Was im Vorfeld in Trailern und Gameplay-Material zu sehen war, mutete wie die Revolution des Open World-Konzepts an. Vermutlich gab es in der Videospielgeschichte zuvor kein Rollenspiel, dessen Interaktionsmöglichkeiten und Ereignisvielfalt derart umfangreich ausfallen. Das Überraschende: Die hochgesteckten Ambitionen sind – anders als bei ähnlich waghalsigen Projekten wie ‘No Man’s Sky’ (2016) – keine bloßen Marketing-Lügen. Die realistische Schwerfälligkeit von ‘Red Dead Redemption 2’ (2018) trifft auf das Freeflow-Kampfsystem der ‘Assassin’s Creed’- oder ‘Batman Arkham’-Reihe. Und das ist vor allem eines: komplex. Es kostet etliche Spielstunden, sich in die Vielzahl von Kombo- und Steuerungsmöglichkeiten einzuarbeiten, um jeden Kniff zu verstehen und zu meistern. Allerdings ist die überladene Mechanik in besonders hektischen Boss-Kämpfen merklich zu behäbig. Die Hauptgeschichte bleibt zudem weitgehend spannungslos.
So gigantisch der Umfang auch sein mag, in der Welt von ‘Crimson Desert’ bleibt der Protagonist Kliff blass. Weniger ambitioniert als ‘Red Dead Redemption 2’, weniger zugänglich als ‘The Witcher 3: Wild Hunt’ (2015) und weniger entdeckungsfreudig als ‘The Elder Scrolls V: Skyrim’ (2011) bleibt ‘Crimson Desert’ hinter den erdrückenden Erwartungen zurück – zumindest erzählerisch. Dafür bietet es mit seinen Neben-Quests ein schier unüberschaubares Angebot an Inhalten. Drachenreiten, Angeln, ein Skill- und Crafting-System sowie die Erkundung einer gigantischen Welt: ‘Crimson Desert’ pickt sich das Beste von allem heraus. Und das gelingt großartig, sofern man einen roten Faden als verzichtbar erachtet. Was bleibt, ist ein rundum gelungenes Rollenspiel, dessen Mechaniken clever ineinandergreifen und gleichzeitig komplex genug sind, um langfristig faszinieren zu können. Den notwendigen Schritt zur Meisterklasse verschenkt Pearl Abyss mit teils unnötigen Patzern.
