- 01. Apr 2011
von Frank Thießies
Features
Judas Priest – Listening Bericht zu NOSTRADAMUS
Lange hat es gedauert, bis von dem mehrfach verschobenen, epochalen Judas Priest -Konzeptalbum NOSTRADAMUS die ersten Töne nach außen drangen. METAL HAMMER hatte die exklusive Einladung, das Großwerk in Gänze zu hören.
Mit einer erschlagenden Spielzeit von über 90 Minuten erweist sich NOSTRADAMUS tatsächlich als das ambitionierte Opus Magnus aus der Birminghamer Stahlschmiede.
Unterteilt in zwei Akte, auf zwei CDs verteilt, nähern sich Judas Priest der Biografie des berühmten französischen Propheten lyrisch aus der Ich-Perspektive. Musikalisch verlangt solch episches Unterfangen natürlich ganz nach großem Gestus. So sind Chöre, orchestrale Arrangements und instrumentale Vorspiele vor nahezu jedem Song selbstredend konzeptuelles Pflichtprogramm.
Nach einem ebensolchen Intro ertönt mit ‘Prophecy’ der erste Song des Albums, eine stampfende Mid-Tempo-Nummer mit Streicherunterlegung. ‘Revelations’ weist neben seiner operesk-balladesken Ausrichtung im Verlauf noch ein NWOBHM-Reiter-Riff vom Feinsten auf. ‘War’ hingegen kommt mit Kirchenorgel, Chorälen und Tribal-Trommel-Ansätzen daher und lässt Erinnerungen an Manowars letztes Musical (GODS OF WAR) aufkommen.
Weiter geht es mit ‘Pestilence & Plague’, das wieder etwas mehr Dampf macht, bevor es dann mit italienischen (!) Vocals in die Metal-Operette geht. ‘Death’ ist ein getragen balladeskes Düsterstück, während ‘Conquest’ nach ruhigem Streicher-Anfang den Bogen zum Tempo-Anzug schlägt und mit seinem hymnischen Chorus abermals an Manowar gemahnt. ‘Lost Love’ ist im Anschluss tatsächlich das Balladen-Rührstück, das man hinter so einem Titel vermutet und setzt die Kitsch-Messlatte ziemlich hoch an.
‘Persecution’ entschädigt zum Finale von Akt I als erster Uptempo-Kracher im klassischen Judas Priest-Gewand mit schönem Doppel-Gitarren-Einsatz der Herren Tipton und Downing.
Halbzeit-Zwischenfazit: Judas Priest wollen klotzen und nicht kleckern, vergessen bei aller Kunstbeflissenheit aber leider ein wenig das Rocken. Etwas mehr Tempo hätte dem ein oder anderen Song nicht geschadet.
Akt II – gleiches Spiel, könnte man meinen. ‘Exiled’ ist hymnisch opulent und begeistert mit Queen-Momenten, während ‘Alone’ an Queensryche denken lässt, während Herr Halford mit seinem ersten Schreieinsatz aufwartet. ‘Visions’ kommt mit echtem Judas Priest Achtziger-Feeling und großem Refrain an, bevor es mit ‘New Beginnings’ abermals in Musical-Gefilde geht.
Es folgt der Titel-Track, der mit seiner dynamischen Bandbreite alle Register zieht und klar macht, wie der Rest des Albums hätte klingen können. ‘Future Of Mankind’ ist das epische Finale samt metallisch-klassischer Gitarren-Gratifikation.
Anschließend Stille.
Das muss erst Mal verdaut werden.
Erster Eindruck: NOSTRADAMUS ist keine Häppchenkost, sondern eine vielschichtige Angelegenheit, die mehr Aufmerksamkeit, als einen einzigen Durchlauf fordert. Der hohe Balladen- und Midtempo-Faktor mag in streng metallischer Hinsicht möglicherweise ein Manko sein. Auch hier wird sich erst mit mehr Zeit zeigen, inwieweit dies Konzept- und Albumdienlich, bzw. notwendig ist.
Eines steht jedenfalls jetzt schon fest: Judas Priest haben mit NOSTRADAMUS einiges gewagt. Inwieweit sie alte oder womöglich auch neue Fans für diesen Konzept-Koloss begeistern können, bleibt aber bis zur kritischen Kopfhöreranalyse abzuwarten.
Die komplette Tracklist:
Act I (CD1)
1. Dawn of Creation 2.31
2. PROPHECY 5.26
3. Awakening 0.52
4. REVELATIONS 7.05
5. The Four Horsemen 1.35
6. WAR 5.04
7. Sands of Time 2.36
8. PESTILENCE AND PLAGUE 5.08
9. DEATH 7.33
10. Peace 2.21
11. CONQUEST 4.42
12. LOST LOVE 4.28
13. PERSECUTION 6.34
Act II (CD2)
1. Solitude 1.22
2. EXILED 6.32
3. ALONE 7.50
4. Shadows In the Flame 1.10
5. VISIONS 5.24
6. Hope 2.09
7. NEW BEGINNINGS 4.56
8. Calm Before The Storm 2.05
9. NOSTRADAMUS 6.43
10. FUTURE OF MANKIND 8.29
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