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Das tränenreiche Ende von War From A Harlots Mouth

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War From A Harlots Mouth laden zu ihrem (vorläufigen) Abschiedskonzert in Berlin. Es herrscht Unruhe. Wild zerstreute Menschengrüppchen kriechen in die unzähligen dunklen Ecken, die heute der gänzlich geöffnete Magnet offenlegt. Manche geben still und heimlich ihr Jäckchen oben an der Garderobe ab oder lauern in sicherer Entfernung auf seltene Sammlerstücke am Merch-Stand.

Heute gibt es einmalig die FALLING UPSTAIRS-Kassette im schlichten Schwarz inklusive bedrückend blau-schwarzem Print. Nur wenige trauen sich in den Bereich, der heute zum letzten Mal vom lodernden Feuer dieser Band gepackt wird, die es den Genresortierungs-Fanatikern die letzten sieben Jahre so unfassbar schwer gemacht hat. War From A Harlots Mouth spielen gleich ihre allerletzte Show in der Heimat Berlin, bevor sie wer weiß wie lange pausieren.

Vor der Bühne scheint es leer zu sein, zu scheu pressen sich die Trauergäste an die kaltschwarzen Wände. Auch die einzelnen WFAHMs huschen nur hier und da durchs Bild. Es gilt, die zum Zerbersten drohende Spannung loszubrechen.

Passender könnten da Damager nicht sein. Sie projizieren mit angekrustetem Hardcore, einer Schippe Sand zwischen den Tonabnehmern und einer Sturmmaske am Mikro eine rasende Zerstörung in den jetzt gefüllten Magnet, dass es schwer fällt, vor eintretendem Entsetzen fortzuschauen. Ihr Downtempo zermürbt die mit Hochspannung geladenen Synapsen, die versuchen, diese fiebrige Nacht mit all ihrer Endlichkeit zu verkraften. Damager reiben sich wie eine Drahtbürste in aufgerissene Augen und – so unangebracht das klingt – kitzeln das Fünkchen Wut hervor, das nicht begreifen will, dass die Farewell-Show ihr Finale ansteuert. Sinnesentladungen im Pit tun ihr Übriges, es wird warm.

Leichte Melancholie liegt in der Luft, gehetzte Blicke treffen im Publikum wie elektrische Schläge aufeinander. Kein Kontakt will lange leben. Erlösung wie Fortspülung allen Gedankenballasts bieten schließlich Science Of Sleep. Wie ein lästiger Köter beißt sich diese Furie ins Gedärm und schüttelt die schlabbernden Muskeln so stark, dass die Knochen ängstlich zittern. Ein Vergessen der Schwermut setzt ein und volle Konzentration auf den Frontalangriff nimmt Stellung ein. Sänger Markus Jasak kämpft wie ein tollwütiges Tier gegen die dicht gepackte Publikumsbrandung, bedient sich der extremen Kraft seiner saitenstarken Hintermänner.

Mit dorniger Disharomnie scheuchen sie den Pit auf, legen ihr ‚Dogma‘ dar und knüppeln bis zum titelgebenden Track ihrer neuen Platte EXHAUST passend das Ende ein. Es bleibt eine kurze Phase zum Begreifen, dass sich hier der Höhepunkt rasant nähert. Lautes Gekicher und hühnerhaftes Gegacker überspielt die Anspannung auf den großen Moment, den man im Rausch der Gefühle nicht zu schnell an sich vorbeiziehen lassen will. Lieber spielen sich die Leiber auf, übertreiben, als wären sie den kommenden Emotionen gewappnet. Aber das seid ihr nicht, liebe Musikliebhaber; das seid ihr nie.

Ein Ende, das keines sein soll

War From A Harlots Mouth treten in nach allen Seiten ausströmender Spielwut auf die Bühnenbretter, die lange auf die eleganten Schritte und Sprünge der Berliner verzichten müssen. ‚Recluse MMX‘, ‚Terrifier‘, ‚Keeping It Up‘ – hier geht es nicht mehr um einzelne Songs; es geht um ein viel tieferes Gefühl der Ehrfurcht, das sich blitzschnell wie ein Pfeil geradewegs in die Herzen schießt. Schweiß schwebt in Augenhöhe, Sänger Nico pendelt immer wieder wie von Geisterhand getragen über den Köpfen der Feiernden. Magie ist kein taugender Begriff mehr, den Moment mit Worten festzuhalten; wenn Filip mit seinem Bass noch über dem stagedivenden Nico fliegt – ein ‚Temple‘ des Abschieds baut; wenn ‚Vertigo‘ – übersetzt Schwindel – in das obligatorische Warten auf Zugabe-Rufe führt. Aber da habt ihr euch geschnitten, WFAHM.

Zweimal will das Wörtchen Zugabe den kleinen Saal erfüllen, dann hallen in voller Gänsehaut-Blüte die drei Silben „Dankeschön“ in wiederkehrender Deutlichkeit. Nico schafft es kaum, sich zur Menge zu kehren. Und wenn, dann blicken von Wassern glasig gewordene Augen am Scheinwerferlicht vorbei und es raunt lachend: „Ihr macht alles kaputt.“

Eine unabgesprochene Überraschung, die nur hunderte Gleichgesinnte spinnen können, die sich in völliger Harmonie auf eine Wellenlänge katapultieren. Mit ‚Crooks At Your Door‘ und ‚Transmetropolitan‘ geht eine Ära zu Ende. Ein Moment, der in die Subkultur-Musikgeschichte eingeht: Als Tränen wie endlich real werdende Wehmut in die Augen schießen, sich gleichwohl vor Freude festbeißen wie sie vor Trotz tanzen wollen. Ein zuckendes, zur einen Seite gekipptes Lächeln gleitet über die Lippen der stolz wandelnden Männer auf der Bühne. Handtücher hängen um die Schultern, der halbnackte Drummer Paul wirft sich lachend in die noch Dagebliebenen, während die anderen WFAHMerianer das Schlachtfeld erhobenen Hauptes verlassen, sich abklopfen, in die Arme der Nächsten fallen und sich küssen lassen.

Zu bittersüß, viel zu unwirklich, schmeckt diese Begegnung, als das es die letzte gewesen sein könnte. Wir sehen uns wieder, War From A Harlots Mouth. Dankeschön!

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Mötley Crüe: Mick Mars hat jeden zur Tour eingeladen

Was wir jetzt vermelden, geht fraglos als klassischer Fall von "Sich selbst ein Ei gelegt" durch. Viel mehr noch: Eigentlich müsste ab sofort dieses Beispiel im Duden stehen, wenn man diese Redewendung nachschlagt. Denn: Mötley Crüe haben sich bekanntlich wiedervereint. Nachdem sie den Vertrag, der ihnen verbietet, jemals wieder als Mötley Crüe auf Tour gehen, in die Luft gesprengt haben. Gitarrist Mick Mars war sich sogar so sicher, dass seine Band Geschichte ist, dass er in einem Interview 2014 jeden auf der Welt zu einer möglichen Tour eingeladen hat (siehe Video unten). Damals war Mars in der TV-Sendung "That Metal Show"…
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