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Amorphis: 20 Jahre Joutsen-Debüt ECLIPSE

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Mit ihrem siebten Studioalbum ECLIPSE (2006) gelang Amorphis jener Wendepunkt, an dem sich Tradition, Tragik und moderner Progressive Metal zu einem neuen Selbstverständnis verdichteten. Der Klang der Band war vertraut und doch frisch, getragen von einer neuen Stimme, die sich binnen Sekunden ins kollektive Gedächtnis der Szene brannte: Tomi Joutsen, damals noch Sänger von Sinisthra, heute untrennbar mit Amorphis verbunden. Anlässlich des 20. Geburtstags von ECLIPSE blicken wir zurück.

Neue Stimme, neues Glück

Joutsens Einstieg war alles andere als selbstverständlich. Nach dem Ausstieg seinems Vorgängers Pasi Koskinen trudelten über hundert Demos verschiedenster Bewerber ein – und keine überzeugte. Joutsen hingegen bewarb sich gar nicht offiziell. Sein Name machte über Mundpropaganda die Runde, und als er schließlich im Proberaum stand, war die Sache entschieden. ECLIPSE wurde sein Debüt, sowie das erste Amorphis-Album seit Jahren, das wieder Death-Growls einsetzte, wenn auch noch sparsamer als auf den folgenden Werken.

Mythologie, Tragik und finnische Finsternis

Inhaltlich tauchen Amorphis auf ECLIPSE erneut tief in das lyrische Erbe ihrer Heimat ein. Die Texte basieren auf einem Theaterstück des finnischen Autoren Paavo Haavikko aus dem Jahr 1982, das wiederum die Kullervo-Legende aus dem ‘Kalevala’ adaptiert. Das ‘Kalevala’ – Finnlands Nationalepos – zählt zu den bedeutendsten literarischen Werken des Landes. Es besteht aus 50 Gesängen voller Mythen, Heldenfiguren und magischer Artefakte, ohne lineare Handlung, aber mit wiederkehrenden Motiven. Eine dieser Figuren ist Kullervo, eine der tragischsten Gestalten der finnischen und auch estnischen Mythologie.

Kullervos Geschichte ist düster wie vieles, was man aus sonstigen europäischen Sagen kennt: eine Mischung aus Ödipus, Siegfried und nordischer Fatalität. Noch vor seiner Geburt werden seine Eltern von seinem Onkel Untamo getötet. Kullervo wächst als Waisenkind in Gefangenschaft auf, misshandelt, gedemütigt und mehrfach zum Tode verurteilt. Doch dank übernatürlicher Kräfte und unbändiger Wut überlebt er alles, was das Schicksal für ihn bereithält. Als Sklave verkauft, landet er bei einem Schmied und dessen Frau, die ihn weiter quälen – bis er schließlich einen Rachefeldzug beginnt, der Schuldige wie Unschuldige gleichermaßen trifft.

Auf der Flucht begegnet er einem Mädchen, mit dem er schläft, bevor beide erkennen, dass sie Geschwister sind. Das Mädchen stürzt sich in den Tod und Kullervo begreift, dass er selbst zum Werkzeug des Unheils geworden ist. Als er an den Ort seiner Kindheit zurückkehrt, findet er nur Ruinen und Gräber vor. Er zieht in den Wald, lädt alle Schuld auf sich und stürzt sich in sein eigenes Schwert. Kein Wunder, dass sich auch J.R.R. Tolkien von dieser Figur inspirieren ließ: Sein Túrin Turambar aus dem ‘Silmarillion’ trägt unverkennbar Kullervos Züge.

Nur zwei Songs des Albums ( ‘Under A Soil And Black Stone’ und ‘Brother Moon’) weichen textlich von Haavikkos Vorlage ab. Der Rest folgt konsequent der düsteren Dramaturgie des Theaterstücks.

Amorphis’ musikalische Wiedergeburt

Musikalisch verbinden Amorphis auf ECLIPSE ihre progressive Ader mit melodischer Wucht und emotionaler Tiefe. Die Mischung aus Klargesang und Growls, getragen von Joutsens markantem Timbre, verlieh der Band einen frischen Impuls, der bis heute nachwirkt. Die beiden Musikvideos zu ‘House Of Sleep’ und ‘The Smoke’ machten das Album visuell präsent und halfen dabei, Amorphis wieder stärker ins internationale Rampenlicht zu rücken.

In Deutschland erschien ECLIPSE am 24. Februar, und die Resonanz war überwältigend. Kritiker lobten die Rückbesinnung auf alte Stärken ebenso wie die neue stimmliche Dynamik. In Finnland erreichte das Album schließlich Goldstatus – der erste in der Geschichte der Band.

Das Vermächtnis

ECLIPSE markiert den Moment, in dem sich Amorphis neu erfanden, ohne ihre Wurzeln zu verleugnen. Die Verbindung aus progressivem Metal, finnischer Mythologie und einer Stimme, die sofort alles verändert, macht das Album zu einem Meilenstein – sowohl im Band-Katalog als auch in der modernen finnischen Metal-Geschichte.


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Nuria Hochkirchen schreibt freiberuflich unter anderem für METAL HAMMER. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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