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Three Days Grace: 20 Jahre Zweitwerk ONE-X

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Three Days Grace-Frontmann Adam Gontier saß 2005 im Centre for Addiction and Mental Health in Toronto, weil die Band begriffen hatte, dass sie ohne diesen Schritt nicht weitermachen kann. OxyContin hatte ihn ausgehöhlt, die Tournee zum Debüt hatte ihn zu jemandem gemacht, den er nicht wiedererkennt. „Ich wurde zu jemandem, der ich nicht sein wollte“, sagte er 2006 im Gespräch mit Ultimate Guitar, und genau aus diesem Satz wächst das Album. In der Reha beginnt er zu schreiben, allein, ohne Band, ohne Lärm, nur mit dem, was er jahrelang weggedrückt hat. Gontier erinnerte sich: „Da saß ich nun, völlig allein, und habe meine Gefühle herausgeschrieben“ – und das hört man in jeder Zeile, die später auf dem Three Days Grace-Zweitwerk ONE‑X landet. Da die Veröffentlichung des Albums bereits zwanzig Jahre her ist, werfen wir einen genaueren Blick zurück auf die Entstehungsgeschichte.

Adam Gontier schaffte es, Hilfe anzunehmen

Als der Sänger die Behandlung erfolgreich beendete, war nichts geheilt, aber alle Wege wieder offen. Die Band zog sich in ein Cottage im kanadischen Ontario zurück, drei Monate lang. Abgeschottet von allem, was sie vorher zerrieben hat. Dort entstand der Rest des Albums, zwischen Akustikgitarren, Handtrommeln und dem Gefühl, dass jeder von ihnen mehr mit sich herumträgt, als er je gesagt hat. Und plötzlich merkten sie, dass diese Einsamkeit kein Einzelproblem ist. Gitarrist Barry Stock beschrieb das Gefühl „wie eine Zielscheibe zu sein, während man alleine vor einer Masse Leuten steht“, und genau das wird zum emotionalen Kern von ONE‑X. Isolation ist der gemeinsame Nenner, der Three Days Grace paradoxerweise wieder zusammenschweißt.

Zerrissen und doch vereint

Musikalisch wirkt das Album wie ein Körper, der sich neu sortiert. Die Hälfte der Songs entstand in Toronto, die andere im Norden, und man hört diese zwei Welten: das Engegefühl der Stadt, das Ausatmen im Wald. Howard Benson produzierte das Album und zwang Gontier, jeden Song zehn bis fünfzehn Mal durchzusingen, bis die emotionale Wahrheit eindeutig herauszuhören war. Die Band experimentiert, probiert, schichtet, baut Crescendi, lässt Songs erst spät explodieren.

‘Animal I Have Become’ ist der Moment, in dem Gontier sich selbst ins Gesicht schaut. Ein Song, den er in der Reha schreibt, ein Geständnis ohne Ausrede, ein Versuch, die eigene Entfremdung hörbar zu machen. Kein Wunder, dass das Lied 2006 zum meistgespielten Rock-Song Kanadas wird. ‘Pain’ trägt die gleiche Handschrift, diese Mischung aus Härte und Hilferuf. ‘Never Too Late’ ist der Versuch, sich selbst zu retten, bevor es zu spät ist, und ‘Riot’ kanalisiert die Wut, die bleibt, wenn man sich aus einem Abgrund herausgekämpft hat, aber die Narben noch brennen.

Der Erfolg spricht für sich: Three Days Grace in den Charts

ONE‑X wird ein Erfolg, den niemand in dieser Form erwartet hat. Platz zwei in Kanada, Platz fünf in den USA, 78.000 verkaufte Einheiten in der ersten Woche, später fünffach Platin in den Staaten und dreifach Platin in Kanada. Aber wichtiger als die Zahlen ist, was das Album für Gontier bedeutet: ein Weg zurück zu sich selbst. Im Anschluss an die Veröffentlichung spielte er in Behandlungseinrichtungen, Heimen, Jugendzentren und sprach dort über das, was ihn fast zerstört hätte. Die Aufnahmen landen später in ‘Behind The Pain’ – einer Dokumentation, die zeigt, wie nah dieses Album an seinem echten Leben liegt.

Hoffnungsvoller Blick voran

ONE‑X ist kein Konzeptalbum, aber es erzählt eine Geschichte. Am Anfang steht ein Mann, der sich verloren hat. In der Mitte jemand, der um Hilfe bittet. Und am Ende jemand, der begreift, dass er nicht allein ist. „Das letzte Lied ist ein hoffnungsvolles. Es geht um den Moment, in dem man merkt, dass es Menschen mit den gleichen Problemen und Gefühlen gibt“, sagt Gontier. Kein großes Happy End, nur ein Funken Hoffnung. Aber manchmal reicht das. ONE-X zeigt, wie es aussieht, wenn man endlich aufhört, wegzulaufen. Und wie eine Band, die fast daran zerbrochen wäre, und am Ende genau dadurch stärker wird.


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Nuria Hochkirchen schreibt freiberuflich unter anderem für METAL HAMMER. Weitere Artikel und das Autorenprofil gibt es hier.

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