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Maik Weicherts Kolumne: Ikea – Wohnträume

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Heaven Shall Burn Maik Weichert
Heaven Shall Burn 19.03.2010 Session
Weimar – , Germany

Als 1943 irgendwo im hohen Norden, in der Nähe des verschlafenen Nestes Agunnaryd, auf einem Bauernhof namens Elmtaryd ein junger Mann anfing, Bilderrahmen, Knöpfe und ähnlichen Krempel zu verkaufen, konnte noch niemand ahnen, dass ca. 65 Jahre später meine Wenigkeit durch die Pforten einer Filiale eines Weltkonzerns tIch glaube, mittlerweile gibt es in vielen Wohnungen Deutschlands so was wie eine Ikea-Uniformität, in der DDR hatten die Leute auch fast alle die gleichen Möbel – aber eben weil es nur wenige verschiedene Modelle im Laden gab. Heute hat man die Auswahl und trotzdem hat jeder den gleichen Müll rumstehen, da sage noch mal einer es liegt am System! Es liegt am Menschen – ob real verkorkster Sozialismus oder schwedischer Turbokapitalismus – die gleichen Symptome!!!

Vielleicht spricht man kulturwissenschaftlich auch bald von einer Ikea-Epoche. Einen BGB Paragraphen mit Ikea Klausel gibt es auf jeden Fall schon:

§ 434 II BGB „…ein Sachmangel liegt bei einer zur Montage bestimmten Sache ferner vor, wenn die Montageanleitung mangelhaft ist, es sei denn, die Sache ist fehlerfrei montiert worden.“

Ich kenne Studienkollegen, die haben von ihrer Immatrikulation bis zur Verleihung der Doktorwürde wirklich in vielen verschiedenen weiblichen WG Betten übernachtet, und das ist okay, Studium soll schließlich Spaß machen – ich weiß aber nicht ob auch nur einem von ihnen bewusst ist, dass er wahrscheinlich noch nie Sex außerhalb eines Ikeabettes oder ohne Ikea Bettwäsche hatte. Eigentlich müsste es doch schon lange StudiVZ Gruppen mit Titeln wie „Fesselfreunde Hochbett Tromsö“ geben (oder eben Hochbett Fjelldal, wer eher auf Holz statt Metall steht…).
reten würde.

Der Krempelladen auf dem Bauernhof gehörte einem jungen Mann namens Ingvar Kamprad = I-ngvar K-amprad E-lmataryd A-gunnaryd = IKEA. Okay, für einige ist das neu, für die meisten sicherlich altbekannt, für alle aber auf jeden Fall eher unnützer Wissensbalast…

Jetzt stehe ich also zum allerersten mal in meinem Leben vor einem Ikea, bis jetzt habe ich immer mit Stolz behauptet, dass meine Wohnung 100% Ikea-frei ist – ich habe nie verstanden, was fast jeden wie die Fliegen ins Licht zu diesem blau-gelben Schuhkarton trieb. Und auch meine Ikea Premiere dient nicht dazu, mich mit Möbeln zu bestücken, ich hab einfach nur ein etwas größeres Auto und bin ein guter Kumpel.

Ikea Krams in meiner Wohnung?! Ich würde es einfach hassen, wenn ich Leute in meine vier Wände lasse und jeder genau weiß, was meine Couch, meine Regale, mein Bett, ja sogar meine Klobürste gekostet haben – „Hey das hab ich auch!!!“ Ein wundervoller Satz, wenn es um individuelle Wohnungseinrichtungen geht! Dazu noch nen Exkurs über die Aufbauvarianten, Farbauswahl und ein falsch ausgesprochener schwedischer Kindername – super! Das würde bei mir Brechreiz verursachen, aber hey, gleich ein interessantes Gesprächsthema, da kommt mit dem Besuch wenigstens keine Langeweile auf, unterhält man sich eben über Designerspanplatten aus dem Möbel-McDonalds.

Auf dem kurzen Weg vom Parkplatz zum Eingang bin ich auf Schildern schon dreimal geduzt worden, etwas befremdlich, aber okay Schweden duzen sich nun mal – da sagt ganz selten im Alltag mal jemand „Sie“. Komisch ist nur, dass die Mitarbeiter mich dann wieder siezen – das wäre wohl aber auch etwas zu locker für die deutsche Möbelkäuferseele.

Zu allem Überfluss ist heute auch noch Samstag also ist wirklich die volle Breitseite an Ikea Kundschaft am Start:

Da ist zuerst die unterdurchschnittlich attraktive, fülligere Single Frau, die mit ihrem noch adipöseren „Muttilein“ grad versucht in der Ladezone ein drei Meter Regal in ihren Krankenschwesternfiat zu stopfen. Ich passiere sie milde lächelnd in dem Wissen, dass, selbst wenn ich jetzt vier Stunden meines Lebens im Ikea vergeuden würde, ich sie auf dem Rückweg immer noch genauso schiebend und fluchend vorfinden würde – es sei denn, sie entscheidet sich, ihr Muttilein in der hot dog Zone zu parken und Front und Heckscheibe bei ihrem Elefantenrollschuh einzutreten – dann könnte es was werden mit dem Transportvorhaben.

