Als THE ULTIMATE SIN am 22. Februar 1986 erschien, stand Ozzy Osbourne an einem Wendepunkt. Hinter ihm lagen turbulente Jahre, ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik und eine Band, die sich gerade neu sortierte. Vor ihm lag das bis zu diesem Zeitpunkt erfolgreichste Album seiner Solokarriere. Und doch ist THE ULTIMATE SIN ein widersprüchliches Werk in Ozzys Diskografie, um dessen Entstehungsgeschichte sich einiges Drama rankt.
Ein Album voller Premieren und Abschiede
THE ULTIMATE SIN ist Ozzys viertes Soloalbum und das einzige, auf dem Bassist Phil Soussan zu hören ist. Soussan brachte nicht nur frischen Wind in die Band, sondern auch einen der größten Hits der Ära: ‘Shot In The Dark’, die erfolgreichste Single des Albums. Offiziell ist der Song Osbourne und Soussan zugeschrieben – doch da Soussan ihn ursprünglich mit seiner früheren Band Wildlife spielte, halten sich bis heute Stimmen, die den Brüdern Steve und Chris Overland einen größeren Anteil zusprechen.
An der Gitarre stand erneut Jake E. Lee, der nach BARK AT THE MOON (1983) ein letztes Mal mit Ozzy Osbourne ins Studio ging. Die Zusammenarbeit war bereits zuvor belastet: Lee hatte 1983 maßgeblich an den Liedern mitgeschrieben, wurde dafür aber nicht offiziell angeführt. Dieses Mal ließ er sich vertraglich zusichern, dass sich das nicht wiederholen würde – ein Schritt, der viel über die Stimmung im Osbourne‑Lager verrät. Neu dabei war Randy Castillo, dessen kraftvolles Schlagzeugspiel später zu einem Markenzeichen der Ozzy‑Liveshows werden sollte.
Das Bassisten‑Karussell
Die Geschichte hinter den Bassspuren des Albums ist fast schon ein eigenes Kapitel. Bob Daisley, langjähriger Weggefährte und Texter vieler Ozzy Osbourne‑Klassiker, schrieb erneut große Teile der Lyrics – war aber zum ersten Mal nicht auf dem Album zu hören. Kurz vor den Aufnahmen kam es zum Streit, Daisley verließ die Band, und Greg Chaisson rückte nach. Chaisson behauptete später, viele der Basslinien eingespielt zu haben, die man heute auf dem Album hört. Doch Ozzy entschied, dass er nicht zur Band passe, und feuerte ihn noch vor Abschluss der Sessions.
Erst Phil Soussan, kurzfristig engagiert, blieb und ist letztlich derjenige, der offiziell auf der Platte zu hören ist. Weder Daisley noch Chaisson wurden auf der Erstpressung erwähnt, wobei Daisley später dann doch in der Liste der Mitwirkenden auftaucht.
Erfolg auf dem Papier, Skepsis im Rückblick
Kommerziell war THE ULTIMATE SIN ein Triumph: Es erreichte Platz 6 der Billboard 200, erhielt den Doppelplatinstatus in den USA und landete auf Platz 31 der deutschen Charts. Damit war es 1986 Ozzys erfolgreichstes Album überhaupt. Auch visuell markierte es einen Einschnitt: Es war das letzte Album mit dem klassischen Ozzy‑Logo, das erst 2010 mit SCREAM zurückkehrte.
Und dennoch: Ozzy selbst wurde nie warm mit seinem Viertwerk. Jahre später sagte er im Gespräch mit Society Of Rock: „Wenn ich die Chance hätte, ein Album noch mal aufzunehmen und besser zu machen, wäre es THE ULTIMATE SIN. Die Lieder waren nicht schlecht, sie klingen nur komisch.“ Er kritisierte vor allem Produzent Ron Nevison, dessen glatter, stark komprimierter Sound den Songs laut Ozzy die Kreativität genommen habe.
Tourneen, Triumphe und ein überraschender Rauswurf
1986 wurde ein Konzert der Tournee in Kansas City, Missouri aufgezeichnet und 1987 als Video ‘The Ultimate Ozzy’ veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Band bereits mehrere Tourneen hinter sich und stand kurz vor einem erneuten Umbruch. Denn völlig überraschend wurde Jake E. Lee 1987 von Sharon Osbourne gefeuert. Bis heute ist unklar, was der Grund dafür war. Kurz darauf verließ auch Soussan die Band, und Bob Daisley kehrte zurück. Das Kapitel THE ULTIMATE SIN war damit schneller beendet, als es begonnen hatte.
Ozzy Osbourne Zwischen Glanz und Schatten
Ursprünglich sollte das Album übrigens KILLER OF GIANTS heißen – ein Titel, der vielleicht besser zu seiner Entstehungsgeschichte gepasst hätte. Denn THE ULTIMATE SIN ist ein Werk voller Konflikte, Neuanfänge und abrupten Enden. Ein Album, das musikalisch zwischen Metal‑Hochglanz und düsterer Ernsthaftigkeit pendelt. Und eines, das trotz aller internen Spannungen zu einem der größten kommerziellen Erfolge in Ozzys Karriere wurde. Vielleicht ist genau das der Grund, warum es bis heute so fasziniert: THE ULTIMATE SIN ist nicht perfekt – aber es erzählt eine Geschichte, die nur Ozzy Osbourne schreiben konnte.
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