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Amorphis

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+ Orphaned Land

+ Ghost Brigade

Hamburg: Markthalle

Besucher: ca. 850

Geister, Waisen und Gestaltlose als finnisch- israelisches Doom/Folk/Melodic Death Metal-Sparmenü in der Hamburger Markthalle – ob diese Zusammenstellung funktioniert? Das Publikum scheint davon überzeugt, denn mit über 800 Zuschauern zeigt sich die ultimative Live-Metal-Location der Hansestadt stattlich gefüllt.

Schon beim Opener, den finnischen Ghost Brigade, kommt für eine Auftakt-Band ungewöhnlich elektrisierende Stimmung auf: Die fünf Nordmänner um Fischermützenträger Manne Ikonen (was für ein Name!) dreschen dem Publikum fast ausschließlich die Kracher ihres aktuellen Albums ISOLATION SONGS um die Ohren. Diese bohren sich dank ihrer wütenden Wucht tief in den Organismus und bringen dort jede Zelle zum Schwingen. In faszinierenden Geister-Doom-Salven à la ‘Suffocated’ und ‘My Heart Is A Tomb’ finden die Brigadiere das richtige Verhältnis zwischen Aggression und Melancholie und zeigen sich als hervorragende Live-Band, auch wenn Ikonens cleane Gesangsparts teilweise etwas untergehen. Intensiver Höhepunkt: Das düstere Instrumental ’22:22 – Nihil’, bei dem der Barde die Bühne für ein paar Minuten seinen Musikanten überlässt, um schließlich mit dem finalen ‘A Storm Inside’ auch die letzten Zweifler im Sturm zu erobern. Ein geisterhaft grandioser Auftakt!

In der Mitte des finnischen Musik- Burgers finden sich, sozusagen als ausgewogene Sättigungsbeilage, Israel’s finest Orphaned Land, die auf den ersten Lauscher nicht ganz als Amorphis-Einpeitscher passen wollen. Nicht nur in puncto geographische Entfernung und Musikstil, sondern auch inhaltlich liegen Welten zwischen den verspielten Orient-Metallern und Finnlands majestätischen Kalevala-Königen. Aber die Mischung macht’s ja bekanntlich. Apropos machen: Kleider machen Leute, sagt der Volksmund, und als Sangesknabe Kobi Farhi in seinem langen weißen Gewand die Bühne betritt, schallen (berechtigte) “Jesus!”-Rufe durch den Saal. Doch nach ‘In Thy Never Ending Way’ und ‘Barakah’ vom jüngsten Album THE NEVER ENDING WAY OF ORWARRIOR klärt Farhi auf: “Don’t make mistakes, I’m not Jesus!” Na dann zieh’ dich doch nicht so an, Junge!

Doch Jesus hätte vermutlich auch weder das Teufelshorn ins Publikum gestreckt, noch eine Bauchtänzerin auf die Bühne geholt. Jesus hin, Teufel her, ihre besten Momente haben Orphaned Land in den härteren Passagen, wohingegen das Orient-Kirmesgeklimper sichtlich nicht jedermanns Sache ist: Bei Ghost Brigade wirkte der Saal etwas voller. Fürs finale ‘Norra El Norra’ allerdings packen die Israelis die vorderen Reihen dann ordentlich bei den Eiern und animieren zu kollektivem Armschwenken. “We love you, Hamburg. Peace, shalom!” Irgendwie finden alle Jesus und Co. dann ja doch ganz knuffig.

Dann aber wird’s mächtig: Mit dem titelgebenden ‘Skyforger’ schmieden die Melodic Death-Meister Amorphis das Publikum zu einer wogenden Masse der Begeisterung und sorgen von der ersten Minute an für Gänsehautalarm. Bis auf die drei Platten der Experimental-Ära ist jedes Meisterwerk der 20-jährigen Band-Geschichte in der Setlist des anderthalbstündigen Gigs vertreten: ‘Exile Of The Sons Of Uisliu’ vom Debüt THE KARELIAN ISTHMUS, ‘Black Winter Day’ und ‘Into Hiding’ von der TALES… sowie ‘Better Unborn’ und ‘Song Of The Troubled One’ vom ELEGY-Klassiker umschmeicheln den Hörkanal der andächtigen Gemeinde. Das gilt genauso für die Highlights der Tomi-Joutsen-Ära, darunter ‘Silent Waters’, ‘The Smoke’ oder ‘From The Heaven Of My Heart’. Jeder Akkord sitzt, und der Sound klingt großartig.

Tomi zeigt einmal mehr, welchen unglaublichen Glücksgriff er für diese Band darstellt: Von glasklaren und kräftigen Vocals bis zu finsterstem Growling trifft er jeden Ton perfekt. Und das, obwohl er, let’s face it, in einen umgeschmiedeten Handföhn trällert und seine Mähne regelmäßig zum Wischmop-Propeller umfunktioniert. Weitere Höhepunkte des fulminanten Gastspiels liefern die Live-Premiere von ‘My Sun’ vom SKYFORGER-Album, die Killer-Hymne ‘Silver Bride’ und natürlich die finale Zugabe ‘My Kantele’. Davor darf sich Basser Niclas Etelävuori sogar über ein (etwas verfrühtes) Ständchen zu seinem 39. Geburtstag freuen. Und irgendwie fühlt man sich an diesem seligen Abend auch selbst ein bisschen so, als hätte man Geburtstag. Ganz klar: So klingt Ragnarök!

Setlist Amorphis

Skyforger

Sky Is Mine

From The Heaven Of My Heart

Better Unborn

Silent Water

Song Of The Troubled One

Exile Of The Sons Of Uisliu

The Smoke

Her Alone

My Sun

Silver Bride

Black Winter Day

——–

Into Hiding

House Of Sleep

My Kantele

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