Wenn heute über Krokus gesprochen wird, denkt man an donnernde Stadionhymnen, schweizerischen Hard Rock‑Stolz und eine Band, die sich trotz aller Brüche immer wieder (nur vielleicht mit neuen Gesichtern) zurück auf die Bahn brachte. Doch bevor die Solothurner zu internationalen Chart-Stürmern wurden, brachten sie 1976 ein Album auf den Markt, das die ganze Geschichte lostrat. Die Rede ist von KROKUS, intern schlicht First Album genannt.
Von Kaktus zu Krokus – und plötzlich ohne Sänger
Die Geschichte von Krokus beginnt 1975 in Solothurn. Chris von Rohr und Tommy Kiefer, zuvor gemeinsam in einer Band namens Kaktus, gründeten Krokus – offenbar hatten es ihnen Pflanzen angetan. Doch musikalisch war das Projekt weit entfernt vom späteren Hard Rock‑Punch. Krokus starteten musikalisch irgendwo zwischen The Beatles, Blues und Progressive Rock‑Band, mit langen Arrangements, verschachtelten Ideen und einer Besetzung, die sich schneller drehte als ein Plattenteller.
Ursprünglich sollte Peter Richard den Gesang übernehmen. Dieser verließ die Band jedoch noch vor dem Start der Aufnahmen. Die Folge: Chaos, Improvisation – und ein unerwarteter Wendepunkt. Kiefer übernahm kurzerhand Gitarre und Gesang, während von Rohr gleichzeitig Schlagzeug, Percussion, Piano und zusätzliche Gesangsstimmen stemmte. Eine Besetzung, die so nur in dieser Frühphase existierte.
Ein Album wie ein Zeitdokument
Das Debüt ist das bis heute proggigste Werk, das Krokus je veröffentlicht haben. Elf Songs, die zwischen psychedelischen Momenten, experimentellen Strukturen und rockigen Ausbrüchen pendeln. Besonders bemerkenswert: Es ist das einzige Album mit Hansi Droz (Gitarre) und Remo Spadino (Bass): zwei Musiker, die später nicht mehr Teil der Krokus‑DNS waren.
Dann wäre da noch der bemerkenswerte Sammlerwert: Nur 560 physische Exemplare existieren. Wer eine Originalpressung besitzt, hält ein echtes Stück schweizerischer Rock-Geschichte in den Händen. Wer dieses Glück nicht hat, findet die Lieder jedoch auf auf YouTube.
Die ewige Rochade
Kurz nach dem Debüt begann das interne Stühlerücken erneut. Von Rohr wurde vom Schlagzeug weggezogen und zum Frontmann gemacht – eine Rolle, die er bis zwischen PAIN KILLER (1978) und HARDWARE (1981) behielt, bevor er an den Bass wechselte. Diese frühen Jahre waren chaotisch, aber genau dieses Chaos formte die Band, die später internationale Bühnen eroberte.
Krokus heute: Abschied, der keiner war
Wer denkt, Krokus wären ein Phänomen der Siebziger geblieben, liegt falsch. 2018 kündigten Krokus ihre große Abschiedstournee an. Passiert ist sie bis heute jedoch nicht. Stattdessen erklärte Marc Storace 2024 öffentlich im Gespräch mit Blabbermouth, die Band sei „wiedergeboren“ und „frisch wie eh und je“. Aktuell spielen Krokus vereinzelt Konzerte, dieses Jahr zwei in der Schweiz – doch ob das bereits die versprochene Farewell‑Tour ist, bleibt nebulös. Typisch Krokus: Irgendwie läuft es immer weiter.
Warum das Debüt bis heute fasziniert
KROKUS ist nicht unbedingt Album für Einsteiger. Es ist ein Blick in die Werkstatt einer Band, die noch nicht wusste, dass sie einmal Hard Rock‑Geschichte schreiben würde. Ein Debüt, das mehr Fragen stellt als Antworten gibt, aber genau dadurch seinen Reiz behält. Ein Album, das zeigt, wie aus einem Prog‑Experiment eine der langlebigsten Rock-Bands Europas wurde.
—
Bestens informiert über dieses und alle weiteren wichtigen Themen im Metal bleibt ihr außerdem mit unserem Newsletter. Einmal pro Woche flattert euch übersichtlich sortiert ein Update ins Postfach. Einfach anmelden, damit euch auch sicher nichts entgeht.
