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Exklusives Metallica-Album nur in METAL HAMMER 08/2021

Amenra: Erlösung für alle

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Egal, ob unplugged auf Kirchenstühlen vor einem Haufen Moos, im Kreis auf einer Kuhweide in Flandern oder dröhnend von den Festival-Bühnen dieser Welt – die belgischen Post-Metaller Amenra sind eine Ausnahmeerscheinung. Wann immer die Band ihr kathartisches Repertoire auffährt, berichten ihre Fans von geradezu außerkörperlichen Erfahrungen. Auf ihrem siebten Studioalbum DE DOORN erweitern Amenra ihren Gefühlskatalog jetzt um die Note „liebevoll“.

Grund genug, sich mit Sänger Colin H. van Eeckhout zu einem intimen Plausch per Videoschalte zu verabreden. Hier das gesamte METAL HAMMER-Interview.

Colin, du sagst oft, dass eure Platten (speziell die MASS-Reihe) immer dann entstehen, wenn ihr ein katastrophales Ereignis, eine Erschütterung oder ein neues Trauma zu verarbeiten habt. War das diesmal auch so? Was hat euch umgetrieben?

Stimmt, bisher waren traumatische Erlebnisse der Startpunkt, an dem wir sagen konnten: Okay, JETZT haben wir was, über das sich zu reden lohnt. Das ist diesmal anders, universeller. Es dreht sich nicht mehr um uns allein. Wir laden die Hörer*innen ein, tiefer einzusteigen. Bisher haben wir uns in erster Linie für uns selbst interessiert. (lacht)

Aber dieses Album war das Ergebnis eines völlig anderen Prozesses. Die Songs sind im Rahmen von Liveritualen entstanden, die wir in unserer Heimatstadt aufgeführt haben. Feuerrituale, zu denen absolut alle willkommen waren. Die Idee war, dass die Leute negative Gedanken, Gefühle und Erlebnisse auf Zettel schreiben und in eine Statue stecken konnten, die hier im Kunstzentrum ausgestellt war und später dem Feuer übergeben wurde. Wir und das Publikum haben uns vor diesem Feuer versammelt. Amenra spielten, und die Leute konnten alles Negative verbrennen!

Keine Musik ohne Thema

Deshalb sind die Texte diesmal auch durchgehend auf Flämisch – weil sich das Ritual, das Kunstprojekt an die Hiesigen wandte. Wenn wir Musik machen, wollen wir ein Thema haben. Und einfach Riffs runterschrubben ist ja schön und gut, aber wenn du was zu sagen hast, macht es das erst erfüllend. Das Gefühl überträgt sich auch auf Außenstehende, die merken, hier ist Inhalt, hier ist was wichtig.

Aber um auf deine Frage zurückzukommen: Was ist diesmal passiert? Nichts Konkretes. Keiner von uns musste in den letzten drei Jahren wirklich Schlimmes durchmachen. Es ging uns gut! Auch mal schön, das.

Dieses ausschlaggebende Feuerritual: vor oder während der Pandemie?

Die letzte Ausgabe fand noch vor Corona statt, im Oktober 2019. Und danach merkten wir: Hey, wir haben ein Album geschrieben! Was mitnichten der Plan war. Aber die Musik, die wir für diese Momente geschaffen hatten, binnen einer Woche, kristallisierte sich in jenem Oktober ganz schnell als etwas Richtiges und Zusammenhängendes raus. Im Monat danach, also im November 2019, haben wir die Songs weiter ausgearbeitet und aufgenommen. Gemischt haben wir sie dann Anfang 2020.

Unbesiegbar fühlen

Eine Beobachtung aus sehr persönlicher Warte: Ich habe Amenra bisher immer als eine Band mit sehr „männlichen“ Energien wahrgenommen. Das kann überwältigend und alles-planierend wirken. DE DOORN bringt da eine Balance rein; es ist ein perfekter Zwitter aus Zerstörung und Schöpfung, offen für alle Kräfte und Energien. Kannst du dem ein Stück weit folgen… oder hältst du das für totalen Quatsch?

Ich gehe da im Grunde schon mit – muss aber auch sagen, dass diese Mischung auch auf vorigen Alben bereits vorhanden war. Mindestens seit unserem zweiten Album, das Anfang der 2000er entstand, haben wir immer versucht, weibliche Aspekte drin zu haben. Und damit meine ich nicht nur eine Gastsängerin! Die Musik vorangegangener Alben hatte ebenfalls Momente, wo wir als Schöpfer sehr emotional und verletzbar waren – und Momente, wo es extrem kraftvoll wurde, auf eine Art, dass man sich nahezu unbesiegbar fühlte. Dieses Wechselspiel ist auch hier wieder vorhanden.