Da ist aber auch das „erste gemeinsame Wohnung einrichten Pärchen“ – so unbeteiligt wie der hagere, trottelig laufende Typ in die Landschaft guckt, war es keine geplante Schwangerschaft, die ihm jetzt das Glück beschert, ein gemeinsames Familiennest bauen zu dürfen. Okay vielleicht liegt es auch nur daran, dass der Hintern der verliebt an seinem Arm klebenden jungen Dame in der kurzen Hose aussieht, wie ein voller Bottich mit zu weichem Vanillepudding, den jemand im Hagel hat stehen lassen… ich weiß es nicht, auf jeden Fall guckt er beim Reingehen lieber einer Ikea-Mitarbeiterin auf den Arsch.
 

Und noch ein Pärchen läuft vor mir – beide sind etwas älter und diesmal guckt sie angekotzter als er, wahrscheinlich hat er auch gar nicht mehr die Energie, seine innere Gemütslage als Gesichtsausdruck der Welt preiszugeben. Ne neue Küche vertreibt ein paar Wochen die trüben Gedanken der frustrierten Hausfrau und die vielen neuen Freunde, die wir bald immer einladen werden auf jeden Fall staunen im neuen Wohnzimmer! Aber so wie der Fall hier aussieht, wollen die ein neues Schlafzimmer kaufen – quasi der worst case.

Dann tippeln noch ein paar early twen Girls um uns rum – hier geht’s sicher nur um Langeweile totschlagen, da fährt man auch Samstags mal in den Ikea und guckt einfach, was es fürs schwer erarbeitete BAföG so gibt – wie eine Möwe, die ohne zu wissen auf was sie Appetit hat, über die Mülldeponie fliegt, bis sie etwas findet was sie gar nicht wollte – diese Klientel ist wahrscheinlich die wichtigste Gruppe für Ikea, schließlich macht der Konzern nach eigenen Angaben den meisten Profit nicht mit Möbeln, sondern dem ganzen anderen Krimskrams. Und auch in die Top Etage der Fastfoodkonzerne ist Ikea in Deutschland umsatzmäßig bereits aufgestiegen – ich frag mich allerdings, was an hot dogs so sehr schwedisch sein soll. Naja, Köttbullar haben wahrscheinlich nicht genug Gewinn abgeworfen. Völlig krass wie viel sich die Leute dort reinstopfen- aber wenig verwunderlich schließlich kostet ja dieses Qualitätsessen nur einen Euro pro Wurst und man bekommt sogar zwei für den doppelten Preis!!! Na dann esse ich gleich drei oder vier!

So dann bin ich also drin, an der Kinderverwahreinrichtung vorbei direkt hinein in den Wohntraum. Und der erste Eindruck ist echt positiv, wirklich schicke Sächelchen die hier ausgestellt sind und ich muss zugeben, dass ich auch sofort das Gefühl habe, dass nicht, wie in anderen Möbelhäusern, jede meiner Fragen entweder mit „mindestens sechs Wochen“ oder „nur in Buche Dekor“ beantwortet wird.

Ich bin ehrlich beeindruckt wie umfänglich man seine Wohnung zum Systembaukasten machen kann – Ikea Kunden scheinen wirklich in der Kindheit zu viel mit Lego gespielt zu haben. Besonders die Deutschen – Ikea macht in Deutschland mehr Umsatz als in den USA, der Deutsche ist ein Bastler, der Schwede hat´s erkannt, habe ich mal irgendwo gelesen.

Die Leute scheint da draußen in der Welt wirklich alles dermaßen anzuöden und zu nerven, dass man lieber auf das Einfluss nimmt, was erreichbar und veränderbar ist – die eigene Wohnung. Ein gemütliches Refugium, entstört und frei von den Wirren des Irrenhauses namens Umwelt, dessen Garten vor der eigenen Haustür beginnt. Nicht wie bei Goethe die frische Luft tief einsaugend und mit geschwellter Brust ausrufend „…hier bin ich Mensch hier darf ich´s sein!“, sondern eher abgearbeitet und blass auf die Couch sinkend, den Vorhang schließend und murmelnd „…die Welt mein Feind ich bleib daheim“.

Tja, willkommen zurück im Biedermeier würde ich sagen, was Jean Paul einmal als „Vollglück in der Beschränkung“ bezeichnete trifft die Lage nur allzu gut. Und ein Möbelhaus namens Büchner oder Heine, das in Vormärzmanier uns frustrierten Konsumzombies einen Weckruf verpasst, ist weit und breit nicht in Sicht, armes Deutschland.
 

