1996 hatten sich Amorphis bereits mit THE KARELIAN ISTHMUS (1992) und TALES FROM THE THOUSAND LAKES (1993) einen Namen gemacht, doch ELEGY war der Moment, in dem sie endgültig begannen, ihre Death Metal‑Wurzeln abzustreifen und sich in progressive, melodische Gefilde vorzuarbeiten. Ein Album, das bis heute wie ein kalter Windstoß aus dem Norden wirkt – und gleichzeitig wie ein warmes Feuer, das man nicht mehr missen möchte.
Neue Besetzung, neue Wege
Es begab sich im Jahr des Umbruchs. Mit Sänger Pasi Koskinen und Schlagzeuger Pekka Kasari (Ex‑Stone) kamen zwei neue Gesichter ins Boot. Koskinen, der bis 2003 bleiben sollte, teilte sich den Gesang mit Gitarrist Tomi Koivusaari (nicht zu verwechseln mit dem aktuellen Frontmann Tomi Joutsen). Dieser 50/50‑Split, bei dem Pasi ausschließlich klar sang, während Koivusaari die Growls beisteuerte, wurde zum Markenzeichen des Albums.
Dazu kam der neue Keyboarder Kim Rantala, der nur auf ELEGY zu hören ist. Sein Vorgänger Martenson war während der vorangegangenen Tournee ausgestiegen. Rantala brachte nicht nur frischen Wind, sondern auch eine charmant knarzende Hammondorgel aus den Siebzigern mit. Kein Bombast, keine überladenen Klangteppiche – eher ein wohldosierter Farbtupfer, der den Liedern Charakter verleiht.
Zwischen Folk-Poesie und frostiger Studioluft
ELEGY schöpft tief aus der finnischen Kultur. Die Texte basieren auf traditionellen Balladen sowie Gedichten aus dem Kanteletar, einer Sammlung alter Volksdichtung, die 1840 von Elias Lönnrot zusammengestellt wurde – dem gleichen Mann, der auch das Kalevala zusammentrug. Die beiden Werke überschneiden sich, und Amorphis nutzen sie auch bei anderen Werken gerne als Inspiration. Doch ELEGY treibt diese Verbindung auf die Spitze: Die Songs wirken wie vertonte Legenden, getragen von Melancholie, Naturbildern und nordischer Mystik.
Und, ja – man hört die Umgebung. Kein typisches Mai-Werk, kein sonniges Studioalbum. Die frostige Luft, die sich um die Aufnahmeräume legte, scheint direkt in die Musik eingesickert zu sein. Man meint fast, die Eistropfen in den eigenen Augenbrauen zu spüren.
Der große Stilwandel: Kommerz oder Konsequenz?
Mit ELEGY rückte der Klargesang stärker in den Vordergrund. Schon auf TALES FROM THE THOUSAND LAKES hatte man damit experimentiert, doch hier wurde er zum zentralen Element. Für manche Fans war das ein zweischneidiges Schwert: Wurde die Band kommerzieller? Oder war es schlicht die natürliche Weiterentwicklung einer Gruppe, die nie stehenbleiben wollte?
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen. ELEGY klingt weder anbiedernd noch kalkuliert. Es klingt nach einer Band, die ihre Identität erweitert, ohne ihre Vergangenheit zu verleugnen.
Ein Album, das nachhallt
2004 erschien eine Reissue als Digipak, ergänzt durch vier Bonuslieder. 2010 tauchten ‘Against Windows’, ‘Song Of The Troubled One’ und ‘My Kantele’ erneut auf – diesmal auf dem Compilation‑Album MAGIC & MAYHEM – TALES FROM THE EARLY YEARS. Ein Zeichen dafür, wie prägend diese Phase für Amorphis war.
ELEGY markiert den Übergang von rauem Death Metal zu melodisch‑progressiver Raffinesse. Es ist ein Album, das Türen öffnete – für die Band, aber auch für eine ganze Generation von Hörern, die im Metal mehr suchten als nur pure Härte. Zwischen Hammondorgel, Folk-Poesie und nordischer Kälte entstand 1996 ein Werk, das Amorphis neu definierte – und bis heute nichts von seiner Magie verloren hat.
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