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In Flames: Flucht nach vorne

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Dänemark ist ungemütlich Ende Oktober: Eiskalter Herbstwind zerrt die letzten Blätter von den Bäumen, und das Sonnenlicht erlischt schon am frühen Nachmittag. Menschenleer sind die Straßen in Strandby, einem winzigen Kaff in der Nähe von Aalborg. Nur die Pferde auf der Koppel schauen neugierig den Autos hinterher, die seit vier Wochen zu dem protzigen Herrenhaus fahren. Normalerweise fristet das Anwesen dort, fernab jeder Hauptstraße, einsam und verlassen sein Dasein. Das mächtige Gut, ehemaliger Besitz von Adelsgeschlechtern und Kaufmannsfamilien, wurde im Jahre 1792 erbaut und 2001 zum “modernen Urlaubsort für Gäste mit gehobenen Ansprüchen” umgestaltet.

Doch nach Urlaub steht den derzeitigen Bewohnern nicht der Sinn. Die schwedischen Metaller In Flames nutzen die 420 Quadratmeter Wohnfläche vielmehr als kreativen Freiraum, um den Nachfolger ihrer Erfolgs-Platte REROUTE TO REMAIN einzuspielen. Um Abstand zum Tour-Stress und zum Alltag zu gewinnen, sind die Göteborger Todesmetaller an diesen Ort der Ruhe geflüchtet. Zwei Lieferwagen Studio-Equipment haben sie auf vier der rund 15 Zimmer verteilt, um in intimer Atmosphäre unter der Regie des Produzenten-Teams Daniel Bergstrand und Örjan Örnkloo die zehn Stücke von SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE langsam und bedächtig heranreifen zu lassen. Der bereits vier Wochen andauernde Aufenthalt des zehnköpfigen Teams – neben den fünf Band-Mitgliedern und den beiden Produzenten sind auch noch Koch Magnus Friden, Gitarren-Tech Magnus Lander und Band-Finanzchef Magnus Strömblad vor Ort – hat im gesamten Gebäude seine Spuren hinterlassen. Es stehen Instrumente und Studio-Hardware an jeder Ecke, aber auch Reste von amtlichen Feierlichkeiten sind zu erkennen. Leere Schnapsflaschen türmen sich direkt am Eingang, es liegen zerknüllte Zigarettenschachteln herum, und auch die Bierkasten-Burg vor der Haustür spricht Bände. Rund 90 Kästen Gerstengelöt und unzählige Flaschen Whisky werden durch die Kehlen geflossen sein, wenn SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE im Kasten ist.

Doch noch ist es nicht so weit, auch wenn es beim ersten Betreten des Hauses so aussieht: Bassist Peter Iwers, Schlagzeuger Daniel Svensson und die Gitarristen Jesper Strömblad und Björn Gelotte tummeln sich im Haus, faulenzen, zocken mit der Playstation oder wenden sich freudig dem Alkohol zu. Anders Friden wird dagegen nur selten gesichtet. Der Sänger hat eine Woche vor Ende der Aufnahmen noch sechs Songs vor der Brust. Daher lässt er sich nur zu den festen Essenszeiten, an denen sich die gesamte Band im feudalen Speisesaal trifft, blicken. Auch in diesen Momenten der Ruhe kann der Schwede seine Anspannung nur mit Mühe hinter einem smarten Lächeln verstecken. Die Arbeit, die oft bis tief in die Nacht geht, zeichnet ihn: Sein Bart wird immer länger und die Augenringe werden dunkler. Überhaupt achtet die Band in dieser vertrauten und hochkreativen Atmosphäre nicht besonders auf Äußerlichkeiten. Jogginghosen, Freizeit-Look und Rübezahl-Frisuren sind an der Tagesordnung.

