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Wer ist hier der Boss?

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Wenn Philip Hansen Anselmo ankündigt, das unkonventionellste Werk seiner bisherigen Karriere veröffentlichen zu wollen, ist das mehr Drohung als Versprechen. Schließlich hat sich der Sänger aus New Orleans in den letzten zwanzig Jahren bereits an Hardcore Punk (Arson Anthem), Black Metal (Christ Inversion, Viking Crown) und feistem Underground-Metal (Superjoint Ritual) versucht. Nun also der Start seiner Solokarriere. Wobei der Zusatz “And The Illegals” bei den kommenden Veröffentlichungen, die Anselmo plant, variabel gestaltet werden soll. “Das ist einfach nur als Gag gedacht”, schnaubt der 44-Jährige höhnisch. “Ich scheuche meine drei Jungs gut rum und trete ihnen öfters in den Allerwertesten. Beim nächsten Mal heißt die Band vollständig: Philip H. Anselmo und die Schmetterlinge!” Ganz so romantisch geht es auf WALK THROUGH EXITS ONLY freilich nicht zu. Phil Anselmo hat auf seiner Gitarre einige Denkaufgaben komponiert, die eher Kopfzerbrechen als striktes Headbangen hervorrufen. Wer die abgefahrenen und schroff inszenierten Momente des Pantera-Albums FAR BEYOND DRIVEN namens ‘Good Friend And A Bottle Of Pills’ oder ‘Use My Third Arm’ in guter Erinnerung hat, dürfte hier entzückt die Hörner recken. “Der Vergleich freut mich, auch wenn ich beim Schreiben nicht speziell an diese beiden Lieder gedacht habe”, raunt der bullige Frontmann. “Mein Job bei Pantera war, die Band in extreme Bahnen zu lenken. Dimebag war anfangs überhaupt nicht angetan von den aufkommenden Thrash Metal-Gitarristen. Seine Einflüsse waren vielmehr klassischer Natur: Randy Rhoads, Eddie van Halen et cetera. Erst, als wir uns mit Kerry King anfreundeten und dieser ihm die ‘Raining Blood’- und ‘Angel Of Death’-Riffs beibrachte, kam Dime auf den Geschmack für härtere Klänge. Ein wichtiger Faktor war zudem, dass Vinnie Paul die Songs nicht mehr straight durchspielte, sondern ein paar rhythmische ‘Fallen’ einbaute. Das machte Pantera letztlich so besonders.” Und vor genau solch groovigen Hinterhalten wimmelt es auf WALK THROUGH EXITS ONLY.

Trainings-Camp für Arschlöcher

Ein perfektes “Fallbeispiel” ist das Lied ‘Bedroom Destroyer’, bei dem für fünf Sekunden tatsächlich so etwas wie ein Hit-Riff auftaucht, aber nur, um dann von knorrigen Beats und fauchenden Akkorden zermalmt zu werden. Mainstream klingt definitiv anders. “Die Scheibe liefert verdammt viele Informationen, mit denen man erst einmal klarkommen muss”, beruhigt Anselmo die ungeübten Kommerzohren. “Je öfter man sie hört, umso mehr kristallisieren sich die grundlegenden Song-Strukturen heraus. Ich liebe es, beim Hörer Irritationen auszulösen und habe mich dafür an Bands wie Discharge, Sheer Terror oder Agnostic Front orientiert. Auf WALK THROUGH EXITS ONLY gibt es jede Menge Hooklines – nur sind sie nicht von Beginn an offensichtlich. Normalerweise singe ich prinzipiell gegen die Riffs. Das war diesmal nicht notwendig.” Im Ergebnis bleibt dieses Debüt dennoch eine richtig harte Nuss, die auf der anderen Seite aber auch noch im zehnten Umlauf erforscht werden möchte und eine dementsprechend hohe Langzeitmotivation verspricht. Wenn Anselmo etwas in der Szene hasst, dann sind es Bands, die ausgelatschte Pfade betreten, anstatt das Risiko zu suchen. Diese Sucht nach dem “unerhörten” Element ist auf seinem Solodebüt jederzeit spürbar. “Musik ist ein riesengroßes Gebiet, das weit in die Menschheitsgeschichte zurückreicht”, schlägt Anselmo eine historische Brücke. “Man sollte stets kreieren, nicht imitieren!” Zur Umsetzung dieser Vorgabe triezte er seine Musiker bei den Proben, bis sie erschöpft in den Seilen hingen. Wohl auch ein Grund, warum er darauf verzichtete, eine weitere Allstar-Band ins Leben zu rufen (“Anfragen hatte ich genug…”) – kaum vorstellbar, dass Metaller auf Augenhöhe derartige Kraftanstrengungen auf sich genommen hätten. “Speziell zu Schlagzeugern kann ich ein richtig mieses Arschloch sein”, lacht Anselmo diabolisch. “Wie oft habe ich Jimmy Bower bei Down schon angepöbelt – der arme Hund. Es ist eine Schande… Für WALK THROUGH EXITS ONLY wollte ich keine Blastbeats, sondern rhythmische Explosionen! Den Jungs beizubringen, sich gedanklich von ihrem gewohnten Takt zu verabschieden, war die komplizierteste Ausgabe. Wer diese Stücke ohne große Probezeit nachspielen möchte, dem wünsche ich viel Vergnügen.” Wenn man ihm so zuhört, könnte man meinen, man lausche einem Trainer aus dem Sportbereich. “Das bin ich auch”, gluckst Anselmo. “Ein Coach für Metal, Attitüde und das Leben im Allgemeinen.” Dieses vermittelnde Element hat er sich allerdings erst in den letzten Jahren zu eigen gemacht.

