman erläutert dabei einige Feinheiten von ANGELUS EXURO PRO ETERNUS. “Ich bin meiner Formel treu geblieben, indem ich extreme Aggression äußerst melodisch verpacke”, meint der Gitarrist. “In dieser paradoxen Verbindunq verstärken sich

die beiden Elemente gegenseitig.’ Nach seinen Angaben gibt es aber auch viel Neues zu entdecken: So hat sich der Schwede vom reinen Vierteltakt zugunsten rhythmischer Vielfalt verabschiedet, wobei auch dem Zusammenwirken von Schlagzeug und Gitarre mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. “Es soll Leute geben, die unsere Musik als monoton bezeichnen”, knurrt Ahriman. “Die hören nicht richtig hin, denn der Teufel steckt bei uns im Detail. Beim Nachspielen brechen sich die meisten Gitarristen dann die Finger ab. Ich habe noch keine völlig korrekte Wiedergabe gehört.”

In diesem Moment unterbricht Tommy mit einem lauten “Stopp!”. Sein Lichtstrahl wandert über den hölzernen Boden des Dachstuhls, bis er vor den Füßen von B-Force stehen bleibt. Der Bassist wäre beinahe auf eine völlig verschimmelte Stelle getreten, was mit einer harten Landung mindestens ein Stockwerk tiefer geendet hätte. Für heute Nacht haben Dark Funeral genug gesehen.

Auf diesen Schreck braucht man erst einmal Bier – wodurch sich das Aufstehen auf den späten Vormittag verschiebt. Das Film-Team baut bereits fleißig Ausrüstung und Generator auf. Dominator muss als Erster an die Arbeit und schleppt sein Schlagzeug in den ehemaligen Heizungskeller. Zwischen alten Kesseln und rostigen Röhren hämmert sich der Jungspund ratternd warm. “Das halt ich nicht aus”, stöhnt Sänger Caligula. Der stämmige Schwede hält sich aber nicht mit Jammern auf, sondern erweist sich als Mann der Tat: Aus einer blauen Isomatte schneidet Caligula kurzerhand passende Auflagen für die Trommelfelle. Zufrieden mit seinem Werk, setzt sich der Sänger in die Küche und lernt seinen Text auswendig. “Wir haben uns gerade eben erst für ‘My Funeral’ entschieden”, gibt Caligula zu. “Außerdem schreibe ich meine Texte immer erst im Studio – ich brauche den Druck.” Zur Strafe ist nun Nachsitzen angesagt.

Auch Chaq Mol findet sich zum Üben in der Küche ein. Mit dicken Kopfhörern sitzt der Gitarrist dann fast zwei Stunden vor dem Computer. Den Einwand, dass für ein Video nicht jeder Griff sitzen muss, lässt er nicht gelten. “Ich würde es wissen”, erwidert Chaq Mol. “Fehler ärgern mich ewig, und in einem Videoclip

wären sie für die Ewigkeit konserviert. Der ruhige Saitenmann räumt seinen Hang zum Perfektionismus durchaus ein. Zum neuen Album hat er jedoch laut Ahriman lediglich drei Riffs beigetragen. “Chaq ist dennoch meine rechte Hand”, lobt der schwarzhaarige Hüne. “Ich diskutiere alle meine Ideen mit ihm, und mir hilft unsere Zusammenarbeit sehr.”

Der Dreh zieht sich unterdessen in die Länge. Mit Leichenbemalung und in den schweren Körperpanzern, die Dark Funeral seit einigen Jahren auf jeder Bühne tragen, wird jeder Musiker in einen anderen Raum gestellt. Zunächst darf sich B-Force an der Wand des Heizungskellers postieren und zu den aus einem Ghettoblaster tönenden Klängen von ‘My Funeral’ posen. Während sein Einsatz glatt verläuft, wird die Szene mit Chaq Mol am oberen Ende einer Treppe durch die zu geringe Reichweite des Stromkabels erschwert. Nach einem Umbau qualmt der Generator dann das Haus mit seinen Abgasen voll. Gesünder geht es mit Ahriman weiter, wobei sein kleines Kellerloch mit reichlich Schweineblut verziert wird. ” Das Blut wird den gelegentlichen jugendlichen Einbrechern hoffentlich einen Schrecken einjagen”, freut sich Tommy. Als Letzter geistert dann Caligula durch den engen Kellergang.

Mittlerweile geht es auf Mitternacht zu, und es fällt auf, dass keiner gerne alleine durch das Haus geht. Jetzt steht nur noch das große – noch blutigere – Finale mit der Gruppeneinstellung auf dem Programm. Doch dank Dominators tierischem Trommelfeuer kommt es zum Abbruch – trotz Caligulas blauen Dämpfern wird das tragbare Stereogerät einfach übertönt. ” Das ist ein Albtraum”, stöhnt Ahriman, als der Sänger sein Mikrofon entnervt in die Ecke feuert. “Wir machen morgen mit Lautsprechern aus Peters Studio weiter.” Beim Absacker vor dem Schlafengehen erzählt Caligula, dass der Clip einen Selbstmord inszeniert. Ein heikles Thema, welches leicht für Ärger sorgen kann. “Nur ein Idiot könnte bei unserer Umsetzung auf die Idee kommen, dass wir den Suizid verherrlichen wollen”, betont der Sänger, und Ahriman ergänzt: “Dark Funeral sind Ärger gewöhnt. Wir sind die schwarzen Schafe des Black Metals – für den Untergrund zu groß, für den Mainstream zu klein. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen.” www.darkfuneral.se

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