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Electric Wizard: Haschisch vermischt mit Opium

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Mit ihrem achten Album TIME TO DIE lassen sich die analogen Doom-Propheten Electric Wizard aus UK ganz nach unten sacken – und erstehen groß, böse und schweflig wieder auf. Es ist ihr achtes Album, das erste für das Label Spinefarm, und ein kompromissloser Brocken Stoner-Doom, für den man gute Nerven braucht.  Sänger und Gitarristen JUS OBORN stand METAL HAMMER dazu Rede und Antwort… Den vollen Wortlaut des Interviews gibt’s hier. Achtung: Jus Oborns Kommentare geben nicht notsächlich die Meinung des Verfassers wieder…

Viel Spaß mit Electric „fucking“ Wizard!

>>> Hört das neue Electric Wizard-Album TIME TO DIE jetzt im Stream bei Juke

Von COME MY FANATICS über das unglaublich schmissige DOPETHRONE bis zum aktuellen TIME TO DIE: Jede Phase von Electric Wizard, jedes eurer Alben hat einen eigenen, einzigartigen Sound. Wie würdest du den jetzigen beschreiben?

Jus Oborn: „Bedrohlich, sadistisch, angepisst und konfrontativ.“

Ja, den Eindruck hatten wir auch… Trifft das auch auf die menschliche Ebene zu? Mark Greening, der Drummer der Originalbesetzung, war Anfang 2013 zurückgekehrt – und flog Juni 2014 schon wieder. Dafür ist nun Simon Poole wieder zurück am Schlagzeug. Die Besetzungs-Drehtür rotiert offensichtlich mal wieder.

„Haha… Tja, Mark hat uns und die Fans mal wieder enttäuscht. Letztes Frühjahr und im Sommer haben wir viel zusammen gejamt, es hat sich angefühlt wie in der guten alten  Zeit! Aber damit kamen auch die alten Probleme wieder. Mark hat Probleme… er ist egoistisch und paranoid. Wenn er seinen Willen nicht kriegt, erpresst er uns mit „Ich steig’ aus!“. Aber ehe wir uns erpressen lassen und noch mal eine Tour wegen ihm absagen müssen, ging er besser gleich. Wir wussten, es würde intensiv und explosiv; das hört man auch auf der Platte. Mark ist ein großartiger Musiker, aber als Bandmitglied furchtbar. Und siehst du irgendwo, dass Tim [Bagshaw] oder Ramesses ihn wieder mit offenen Armen willkommen heißen?

Hust. Okay, lass uns über die neue Platte reden… über den fast elfminütigen Opener ‚Incense for the Damned‘  etwa. Weihrauch für die Verdammten – wie riecht der eigentlich?

„Haschisch vermischt mit Opium.“

Mit seinen Drehungen und Windungen, den satten Texturen, dem Sumpf aus Fuzz ist ‚Incense for the Dead‘ ein ziemlich fettes Statement. Dein Gesang klingt so dumpf, als hätte man ein Blutgerinnsel im Ohr. Und das passiert nicht nur hier, sondern überall auf TIME TO DIE. Willst du damit überhaupt noch Texte vermitteln?

„Ich schätze, die Vocals sind eher atmosphärisch. Speziell dieser Song soll eine Menge unterdrückte Wut und ziellosen Hass rüberbringen.“

Der Titeltrack ist eine Art knurriger Walzer, nur der Bass wirkt total dekonstruiert: er fällt fast auseinander. Dazu diese klobigen, irdenen Drums… Das Ganze hat was Molekulares, Krümeliges – alles scheint sich beim Hören zu zersetzen.

„Es geht darin um einen psychischen Zusammenbruch: Jemand tötet seine Liebsten, um ihnen den Schmerz und das Elend zu ersparen, das ein Weiterleben bedeutet hätte. Die Monotonie und Banalität des Lebens werden von uns erst beschworen, dann zerstört. Der Song soll richtiggehend auseinanderfallen – und dann Hoffnung und Erlösung bieten… Die Explosion von Bass und Heaviness sollen uns und unsere Fans von der Last befreien, die uns tagtäglich verschlingt.