Biografie aus dem Schlafzimmer

Konventionen zu brechen, ist im Lauf der Dekaden zu einem Lieblings-Hobby von Anselmo geworden. In erster Hinsicht musikalisch – aber auch abseits der Bühne. Das brachte ihm nicht nur Freunde (wie auch der ironisch betitelte Opener ‘Music Media Is My Whore’ belegt), sondern auch eine Menge Kritik ein. In letzter Zeit habe er allerdings mehr Menschen mit seiner Freundlichkeit aus den Schuhen gehauen als mit den Fäusten, so der Sänger. “Mittlerweile lasse ich Leute, die mich provozieren wollen, einfach ins Leere laufen. Damit kommen die überhaupt nicht klar. Ähnlich wie bei der Musik muss man bei WALK THROUGH EXITS ONLY auch die Texte zweimal lesen”, empfiehlt Anselmo nachdrücklich. “Was auf den ersten Blick ultra-aggressiv wirkt, besitzt in Wahrheit eine sehr selbstironische Note. In ‘Bedroom Destroyer’ geht es beispielsweise darum, dass ich jeden Morgen aufwache und im Grunde 1.000 Dinge zu erledigen habe. Aber anstatt aufzustehen, bleibe ich liegen, rauche eine Kippe nach der anderen, lese Bücher oder surfe im Internet. Und dann werde ich wütend auf mich selbst… Sehr wütend!”, lacht der Sänger. Weniger Humor zeigt Phil Anselmo, wenn es um den derzeitigen Status im Bereich des harten Metal geht. Als Hausherr seines Labels Housecore Records fokussiert sich der Südstaatler auf frische Hörerfahrungen abseits der gängigen Schemata. “Im extremen Metal kenne ich mich richtig gut aus und bin bestens informiert über neue Trends und Bands”, trommelt sich Anselmo auf die trainierte Boxerbrust. “Heutzutage weiß man doch ganz genau, was einen auf einer Death-oder Black Metal-Scheibe erwartet. Es gibt viel zu viele Kopisten. Klar: Einflüsse wird es immer geben, aber trotzdem kann man doch auch etwas wagen. Ich will den Leuten nichts vorkauen, sondern sie sollen ihr eigenes Hirn benutzen.”

Im Mai 2014 können Anselmos Anhänger ihre grauen Zellen dann beim Lesen seiner Biografie massieren. Die Tinte unter dem Vertrag ist getrocknet, jene in seinem Drucker noch voll. Das könnte sich aber ändern: “Wenn ich alle lohnenswerten Geschichten aus meinem Leben niederschreiben würde, wäre das Teil so dick wie fünf Bibeln”, grölt Anselmo, der für sein Buch einen anderen Ansatz wählen wird als sein ehemaliger Band-Kollege Rex Brown in dessen Erinnerung THE OFFICIAL TRUTH, 101 PROOF: THE INSIDE STORY OF PANTERA. “Es geht nicht allein um Pantera. Davor habe ich bereits sehr viel erlebt, danach natürlich auch. An mancher Stelle geht Rex mit Vinnie Paul außerdem zu hart ins Gericht. Ich möchte keine Schlammschlacht mit ihm anzetteln, aber um seinen Abschied von Down hat er schon einige Mythen gestrickt. Und dass sich Rex beschwert, ich wäre ein Egozentriker -ja, hallo? Ich war der Frontmann dieser Band, er der Bassist! Ich möchte den Leuten als jemand in Erinnerung bleiben, der stets treu zu sich selbst war und die Musik immer über alles gestellt hat. Kurzum: Mein Image ist, keines zu haben.”

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