Vieles auf DE DOORN ist aber tatsächlich sehr zärtlich, sehr liebevoll, und das ist Absicht. Da ist eine Stimme, die dich tröstet und erdet und dich auch ein bisschen… führen will. Womit ich nicht sagen will, dass sie allwissend ist, aber sie versucht, Wissen weiterzugeben. Wer zuhört, wird direkt angesprochen. Aber auch das ist nicht völlig neu; wir hatten sogar schon mal Spoken Word-Passagen auf Finnisch und Kroatisch – weil wir immer dachten, stell dir vor, du hörst eine Band – vielleicht deine Lieblingsband! – und plötzlich wirst ganz persönlich DU in deiner Muttersprache adressiert. Das öffnet sofort eine Tür zu deinem Innersten. Für Niederländisch-Sprechende hat das Album nun diese extra Dimension, diesen Hotlink zur Seele. Klar, das ist unsere Muttersprache: die Sprache unserer Eltern, unserer Freunde. Das fühlte sich sehr richtig an.

Transzendente Momente

Und es ist eine wunderbare Sprache für Lyrik: „Ik vond het in de ogen van m’n medemens / Klimmend klauwend uit de dieptes reikte het de hand / Het maanlicht voor altijd nu in m’n huid gebrand / Verbonden schuilend in het huis die eeuwig warmte gaf…“ („De Evenmens“) Mit so beschwörenden Texten fühlt sich DE DOORN oft an wie eine Kommunion.

Hab‘ ich schon mal sagen hören, ja. (lacht)

Ist auch keine sonderlich originelle Bemerkung, ich weiß. Interessant finde ich: wer sich dieser Musik öffnet, beschreibt oft das Gefühl, sich als Teil von etwas Größerem zu wähnen…

Ja, und da wird es für uns als Macher real! Als Kreativer glaubst du ja oft, dass etwas von oben, von irgendwo, aus dem Himmel zu dir spricht. Du willst diese Eingebung, den transzendenten Moment weitergeben. Es ist schon komisch, mit so großen Wörtern über die eigene Musik zu reden… Aber es fühlt sich an wie eine alte Sprache – als spräche eine prähistorische, archaische Wesenheit zu dir, in Zungen, die schon immer da waren.

Was ich sage oder singe, ist ja an sich nicht neu, aber es wird den meisten Leuten bekannt vorkommen. Es ist etwas, das die Menschen im Mittelalter genauso bewegt hat, wie es sie in 1000 Jahren noch bewegen wird – weil uns alle regelmäßig der Fakt am Arsch packt, dass wir nicht begreifen, was hier um und mit uns abgeht. Weil wir alle dieselben Fragen haben. So würde ich versuchen, den Inhalt der Amenra-Songs zusammenzufassen.

Besessen von Dornen

Deine getragenen Kadenzen erinnern an ein langes „Vater unser“ – aber ohne religiöse Konnotationen.

Diese Fragen und Gefühle existieren in einer Zillion Sprachen und einer Zillion Religionen, weil wir alle dasselbe wollen: Wir wollen vor allem beschützt werden, das schiefgehen und unseren Liebsten schaden kann. Diesen Augenblick erleben wir alle, irgendwann. Wenn du wirklich verzweifelt bist, wendest du dich hilfesuchend an etwas oder jemand, von dem du nicht mal wusstest, dass du dran glaubst. Um diese Augenblicke geht es mir.

Und warum ist der Dorn wichtig für Amenra? Die erste Assoziation wird für viele die Dornenkrone sein. Das Cover zeigt in Bronze gegossenen Dornen, und auch das Video zu ‘De Evenmens’ arbeitet mit Dornen in zig Formen und Größen. Der Dorn als zentrales Bild steht für – ?

Ich bin ein bisschen besessen von Dornen, glaube ich, in allen Formen und Größen. Ich erinnere mich an einen Familienurlaub auf Korsika, wo ich einen mir völlig fremden Dornbusch entdeckt habe. Einige Äste nahm ich mit und war fasziniert von den Schatten, die sie im Sonnenlicht auf den Boden warfen. Da wusste ich, mit diesem Symbol will ich arbeiten. Dornen sind die Waffen der Natur, sie beschützen, was der Pflanze wichtig ist – ihre Früchte und Samen, ihre Attraktivität. Ich mag diese Metapher: Wir alle bilden unsere eigenen Dornen und Stacheln aus, um weniger verletzlich zu sein und uns vor anderen Leuten zu schützen.

