Als Rage Against The Machine am 16. April 1996 ihr zweites Album EVIL EMPIRE über Epic Records veröffentlichten, war die Welt mehr als bereit für die Scheibe. Genau deshalb schlug die Platte ein wie eine Blendgranate. Vier Jahre lang hatten Fans auf neues Material gewartet, ausgehungert nach dem Debüt, das die Band praktisch über Nacht zu Ikonen des politisch aufgeladenen Crossover machte.
Doch hinter den Kulissen brodelte es: musikalische Richtungsstreits, unterschiedliche Einflüsse, kreative Reibung. Gitarrist Tom Morello formulierte es später diplomatisch in der Tageszeitung The Deseret News: Man habe „die richtige Kombination unserer sehr diversen Einflüsse finden müssen“. Am Ende einigte man sich auf einen Sound „irgendwo zwischen Public Enemy und The Clash„ – und genau dort liegt die Sprengkraft dieses Albums.
Ein Album, das nicht im Studio, sondern im Ausnahmezustand entstand
Während andere Bands für teures Geld in sterilen Studios verschwanden, entschieden sich Rage Against The Machine für das Gegenteil. Morello brachte es im Gespräch mit MTV trocken auf den Punkt: „Warum sollte man 2.000 Dollar pro Tag ausgeben, um in einem schicken Studio aufzunehmen? Dort würden wir doch nur versuchen, die Atmosphäre nachzumachen, die wir bei uns sowieso haben.“ Also schlug die Band kurzerhand ein Loch in die Wand, mietete die Zimmer gegenüber und zog die Kabel durch den Flur. Punk as hell – und genau so klingt EVIL EMPIRE.
Aufgenommen wurde letztlich nur in November und Dezember 1995. Der Rest der vier Jahre bestand aus Streit, Suche und Selbstfindung. Doch das Ergebnis? Ein Album, das sofort Platz eins der Billboard 200 erklomm und später dreifach Platin in den USA erhielt. Doch der Erfolg schwappte auch auf unsere Seite des Teichs, wo Rage Against The Machine unter anderem die deutschen Charts stürmten und sich Platz zwei sicherten.
Politik als Brandbeschleuniger
Der Titel EVIL EMPIRE stammt aus einer Rede von Ronald Reagan, der in den Achtzigern die Sowjetunion so bezeichnete – ein Begriff, den konservative Amerikaner begeistert übernahmen. Rage Against The Machine drehten die Bedeutung um. Eine Woche vor Release erklärte die Band in dem MTV‑Interview, dass die Kritikpunkte Reagans „auch auf die Vereinigten Staaten passen“. Ein Statement, das 1996 brisant war – und heute fast unheimlich aktuell wirkt. Die Band war ohnehin dafür bekannt, Politik nicht nur zu besingen, sondern zu leben: Bei Konzerten verteilten sie Broschüren, im Album‑Booklet listeten sie Lektüreempfehlungen wie ‘Das Kapital’ von Karl Marx oder Che Guevaras Guerilla‑Handbuch.
Lieder, die wie Molotowcocktails funktionieren
Die einzelnen Lieder von EVIL EMPIRE wirken wie präzise gezündete Brandbomben, die jeweils einen anderen wunden Punkt der amerikanischen Gesellschaft treffen. ‘Bulls On Parade’ richtet seine Attacke frontal gegen den militärisch‑industriellen Komplex der USA und verwandelt Morellos Gitarren-Sounds in eine Art futuristische Sirene, die vor blindem Militarismus warnt. ‘People Of The Sun’ setzt sich mit der Unterdrückung indigener Gemeinschaften auseinander und verbindet politische Wut mit einem der markantesten Grooves des Albums.
‘Tire Me’ steigert die Energie ins Rasende und gewann 1996 den Grammy für die beste Metal‑Performance. ‘Year Of Tha Boomerang’ und ‘Tire Me’ fanden ihren Weg in den Film ‘Higher Learning’ (1995) und unterstreichen mit kompromissloser Haltung, dass Rage Against the Machine nicht nur musikalisch, sondern auch thematisch konsequent blieben. Jeder dieser Tracks zeigt eine andere Facette der Band, doch gemeinsam formen sie ein Album, das ein bis heute notwendiges Manifest gegen politische Apathie bildet.
Dann war da noch der legendäre ‘Saturday Night Live’‑Vorfall: Die Band sollte zwei Lieder spielen, begannen mit ‘Bulls On Parade’ – und hängte währenddessen umgedrehte US‑Flaggen an ihre Verstärker, um Gastgeber Steve Forbes, republikanischer Präsidentschaftskandidat, zu kritisieren. Der Auftritt wurde daraufhin von den Veranstaltern abgebrochen. Rage Against The Machine waren wieder einmal zu viel für den Mainstream – und genau deshalb so wichtig.
Ein vielsagendes Cover
Das Artwork zeigt eine modifizierte Version des Comic‑Helden Crimebuster aus ‘Boy Comics’, ursprünglich von Mel Ramos gemalt. Das „C“ auf der Brust wurde zum „E“, der Schriftzug „Crimebuster“ wich dem Albumtitel. Der Stern im Hintergrund wurde farblich verändert, sodass die Assoziation zu den USA noch deutlicher hervortritt.
Ein Album wie ein Faustschlag
EVIL EMPIRE ist kein nostalgisches Relikt, sondern ein Werk, das heute fast noch dringlicher wirkt als 1996. Authentisch, roh, politisch – und musikalisch ein Meilenstein. Rage Against The Machine lieferten ein Album ab, das nicht nur die Charts stürmte, sondern ein ganzes Jahrzehnt definierte. Wenn man wissen will, wie sich Wut, Ideale und musikalische Präzision anhören, dann reicht ein Blick auf dieses Album. Oder besser: ein lauter, sehr lauter Durchlauf. Die Mischung aus sozialpolitischer Schärfe, antiautoritären Texten und musikalischer Wucht machte es zu einem prägenden Album der Neunziger.
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