Ui krass, hier heißt ein Artikel „Narvik“. Hahaha, ob der olle Kamprad den Namen im Wissen um die strategische Bedeutung dieser Stadt für die Nazis im zweiten Weltkrieg höchst selbst gewählt hat? Auch der Name Tromsö ließ mich aufhorchen, liegt doch vor der schönen nordnorwegischen Minimetropole auch der einstige Stolz der deutschen Kriegsmarine, die Tirpitz (*Klugscheißmodus an* größtes jemals gebautes deutsches Schlachtschiff, nein die Bismarck war kleiner *Klugscheißmodus aus*). So abwegig ist der Gedanke nicht, bekanntermaßen pflegte Herr Kamprad ja auch bis 1945 Nationalsozialisten zu unterstützen, eine Sache die in den 90er Jahren in Schweden für heftige Irritationen sorgte und ihm auch heute noch von Vielen übel genommen wird. Aber Ikea-Schwamm drüber *hüstel* ist ja so praktisch und billig und mein Opa war auch nicht ohne…

Ich weiß nicht, ich kann dieses Gefühl nicht beschreiben, aber ich komme mir, je länger ich hier durchs Einrichtungshaus stapfe immer mehr wie in einem Sektentempel vor, alle um mich herum wissen wie etwas heißt, wo sie etwas finden, wie etwas zu bedienen oder zu handhaben ist. Aber ehe ich mich versehe, bemerke ich, dass mit mir das gleiche geschieht, ich spüre wie analysiert und ausgeforscht ich bin – ich komme mir vor als wisse der große Ikea Bruder genau, wie ich mich hier drin bewege, was ich suche, wie ich mich verhalte, was mich interessiert. In dem Moment, in dem ich nen Bleistift suche, fällt mein Blick auf ne Kiste mit den Dingern, stelle ich mir innerlich eine Frage, wird sie prompt auf einem Schild in meiner Blickrichtung duzfreundlich beantwortet, erregt ein Artikel meine Aufmerksamkeit, finde ich umgehend noch hundert andere, schönere, teurere, die ich vorher gar nicht gesehen habe. Man denkt, man geht auf Einkaufstour um etwas zu finden, dabei wird man einfach nur durch ein Melkkarussell geführt und bekommt alles vors Gesicht gesetzt was man kaufen soll. Das ist wie eine für den Kunden programmierte Matrix. Hier müssen Generationen an Verkaufspsychologen die Abläufe optimiert haben, echt gruselig irgendwie.

In diesen Gedanken vertieft, rempelt mich von hinten jemand an. Na guck mal an, die gibt es also auch noch – ein Outdoorhippiepärchen, Fjällräven Jacke mit dicker Schwedenflagge drauf und Wanderschuhe an – der gemeine Schweden Fan geht also auch noch hier einkaufen, ist ja putzig – dass solche Leute ihre Rotweinregale auch hier kaufen, ist so naheliegend, da wäre ich von allein gar nicht drauf gekommen – das gebe ich zu. Ob die wissen, dass Ikea schon lange den Firmensitz nicht mehr in Schweden hat, sondern als eine Art Stiftung in den Niederlanden geführt wird? Ja, Ikea ist wertmäßig die größte gemeinnützige Organisation der Welt, aber in den Niederlanden haben solche Stiftungen trotz beträchtlicher Steuervorteile ja keine Publizitätspflicht. Schade, dass man die gemeinnützlichen und mildtätigen Kapitaltransaktionen des Konzerns deshalb so schlecht verfolgen kann.

Und kommt mir hier jetzt bitte keiner mit, „naja ich kann mir halt nur Ikea leisten, habe nun mal nicht so viel Geld“ – die Zeiten, wenn es sie denn jemals gab, in denen Ikea günstig war, sind vorbei und nirgendwo ist es leichter, sich in die Privatinsolvenz zu wohnträumen als bei Ikea – Mikrokredit (so was kennt man eigentlich eher aus Entwicklungsländern) und Kundenkarte sei dank.

So Regale draufgepackt, an die Kasse und raus hier! Die von mir eingangs erwähnte Rubensdame und ihr Muttilein ziehen sich jetzt grad ein paar hot dogs rein – ist das nur ne Pause oder hat sie eingesehen, dass ne Anlieferung besser wäre? Ich werde es wohl nie erfahren…Auto und Regal sind jedenfalls aus der Ladezone verschwunden.

Fazit: Alles ganz schön im Ikea und wirklich ansprechend – aber meine Vorurteile hat das nicht beseitigen können, eher im Gegenteil. Sehr wahrscheinlich habe ich neben meinen bereits geäußerten Vorurteilen und Bedenken auch noch einen Gendefekt, der mir die Freude an etwas, was jeder andere auch hat, oder zumindest haben könnte, völlig vermiest – dies wird mich wohl für immer von der blau-gelben Sekte trennen. Scheiße, ich bin ein Outcast in dieser Ikea Welt. Aber das ist nun wirklich kein Grund mich am Metallhochbett Tromsö aufzuhängen, oder?

Vi ses.
 

Axel Jusseit Krefeld Germany
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