Jeder Mensch hat Stacheln… und verletzt sich an den Stacheln der anderen. Das war die Ausgangsidee. Und dann (hebt Metallstäbe hoch) habe ich diese sechs verschiedenen Dornen-Äste in Bronze gießen lassen. Einer pro Musiker*in auf dem Album, alle anders, individuell dornenbewehrt, um sich und die Liebsten zu schützen. So trägt jede*r Dornen und Wunden.

Vielstimmiges Kollektiv

Klar drängt sich auch die Dornenkrone Jesu auf, aber die meine ich nicht. Bei Amenra ist das Dornenbündel eine ziemlich akkurate Metapher für unser Tun: Aus den Storys aller beteiligten Musiker*innen entsteht ein vielstimmiges Kollektiv. Wir suchen immer ein zentrales Bild, das den Sound und Grundgedanken eines Albums verkörpert.

Ich habe euch einige Male live gesehen, jedes Mal anders und speziell – aber ich hatte auch oft das Gefühl, Teile des Publikums erwarteten von euch eine Grenzüberschreitung – etwas, das außerhalb der Kategorie „Konzert“ läuft. Solche Erlebnisse können aber nicht geplant werden.

Umso mehr du es willst, desto wahrscheinlicher killst du es. Ich sage immer: es wird eintreten, wenn du es wirklich brauchst. Das ist wie Sich-Verlieben, jemanden finden: Wenn du es dir vornimmst, wird es nicht passieren. Der Augenblick muss stimmen, du musst offen sein, dann kann es geschehen. Muss aber nicht. (lacht) Wir versuchen in jeder Show, diesen Punkt zu erreichen, wir versuchen so sehr, ihn auf authentische, ehrliche und brutal fruchtbare Weise möglich zu machen… die Essenz jeden Songs wieder zu berühren, mit derselben Dringlichkeit und Ehrlichkeit, wie als er entstand, aber… es passiert nur ein Mal in einer Handvoll Amenra-Shows, dass man wirklich auf diese Meta-Ebene kommt.

Live dachte ich immer über dich: Wahnsinn, der Typ steht unter immensem Druck; der guckt, als starre er in die Mündung eines Gewehrs. Hast du auf der Bühne eigentlich jemals… Spaß?

Nein (lacht), nicht bei Konzerten. Ich bin immer erleichtert, wenn ein Gig vorbei ist und ich meinen Abend beginnen kann. Im Lauf des Tages vergesse ich, dass ich abends einen Auftritt habe… dann kommt die Show näher und der Druck steigt, denn du willst nicht enttäuschen. Nicht deine Mitmusizierenden, nicht die Leute, die zig Kilometer und Stunden gefahren sind und 20 Euro hingelegt haben. Du willst, dass die sich die nächsten Wochen an diese Amenra-Show erinnern.

 

Bedrohliche Erwartungshaltung

Das bringt ein gewisses Gewicht mit sich. Wobei das, an sich, gar nicht so sehr meinen Druck erhöht. Ich will nicht sagen, dass mir das Publikum egal wäre. Aber ich weiß, ich muss da allein durch. Wir alle Fünf müssen da durch. Und es ist egal, ob 20 Leute vor der Bühne stehen oder Tausende: wir müssen diese Tour de Force durchziehen. Ich fühle mich aber nicht bedroht vom Publikum; eher bedroht mich meine eigene Erwartungshaltung, dass ich niemand enttäuschen will.

In eurem Konzertfilm THE CIRCLE vom Dezember 2020, aufgenommen auf einer Wiese bei Kortrijk, hattet ihr den Augenblick durchchoreographiert und voll unter Kontrolle. Wie schwer war das zu organisieren? Und: Was haben die Kühe dazu gesagt?

(lacht) Das ging alles ganz schnell! Ich hatte die Idee mit dem Kreis und den Scheinwerfern, wir haben unsere Freunde zusammengetrommelt, kein Produktionsteam, sondern einfach Kumpel, sodass wir bei diesem Auftritt unter uns waren. Das war der coole Part. Der Nachteil ist natürlich, dass du einen Film drehst. Die Energie ist eine ganz andere. War schon etwas seltsam. Denn um es echt zu machen, brauchst du Menschen um dich rum.