Was zählt, ist das Ergebnis, und dafür muss auch ein erfahrener Todesmetaller leiden. So verschwindet Friden direkt nach dem Abendessen wieder in seiner aus Malratzen zusammengeflickten Sänger-Zelle, um den Chorus von ‘Borders & Shading’, dem ersten Song auf SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE, bis zum Erbrechen zu wiederholen. Er macht das Ganze so lange, bis alles perfekt sitzt – Produzent Bergstrand lässt kein Mittelmaß zu. Der Mid-Tempo-Song, der durch Fridens schizophrene Stimme und einen hymnischen Chorus lebt, führt den Gedanken von REROUTE TO REMAIN fort, ohne ihn zu repetieren. Das ist der unaufhaltsame Fortschritt im Hause In Flames: Die Band hebt mit SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE nicht unkontrolliert ab, sondern fährt in der Spur des letzten Albums – nur eleganter, besser und damit sicherer. Die Fünf wissen, was sie sich mit den zurückliegenden Platten erarbeitet haben, und das wollen sie mit dem neuen Werk nicht so einfach in die Luft sprengen. Deshalb gibt es kein Balladen-Album, das viele nach REROUTE TO REMAIN erwarten. Nein, In Flames machen das, was sie am besten können: melodiöse, dynamische und Riff-getriebene New Death Hymnen.

‘The Quiet Place’ verführt mit eingängiger Kindermelodie und übergroßem Chorus, ebenso ein weiterer Hit der Platte, ‘Dead Alone’. Die melodische Riff-Armee marschiert auf, es gibt kleine Stakkato-Scharmützel, doch nach dem Break ändert sich die Stimmung des Songs: Er gebärdet sich als räudiger Wadenbeißer, bevor alles im X-Large-Chorus mündet und von einer zuckersüßen Melodie davongetragen wird.

Die Stimmungsschwankungen gehen in erster Linie von der unglaublichen Bandbreite rles Friden-Organs aus. Er growlt, keift, faucht und knurrt sich durch seine Texte, um im nächsten Moment wieder liebevoll wie ein Elf zu singen.

So dirigiert er die Richtung, und selbst ein Song wie ‘Discovers Me Like Emptiness’, der ruhig mit zerbrechlicher Vokal-Einlage beginnt, torkelt am Ende volltrunken mit einer wohldosierten Mischung aus Aggression und Harmonie. Aber auch Freunde klassischer In Flames-Strukturen kommen voll auf ihre Kosten: Songs wie ‘In Search For I’, ‘Touch Of Red’ oder ‘F(r)iend’, bei denen mit Galopp-Riffing und psychotischer Stimme zu Werke gegangen wird, beweisen einmal mehr, warum bei In Flames noch das “Death” in der Stilbezeichnung vorzufinden ist. SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE hält viele Überraschungen bereit und übeizeugt mit Songs, die selbst der Windstärke zehn standhalten können.

Der Herbstwind in Dänemark weht indes kühler, die Nacht ist inzwischen über Strandby hereingebrochen. Friden wiederholt zum zehnten Mal den Chorus, während ein Stockwerk tiefer die Freitagabend-Party steigt – schließlich ist Besuch im Haus, und diese willkommene Abwechslung will gefeiert werden. Zur musikalischen Beschallung von Blues Traveller, Killswitch Engage und Rotten Sound wird lauthals gelacht und getrunken. Zum Nachteil von Nachtarbeiter Friden, der durch die Zimmerdecke in seinem provisorischen Verschlag fast jeden Ton hört. Zwar nicht laut, aber dennoch störend. Das alte Landhaus ist halt kein Studio, mit steriler, schalldichter Atmosphäre. Dennoch ist der Sänger sicher, dass die Wahl des Ortes einen positiven Einfluss auf die Songs hat. Das denkt auch Bassist Peter Iwers: “Die Band-Einheit ist stärker als je zuvor”, erklärt er beim gemütlichen Bier. Und selbst Jesper Strömblad, der nur ungerne in der Öffentlichkeit seine Meinung kundtut, meldet sich zu Wort: “Wenn ich nicht sagen könnte, dass diese Songs wirklich die stärksten sind, die wir jemals geschrieben und aufgenommen haben, dann miisste ich aufstehen und nach Hause gehen. Dann hätten wir definitiv etwas falsch gemacht.” Er geht sogar noch weiter: “Wir haben uns ein Ziel gesteckt, das wir erreichen wollten. Mit SOUNDTRACK TO YOUR ESCAPE ist die Ziellinie bereits überschritten”, sagt er und nippt an seinem hochprozentigen Mischgetränk.

Selbstsicher schauen die Fünf der Veröffentlichung am 29. März entgegen, und während die Nacht voranschreitet und Friden in der ersten Etage weiterhin deutlich hörbar mit seiner Stimme an die Grenzen geht, entpuppt sich so langsam auch das herbstliche Dänemark als gemütliches Fleckchen Erde – zumindest in den vier Wänden der In Flames-Zuflucht.

www.inflames.com

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