Zu ‚I Am Nothing‘ möchte man Glasscherben gurgelnd auf allen Vieren kriechen. Das ist ein neues Kaliber von Heaviness. Der Track dröhnt vor Negativität. Worum geht’s? Und: wie schafft man es aus diesem Song mit intakter Moral wieder raus?

„Der Song ist absolut heavy, er soll tot klingen. Sehr steif und kalt, roboterhaft. Inspiriert hat ihn Throbbing Gristle. Das ist alles sehr 1984 – mein 1984. Damals habe ich neben frühem Death und Black Metal auch eine Menge extreme Musik und Noise gehört. Ja, diese geballte Negativität ist schon ein bisschen Seelen zersetzend, aber sie stärkt einen auch, wenn man sie einzusetzen weiß. Aber die absolute Macht korrumpiert auch… dann besitzt sie einen, und man glaubt, man habe sie wirklich.

Damals hatten die Leute noch Angst vor Metal. Die ‚Satanic Panic‘… das war verdammt cool. Man fühlte sich unbesiegbar, weil Satan mit einem war. Die Leute haben sich vor Venom- und Sabbath-T-Shirts gefürchtet, und man hatte ständig die Bullen an den Hacken. Ich schätze, ein paar Typen haben es dann übertrieben. Es gab Kulte und Morde. Die Bike-Gang bei uns am Ort hat versucht, uns bei einer satanischen Zeremonie LSD anzudrehen, da waren wir so 12-13 Jahre alt… Ich fand’s total geil, aber meine Freunde waren Angsthasen.

Aber ich würde sagen, unterm Strich geht es in dem Song um Unterdrückung durch den Staat und die Regierung, und wie sehr einen das entmenschlicht. Ich wollte aufzeigen, wie diese Dehumanisierung uns nützen kann. Gefühle sind schwach und verzögern unsere geistige Entwicklung.“

Vielleicht sollte man spätestens hier anmerken: Kids, don’t do this at home. Wir haben es mit Jus Oborn zu tun: einem Rumpelstilzchen, das schräges Gesabbel (‚Destroy those who love god‘) zu seinem Brotjob gemacht hat. – Aber Jus, schau dir die Welt an. Die, die momentan am lautesten ihre Gottesliebe rausschreien, sind ziemlich gut darin, sich selbst zu zerstören. Mit den Samples scheint der Song das zu illustrieren, oder?

„Spinnst du total? Alle monotheistischen Religionen sind selbstsüchtig und widerlich und sollten von der Erde verschwinden, zusammen mit ihren gehirngewaschenen Jüngern. Alle Scheiße auf Erden geschieht wegen Religion und dem ultimativen Gott, dem Geld. Dieses ganze Chaos macht uns zu Sklaven des Systems. Fick deinen Gott! Und die Samples beziehen sich alle auf Satanismus und dem Heavy Metal zugeschriebene Verbrechen rund um 1984.“

Auf ‚We Love the Dead‘ drosselt ihr das Tempo dann fast bis zum Stillstand. Wie weit lässt sich das Spiel noch treiben? Wo sind die Grenzen der Dekonstruktion?

„Das kann noch eine ganze Weile so gehen. Weiter und weiter. Tiefer und tiefer. Gäbe es ein Limit, wären wir mit unserer Weisheit am Ende.“

Was soll der Song ‚Lucifer’s Slaves‘ ausdrücken? Ich dachte, bei Luzifer ginge es mehr so um… freien Willen?

„Alles ist nichts… nichts ist alles… keine Regeln… Sklaverei ist Freiheit. Was ist Freiheit? Bist du frei zu töten? Bist du frei zu foltern? Gibt es sowas wie freien Willen überhaupt? Deine Gedanken scheinen dich zu unterdrücken. Unterdrücken und töten wir andere mit unserer Freiheit? Die einzige Gewissheit ist der Tod. Nur der Tod ist echt… ich glaube, im Kern geht es in dem Song um diese Unausweichlichkeit.“

Wie balanciert ihr zwischen dem Drang, die Tür hinter euch abzuschließen und den Schlüssel wegzuwerfen – und eurem Widerstand gegen das System ?