Ihr tretet gern in ungewöhnlichen Locations auf. Wenn ihr inmitten von Wiesen, Wäldern, Ruinen, Naturdenkmälern und „Land Art“ seid: Wie schlägt sich das in der Musik nieder?

Oh, es macht den Augenblick so viel größer! Selbst in einer Konzerthalle versuchen wir ja, die Leute da rauszubeamen. Sie sollen den Rahmen vergessen können. Dabei helfen die Visuals, das Licht. Die lassen vielleicht schon an eine Ruine, einen Wald denken. Aber WIRKLICH dort zu sein, in einer Kapelle, Ruine, einer Landschaft, die eine manifeste Identität hat, hebt alles auf ein neues Level. Du kommst auf einer großen Grasfläche an, mit einem riesigen Holzaufbau in der Mitte, und ganz schnell bist du nicht mehr bei einem Konzert.

Menschen hinter Amenra

Dieser Hang zum Ritual lebt ja in uns allen irgendwo. Das ist nicht viel anders als bei den ersten Menschen, die zusammen ums Feuer saßen und vom Feuer angezogen wurden. Das kannst du auch heute noch mit Tausenden von Menschen erleben. Wenn es zum Beispiel bei den Akustikparts so still wird, dass du eine Nadel fallen hören könntest, schafft das sehr ungewöhnliche Atmosphäre. Normalerweise kriegst du 1000 Menschen nicht dazu, die Klappe zu halten. Aber hier geschieht das, und du weißt, das ist mehr als Entertainment. Es sind die Aufrichtigkeit und Einmaligkeit des Moments, die solche Shows so befriedigend machen. Die Orte dafür suchen wir gar nicht mal aktiv. Wir erkennen sie, wenn wir sie sehen.

Als ich letztes Jahr eure Doku A FLOOD OF LIGHT schaute, dachte ich bei mir: Was nähme ich davon mit, würde ich Amenra nicht kennen? Zumal ihr euch da als eine Gang zeigt, die um jeden Preis ihr Ding macht – obwohl er für euch und euer Umfeld sehr hoch ist. Koste es, was es wolle. Eigentlich zeichnet das nur ein bedingt sympathisches Bild von euch.

Der Preis ist hoch, ja. Und er ist am höchsten für unsere Lieben. Wir Fünf allein könnten nicht tun, was wir tun, wenn nicht noch mindestens fünf weitere Menschen hinter den Kulissen alles dafür geben, dass es läuft. Und sie bekommen dafür nicht das Lob, den Applaus, der unsere Entlohnung ist. Wir haben die schicken Fotos in den Magazinen. Sie haben nur eine Menge Opfer und Entbehrung. Ich fand es extrem gut und wichtig, diesen Aspekt in der Doku aufzuzeigen. Wenn Bands sonst Dokus über sich drehen (lassen), dann tauchen da in erster Linie viele berühmte Kolleg*innen auf, die erzählen, wie verdammt toll und einzigartig deine Band ist. Genau das wollten wir nicht. Daher diese Perspektive.

 

Große Opfer

Dazu kommt, dass meist ich rede; in Interviews bin ich das Amenra-Sprachrohr. Der Film wollte das ein Stück weit korrigieren. Jeder sollte das Wort haben. Sich mit seiner Leidenschaft, seinem Antrieb zeigen. Den Film haben wir – genau wie unsere Fotobücher und andere Projekte – eigentlich für uns selber gemacht, damit wir später mal Erinnerungen an diese Zeit haben. Wir werden uns daran festhalten, wenn wir so alt sind, dass wir das hier nicht mehr machen können… Das wird uns wärmen. Deshalb wollten wir mit dem Film zeigen, dass unsere größte Stärke unsere Freundschaft ist. Und dass, wie du sagst, dahinter auch große Opfer stehen.

Euer Bassist Levy Seynaeve hat sich entschieden, sich auf seine Band Wiegedood zu konzentrieren. Nachfolger ist Tim De Gieter, mit seinem eigenen durchdringenden Bass-Sound… und einem eigenen Studio, das euch auch zugutekommt. Wie hat er sich eingelebt?

Er war ja schon die letzten paar Jahre in unserem Orbit und hat mit uns gespielt, wenn Levy verhindert war. Er hat all die Jahre geholfen, aus Freundschaft, ohne zu wissen oder je darauf zu spekulieren, dass er mal unser Bassist werden würde. Es war super-angenehm, ihn in unserem Kreis offiziell willkommen heißen und besser kennenlernen zu können. Er ist absolut positiv drauf, sehr energiegeladen und voller Motivation. Nach sieben Alben und paarundzwanzig Jahren haben wir bestimmte Arbeitsweisen und Routinen – und dann kommt jemand Neues, der super geladen ist und dir frische Power gibt! Das ist super.

