Zwanzig Jahre ROCKET RIDE, und noch immer fühlt sich dieses Album an, als würde jemand mit einem überdimensionierten Grinsen den Startknopf einer Achterbahn drücken. Edguys siebtes Studioalbum markierte 2006 einen Wendepunkt für die Fuldaer Power Metal-Urgesteine: weniger Drachen, weniger Pathos, dafür mehr Hard Rock-Schubkraft. Diese schimmerte schon auf HELLFIRE CLUB (2004) durch, übernahm nun aber endgültig das Steuer. Wo frühere Werke noch stärker im klassischen Power Metal verwurzelt waren, schwenkte ROCKET RIDE bewusst in Richtung Stadion-Rock – ohne dabei die typische Edguy-Ironie zu verlieren, die Tobias Sammet seit jeher wie ein Markenzeichen stolz auslebt.
Typischer Edguy-Tonus
Von dieser Ironie gibt es hier reichlich. Schon Song-Titel wie ‘Fucking With Fire (Hair Force One)’ zeigen, dass sich die Band selbst nicht allzu ernst nimmt. Wer versucht, ROCKET RIDE auf der Suche nach tiefen Konzepten oder düsterer Ernsthaftigkeit zu durchforsten, erwischt Edguy schlicht auf dem falschen Fuß. Dieses Album ist gebaut für gute Laune, die schlechte Stimmung wird einfach abgeschossen wie ein lästiger Asteroid. Sammet selbst schrieb den Großteil des Materials. Einzig ‘Out Of Vogue’ stammt aus der Feder von Gitarrist Jens Ludwig. Beide wissen genau, wie man eingängige Refrains mit einem Augenzwinkern serviert.
Die europäische limitierte Edition legte damals noch eine Schippe Fanservice drauf: unveröffentlichte Band-Fotos und ein Bonuslied, eine Live-Version von ‘Land Of The Miracle’, machten die Erstauflage zu einem begehrten Sammlerstück. Insgesamt kam die CD damit auf 13 Songs. Vinyl-Fans bekamen sogar noch mehr: Die LP enthielt zusätzlich vier Stücke der 2005er SUPERHEROES-EP.
Stabile Besetzung, stabile Erfolge
Besetzt war die Band zu dieser Zeit in ihrer sich bis heute wacker schlagenden Konstellation: Tobias Sammet am Mikrofon gemeinsam mit den Gitarristen Jens Ludwig und Dirk Sauer sowie Tobias „Eggi“ Exxel am Bass und Schlagzeuger Felix Bohnke. Ergänzt wurde das Quintett von Keyboarder Miro Rodenberg sowie mehreren Gastsängerinnen und -sängern, die dem Gesang von Sammet mehr Tiefe verliehen. Eine stabile Formation, die seit 1998 unverändert blieb – ein seltener Luxus im Metal-Kosmos.
Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten: Platz 8 in den deutschen Charts, ein gefeiertes Musikvideo zu ‘Superheroes’ und eine 6/7 Sterne-Bewertung im METAL HAMMER machten klar, dass Edguy mit ihrem Stilwechsel ins Schwarze getroffen hatten. Das alles kam von einer Band, die 1992 von vier 14-jährigen Fuldaer Schülern gegründet und nach ihrem Mathelehrer benannt wurde. Wenn das nicht Rock’n’Roll ist, was dann?
ROCKET RIDE: Ein Zeugnis seiner Zeit
Heute, zwei Jahrzehnte später, wirkt ROCKET RIDE wie ein Zeitdokument einer Ära, in der Edguy und Sammets Parallelprojekt Avantasia noch problemlos koexistierten. Erst 2020 verkündete Sammet, dass Edguy auf unbestimmte Zeit die Aktivität pausieren, da Avantasia inzwischen sein Hauptfokus sei. Doch gerade deshalb lohnt sich der Blick zurück. ROCKET RIDE ist ein Album, das zeigt, wie viel Humor, Energie und musikalische Spielfreude in dieser Band steckte.
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