Zwischen BRITISH STEEL (1980) und dem späteren Triumphzug der Achtziger liegt ein Album, das bis heute polarisiert wie kaum ein anderes in der Judas Priest‑Diskografie. POINT OF ENTRY, am 27. Februar 1981 via Columbia Records erschienen, war das siebte Studioalbum der Band – und der Moment, in dem Judas Priest ihre Radiotauglichkeit weiter ausloteten, ohne ihre Identität komplett zu verraten.
Vor dem britischen Regen geflohen
Zum ersten Mal verfügte die Band über das nötige Budget, um ihr komplettes Equipment nach Ibiza zu fliegen. Die Sessions dort prägten den Sound hörbar: wärmer, runder, tiefer, spontaner. Vieles entstand direkt vor Ort, fast schon live eingespielt: ein Kontrast zu den sonst akribisch vorbereiteten Studio-Sessions. Im Booklet der 2001er-Neuauflage heißt es rückblickend: „Aufgenommen auf der Insel Ibiza, wo es zahlreiche Ablenkungen, strahlenden Sonnenschein und extrem günstigen Alkohol gab, wurde dieses Album mit gemischten Gefühlen aufgenommen, da es anders war als erwartet. Das Album wurde fast ausschließlich spontan auf Ibiza geschrieben und aufgenommen. Es war insofern ein Experiment, als dass wir sonst die meisten Songs bereits geschrieben hatten, bevor wir ins Studio gingen.“ Die besagten gemischten Gefühle zeigten sich auch in verschiedenen Interviews, in denen die Band-Mitglieder über ihr Siebtwerk sprachen.
Judas Priest unter Druck
K.K. Downing erinnerte sich später im Gespräch mit Louder vor allem daran, dass das Label Hits oder Cover-Versionen verlangte und massiven Druck aufbaute. „Mit diesem Album haben wir ihnen gegeben, was sie wollten.“ Gleichzeitig nannte er es das schwächste Priest‑Album seiner Ära – nur um im selben Atemzug zu betonen, dass es dennoch großartige Songs enthalte. Bassist Ian Hill wiederum ärgerte sich darüber, dass viele POINT OF ENTRY vorschnell als kommerziellen Ausreißer abtaten. „Das ist es aber nicht… Und ich finde, das wird übersehen“, sagte er dem griechischen Magazin Rockpages.
Drei Singles schickte die Band ins Rennen, alle mit Musikvideo: ‘Heading Out To The Highway’, ‘Don’t Go’ und ‘Hot Rockin’’. Ersteres wurde zum Setlist‑Dauerbrenner, während fünf Songs des Albums bis heute nie live gespielt wurden: ‘Don’t Go’, ‘Turning Circles’, ‘You Say Yes’, ‘All The Way’ und ‘On The Run’.
Verschiedene Cover, keines zufriedenstellend
Selbst das Bild auf dem Cover der Scheibe sorgte für Diskussionen. Europa bekam einen metallenen Flügel vor orange‑rotem Horizont, während der Rest der Welt eine endlose Papierbahn über hügeligem Terrain serviert bekam. Gitarrist Glenn Tipton war von beiden Varianten wenig begeistert: „Es war schrecklich […] Das amerikanische Cover war zwar anders, aber noch schlimmer.“ Immerhin tauchte dort erstmals das dreidimensionale Judas Priest‑Logo auf.
Die Fans sahen das damals musikalisch differenzierter. Platz 19 in den deutschen Charts, knapp 38 Minuten Spielzeit, zehn Songs – und die „World Wide Blitz“-Tournee, die das Material selbstbewusst präsentierte. 2001 erschien eine Neuauflage mit zwei Bonusstücken: einer Live‑Version von ‘Desert Plains’ und ‘Thunder Road’. POINT OF ENTRY bleibt ein Album voller Widersprüche. Sonnendurchflutet und unter Druck entstanden, radiotauglich und doch eigenwillig, von der Band selbst kritisch beäugt und von Teilen der Fans unterschätzt.
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