Du bist jetzt 42 Jahre alt, das heißt: Amenra füllt jetzt mehr als die Hälfte deines Lebens…

Ich weiß, verrückt.

Den Instinkten folgen

Berufung… oder Prüfung?

Beides, hehehe! Ich würde auf jeden Fall sagen, das ist, wofür wir auf der Welt sind. Das ist, was wir gut können, unsere Sprache, unser Ziel. Ist es eine Bürde? Das führt mich zurück zu dem, was ich vorhin gesagt habe: Ich möchte niemand enttäuschen. Ich habe ja auch bestimmte Bands und Alben, die mir eine Menge bedeuten. Die Teil von mir geworden sind, weil sie mir zu einem bestimmten Punkt in meinem Leben begegneten. Für viele Menschen sind wir nun selber so eine Band, deren Symbole sie sich tätowieren lassen und der sie durch halb Europa hinterherfahren. Und auch, wenn wir immer versuchen, unseren Instinkten zu folgen und uns treu zu sein, möchten wir diese Leute nicht enttäuschen.

Wenn wir zusammensitzen, denken wir öfter mal, wie verrückt das alles ist. Wie lang wir das nun schon machen, wie alt wir sind, und dass wir graue Haare kriegen und der Rücken wehtut… Und dann kriegt man Kinder! Unser Schlagzeuger hat einen Sohn im Teenageralter, und wir machen immer noch, was wir mit 16 gemacht haben. Dass wir das gemeinsam tun können, erfüllt uns mit Dankbarkeit. Umso älter wir werden, desto klarer sehen wir, wie besonders das ist. Desto mehr schätzen wir jeden Moment. Und ab hier kann es eigentlich nur noch besser werden. Wir haben immer noch die gleichen gemeinsamen Ziele, das ist Teil unserer Identität. Wir sind die Band, und die Band sind wir. Darauf sind wir stolz.

Durch eure sehr unterschiedlichen Kollaborationen in zig Kunstbereichen seid ihr auch in der angenehmen Position, zu wissen: Selbst wenn es die Band mal nicht mehr gibt, wird es andere Manifestationen ihrer Energie geben.

Ja, definitiv. Das muss nicht mal eine heavy Post Metal-Band sein, oder wie immer du es nennen willst. Wann immer zwei von uns zusammensitzen und etwas erschaffen, ist es im Kern dieselbe Geschichte – egal, ob Fotos oder Gemälde oder, oder: Etwas daran wird immer Amenra sein. Dieses Wissen finde ich richtig tröstlich. Zu wissen, dass die Möglichkeiten schier endlos sind. Wir haben noch so viel vor! Das ist eine gute Position, denke ich.

Kunst hat kein Ende

Eigentlich ein gutes letztes Wort. Aber eine Frage noch. Du hast öfter gesagt, dass du nach Aufnahmen eigentlich nie mit dem Ergebnis zufrieden bist, und dass Aufnahmen immer nur Schnappschüsse sein können. Wie geht es dir jetzt nach 22 Jahren Amenra? Kommst du besser mit dieser Einsicht klar?

Ja, doch. Wobei ich zugeben muss, bei diesem Album waren wir kurz verunsichert, besonders wegen der rein flämischen Texte. Wir konnten nicht abschätzen, wie das bei den Leuten ankommen würde. Wir wussten nur, bei UNS kommt es an. Aber würden uns andere auf dem Weg folgen? Trotzdem sind wir überzeugt, dass die Entscheidung richtig war. Ich glaube, viele Musiker*innen sind zu kleinherzig; sie haben Angst, spielen auf Nummer Sicher und sagen am Ende, das ist unser bestes Album aller Zeiten. Aber das ist Quatsch. Man muss sich was trauen.

Das Album ist draußen und spricht für sich, und es wird sich verändern. Die Songs werden live anders sein, ich werde hier und da Texte ändern – aber ich mag das. Es ist organisch und bewegt sich mit dir zusammen. Das ist das Coole an der Kunst: Sie hat kein Ende. Wir haben ein Album aufgenommen und kurz etwas festgehalten, aber das Material selbst verändert sich weiter.

(c) Jeroen Mylle
(c) Jeroen Mylle
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