Toggle menu

Metal Hammer

Search

Das allsehende Auge

von
teilen
teilen
twittern
teilen
mailen

Satelliten zoomen sich ein, Kameras behalten dich überall im Blick, vom Kaufhaus bis aufs Kanapee. Ein kleiner Chip verfolgt dein Konsumverhalten, während ein anderer deinem Arbeitgeber zu häufige Zigarettenpausen petzt. Üble Zukunftsvisionen? Weit gefehlt! Diese totalitären Systeme existieren bereits, und ihre lidlosen Augen sehen alles. Sie heißen nicht Sauron oder Großer Bruder, sondern sind viel präsenter – und nebulöser.

Dass sich Isis aus Boston (jetzt in LA ansässig) dieses Thema ausgerechnet jetzt vorknöpfen, scheint logisch: ” Isis stehen seit jeher für Unangepasstheit”, führt Sänger und Gitarrist Aaron Turner aus. “Regime-Kritik ist für uns keine be wusst gefällte Entscheidung, sondern ein Grundzug unserer kollektiven Persönlichkeit als Band. Wir waren nie explizit politisch, aber in den USA ist es mittlerweile unmöglich, Poli tik zu ignorieren – sich mit der aktuellen Lage, mit der Überwachungskultur auseinander zu setzen, ist zur Überlebensfrage geworden.” Ging es auf dem Vorgängeralbum OCEANIC noch um die Gemütszustände Schwimmen-Tauchen Sinken, ist als Ideengeber nun das Werk des franzö sischen Philosophen Michel Foucault dran (1926-1984; nein, nicht der mit dem Pendel). Foucault studierte vor allem die unheilige Allianz von Macht und Wissen, und sein Buch “Überwachen und Strafen” von 1973 dokumentiert, wie Individuen durch Kontrolle rund gelutscht werden: Das ” Panopticon”, dem die neue Isis-Scheibe ihren Namen verdankt, ist ein historischer Gefängnisentwurf, in dem alle Zellen ie derzeit vollkommen einsehbar sind – zum moralischen Wohl der Insassen, versteht sich.

Obwohl diese Vorstellung Aaron schon lange auf den Nägeln brannte, hat er gezögert, sie in Musik umzusetzen: “Das Ganze ist zutiefst verstörend und komplex. Außerdem sind Foucaults Texte extrem verdichtet, und ich bin immer wieder an Stellen gekommen, die so präzise und gewaltig waren, dass ich sie mehrmals lesen musste, um sie zu verstehen. Zeitweise hat mich das Nachdenken darüber ordentlich am Rad drehen lassen”, gibt er zu. Klar kann man unter Aufsicht kirre werden, aber wenn eine Band geeignet ist, erdrückende Allmacht in Musik umzusetzen, dann Isis: Mit ihrem Sound zwischen gewalttätigem Post-Punk, perlender Präzision und einer Klinikpackung Thorazin haben sie aus dem schwierigen Stoff eine Sozialgeschichte in Stereo gemacht. Immer wieder wallen diese Stücke trotzig hoch, stoppen ihr Nägelkauen und gehen auf Kollision mit der institutionellen Ordnung. Dass PANOPTICON genau wie OCEANIC zu weiten Teilen instrumental ist, lässt dem Hörer dabei Spielraum zur eigenen Interpretation.

Laut Aaron ist das die einzige Ähnlichkeit zwischen beiden Platten: “Aus meiner Perspektive fühlte sich OCEANIC wesentlich harscher und chaotischer an, PANOPTICON klingt dagegen weicher und natürlicher. Wir haben uns bemüht, die Gitarren wärmer und voluminöser klingen zu lassen, sie kommunizieren mehr miteinander, und dank der hervorragenden Aufnahme kommt die gesamte Spannbreite der Details zur Geltung. Die Songs sind mit ganz unterschiedlichen Gitarren, Verstärkern und Analog-Geraten entstanden, und mit drei Wochen hatten wir mehr Zeit im Studio denn je – all das macht PANOPTICON für mich zu unserer am besten realisierten Platte.” Sie ist zumindest die zugänglichste, und das, ohne ein Fünkchen Intensität einzubüßen. Was wenig Wunder nimmt, denn Isis sind intime Kenner des gepflegten Lärms – sei es in Form früherer Engagements bei Old Man Gloom, Lotus Eaters und dem Hydra Head-Label oder auf Tour mit Geistesverwandten wie Melvins, Mogwai und Neurosis, denen man frühe Anregungen verdankt.

“Wir sind vermutlich keine Innovatoren wie sie”, räumt der Frontmann ein, “aber ich denke doch, dass wir in der Lage sind, auf gleich hohem Niveau zu spielen. Zu Beginn wollten wir noch so krachig und heavy wie möglich sein, mit langen, aggressiven Songs. Nachdem sich bald herausstellte, wie einfach diese Übung ist, haben wir uns andere Ziele gesetzt: Heute ist es uns wichtiger, emotionale Dynamik zu schaffen und dem Publikum ein ununterbrochenes Erlebnis zu vermitteln. Dass wir so ernst auftreten, ist nicht prätentiös, sondern ein Weg, sich ultimativ auf die Musik zu konzentrieren. ” Sollte jemand auf PANOPTICON jedoch allen Ernstes den Humor vermissen, hat ihn die Welt noch nicht genug am Arsch gepackt. Herr Foucault hätte jedenfalls seine Freude dran.

teilen
teilen
twittern
teilen
mailen