Aerosmith
Aerosmith sind eine amerikanische Hard-Rock-Band um Frontmann Steven Tyler, die über 150 Millionen Alben weltweit verkaufte. Einer ihrer größten Hits ist ‘I Don't Wanna Miss A Thing'.
von Frank Thießies
Seit ihrem letzten Studioalbum, der Blues-Cover-Platte HONKIN’ ON BOBO, sind acht Jahre ins Land gezogen. Acht Jahre, in denen sich die Chancen auf ein neues, originäres Aerosmith-Album stetig zu schmälern schienen: (Bühnen-)Abstürze, Reha-Klinik-Aufenthalte, und zu guter Letzt auch noch Steven Tylers Jurorentätigkeit bei der Castingshow ‘American Idol’ – alles nicht die Art von Nachrichten, die auf ein Happy End mit Veröffentlichungsdatum vor dem Abspann hoffen ließen.
Und doch erscheint dieser Tage mit MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION! tatsächlich das 15. Studiowerk der einstigen Bostoner Bad Boys. Die zweite Überraschung: Es ist tatsächlich richtig gut geworden.
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Groovende Fußwipper (‘Legendary Child’), Beatles-Gedenk-Bonbons (‘Beautiful’), das herrlich pirschende ‘Lover Alot’, den Perry-Bluesrocker ‘Something’ und natürlich noch mehr Balladen jeglicher Couleur (‘Another Last Goodbye’, ‘Tell Me’, ‘Closer’). Typisch Aerosmith eben, und doch deutlich band-geschichtsbewusster, inspirierter und rock-reflexiver als zuletzt auf dem kreativen Rohrkrepierer JUST PUSH PLAY (2001).
Man habe sich eben wieder zusammengerauft und erneut musikalische Magie erzeugt, gibt Steve Tyler zur Eröffnung der Podiumsfragestunde zu Protokoll. Das Nachbohren bezüglich der in den letzten Jahren kursierenden Trennungsgerüchte quittiert der Sänger süffisant humorvoll: „Ohne ein neues Album in der Tasche mussten wir uns ja irgendwie im Mediengespräch halten.“ Nicht die ganze Wahrheit, wie wir am Tag danach erfahren sollen. Ein paar Anekdoten und Lacher später ist der Präsentierteller auch schon wieder abgeräumt, und Steven Tyler wie auch Joe Perry mischen sich bereitwillig für ein paar Händedrücke und Promi-Profilierungsfotos unters Volk. So viel also zum offiziellen, gemeinsamen Teil.
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Balladen-Belastung?
Der Eindruck, der zweite Teil ihres Comebacks in den Neunzigern, bei dem Aerosmith zunehmend als Balladen-Band und Soundtrack-Lieferant für Alicia Silverstone-Videos und Liv Tyler-Filme wahrgenommen wurden, sei Perry ähnlich unangenehm wie Räucherstäbchenduft, erhärtet sich kurz. „Ganz ehrlich: Schon bei unserem Debüt war uns klar, dass eine Rockband wie wir Balladen braucht, um im Radio zu landen. Das war damals schon so. Wir wussten, dass ‘Train Kept A-Rollin’’ oder ‘Mama Kin’ keine Hits im kommerziellen Sinne werden würden“, relativiert der Gitarrist unumwunden.
„Bei ‘Dream On’ standen die Chancen schon anders. Aber auch der Song schlug erst beim zweiten Mal ein. ‘Walk This Way’ war dann der erste, na ja, Rocksong, mit dem wir Erfolg hatten. Insofern sind wir mit Balladen im Reinen. Man geht schließlich nicht zu einer Aerosmith-Show um zu hören, wie wir einen Haufen Balladen spielen“, weiß auch Perry.
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„Wir haben die Freiheit zu machen, was wir wollen. Ob wir jetzt mit einer Ballade oder einem Rocksong irgendwo einen Hit haben – unterm Strich ist es mir schnuppe“, so Perry pragmatisch. „Wir haben einen Haufen geiler neuer Songs, die wir live spielen können. Das macht mir Spaß, darauf freue ich mich, das ist mir wichtig“, und man nimmt ihm den Hinweis auf jene Hummeln im Hintern voll ab.
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Der Aus-Tyler
Schicht-, Zimmer- und Stimmungswechsel. Schon führt uns ein hibbeliger Steven Tyler zu Fuß – leider nicht mit dem Aufzug – ein paar Etagen tiefer in seinen Hotel-Wohnzimmerbereich: Geräumig gemütlich, lichtdurchflutet und mit Terrassenfensterblick auf den Park. In der rechten Ecke eine Garderobenstange mit den obligatorischen Schals und Outfits, über die Stereoanlage läuft im Hintergrund unaufdringlicher Jazz-Pop.
Steven Tyler scheint gut drauf zu sein dieser Tage. Zerfurchter und verknitterter im seit jeher verlebten Gesicht, aber mit durchaus mehr Lachfalten als Kollege Perry, legt der Frontmann mit dem extravaganten Hippiemode-Geschmack einen ehrlich unverblümten Plauderfluss an den Tag.
„Die Band hat einiges erlebt in den letzten Jahren. Ich bin während der Tour mit ZZ Top von der Bühne gefallen. Danach lag ich sechs Monate lang flach, und alles schien auseinanderzubrechen. Joe machte seine Soloplatte, und die anderen haben sich nach einem neuen Sänger umgeschaut. Ich war stinksauer damals“, echauffiert sich Tyler.
„Paul Rodgers (Free, Bad Company – Anm.d.A.) rief an und fragte mich, warum Aerosmith einen neuen Sänger suchen und er gefragt wurde, ob er den Job haben wolle. Ich war echt perplex, was die Jungs da hinter meinem Rücken veranstaltet haben. In den letzten zehn Jahren ist mir viel Scheiße passiert: Ich habe mich scheiden lassen, meine Eltern sind gestorben, meine Kinder haben das Haus verlassen, meine Hunde sind gestorben, ich habe zwei schwere Operationen hinter mir – das sind einschneidende Erfahrungen. Aber was soll man machen, man muss nach vorne schauen. Menschen ziehen aus negativen Erfahrungen Leidenschaft und Energie. Als Joe nach einem neuen Sänger suchte, war ich total angepisst. Aber jetzt liebe ich ihn noch viel mehr. Das heißt aber nicht, dass ich nicht mit einem wachen Auge schlafe. Immer.“
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