„Unsere finale Message ist: fick dich, fick uns, fick die Welt. Wir geben Nichts auf die moderne Welt oder das moderne Leben. Und es stimmt schon: Es fällt uns zunehmend schwerer, als Band überhaupt noch zu existieren. Die neue Welt ist gegen Individualität und Freiheit des Ausdrucks. Diese ganze Technologie dehumanisiert und kontrolliert uns; mit echten Technofreaks kann ich noch mal mehr kommunizieren. Wir sind ein Anachronismus. Unter dieser kalten grauen Sonne werden wir austrocknen und sterben. Die Leute behandeln uns ja jetzt schon, als wären wir ein Überbleibsel aus einer anderen Ära, einer anderen Zeit.“

Apropos andere Zeit. Der Sound ist diesmal brutal roh – nix mit Soft Clipping. Das in dieser Härte analog im Toe Rag-Studio aufzunehmen, muss ein Vollkontaktspiel gewesen sein. Habt ihr je in Betracht gezogen, zu schummeln und bestimmte Effekt digital aufzunehmen?

„Für eine echte Rockband kann es nur eine Wahl geben: analog. Wenn du ein Projekt oder eine Konzeptband bist, kannst du‘s meinetwegen auch anders machen, aber als Rockband… lern‘ verdammt noch mal deine verdammte Musik spielen und nimm sie auf. Wenn du’s versaust…. spiel’s noch mal! Deshalb sind die großen Rockklassiker auch Klassiker – du kannst die Leute nicht auf Dauer verarschen. Wenn du deinen Kram nicht hier und jetzt spielen kannst, dann geh‘ verdammt noch mal nach Hause, und zwar sofort. Ernsthaft, die Musikszene ist überschwemmt von diesen Möchtegerns und Schwätzern. Glaub mir, das tötet die Musik.“

Ihr seid als Horrorfilm-Fans bekannt… beim Roadburn-Festival habt ihr sogar mal die übelsten Schinken aus eurem Privatfundus aufgeführt, über Tage hinweg. Würdest du selber gern mal in einem Horrorstreifen spielen? Und: kennst du den Film „Berberian Sound Studio“? Ein perfekter Mix aus Sounddesign-Expertise, Retroatmosphäre und Giallo-Horrorfilm…

„‘Berberian Sound Studio‘? Nee, kenne ich nicht, muss ich mal auschecken. Am Schauspielern hätte ich kein Interesse – aber ich wollte schon immer Filme drehen, als Regisseur. Ich würde gerne den klassischen Horror wieder auferstehen lassen – Burgen, Folterkammern, Henker… Diese Art Horror ist heute komplett ausgestorben oder wird nur noch ironisch zitiert. Heute geht’s nur noch um Serienmörder oder irgendwelchen Pseudo-Fantasy-Dämonen-Bullshit. Die Leute haben ja alle keine Ahnung. Echter Horror sollte uns nicht bloß daran erinnern, wie widerlich wir als Gattung sind; er muss die Dunkelheit, die menschliche Seele erforschen. Die Menschen sind verdammt noch mal widerlich. Wir wissen das mit am besten!“

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20 Jahre her: Diese 20 Alben kamen 1999 raus

Aufmerksame Leser unseres allseits geschätzten Magazins wissen: POWERSLAVE von Iron Maiden erschien vor 35 Jahren. Im aktuellen METAL HAMMER könnt ihr euch darüber eine ausführliche Titelgeschichte zu Gemüte führen. Online sollen uns heute mal 20 Jahre reichen. Wir lassen mal fünfe grade sein - und verraten euch, welche metallischen Werke 1999 das Licht der Welt erblickten. 1999. Da dürften bei einigen die Alarmglocken schrillen. Das war die Hochzeit des Nu Metal. Da habt ihr gut mitgedacht. Und so tauchen in der vorliegenden Liste auch Bands wie Korn, Limp Bizkit, das One-Hit-Wonder Crazy Town ("You're my butterfly, sugar lady") sowie ein…
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