Seit nunmehr vier Jahren leben die Menschen in der Ukraine in ständiger Angst. Stromausfälle, Bombenalarm, Ausgangssperren und permanente Lebensgefahr sind zum traurigen Alltag geworden. Als eine Art lautstarke Trotzreaktion erlebt die ukrainische Metal-Szene seither einen wahren Aufschwung.
Bands wie Jinjer und 1914 gehören derzeit wohl zu den gefragtesten Vertretern ihrer Zunft. Doch im Untergrund brodelt weit mehr. Zündfunk (vom Bayerischen Rundfunk) gibt der Underground-Metal-Szene von Kiew eine Stimme. Im Portrait ‘Wie die Kyjiwer Metal-Szene dem Krieg trotzt’ rückt die Deathgrind-Band Tsytska in den Fokus.
Ein Ökosystem
Im Interview mit Zündfunk gibt Gitarristin Anastasia an: „Metal hat sich schon immer sehr direkt mit gesellschaftlichen und politischen Themen befasst. Und gerade heute ist das relevant, wo wir nicht nur in der Ukraine, sondern überall auf der Welt schlimme Dinge sehen.“ Nicht nur im Metal, sondern auch in vielen anderen Musik-Genres habe es seit Beginn des Krieges neue Aufschwünge gegeben. Irgendwie logisch. Immerhin verbindet Musik und ist ein kraftvolles Mittel, um Emotionen zum Ausdruck zu bringen.
Zudem füllen die ukrainischen Bands eine Lücke, die internationale Künstler hinterlassen haben. Der zivile Flugverkehr liegt still, Anreisen sind – wenn überhaupt – nur mit dem Auto oder Zug möglich. Zudem ist das Sicherheitsrisiko für viele einfach zu hoch. „Wie in einem geschlossenen Ökosystem hat sich die Metal-Szene umso stärker entwickelt“, erklärt die zweite Gitarristin Valentyna. „Es hat sich ein positiver Konkurrenzkampf darüber herausgebildet, wer den fetteren Sound und die bessere Performance hat.“
Zusammen
Während Auftritte außerhalb der Heimat nur schwierig fest zu planen seinen – immerhin kann jederzeit etwas dazwischenkommen –, haben sich die ansässigen Clubs so gut sie können vorbereitet. Da es immer wieder zu Stromausfällen kommt, hätten die meisten Lokalitäten mittlerweile Generatoren. Warum Konzerte in Zeiten des Krieges wichtig sind, mögen manche vielleicht nicht nachvollziehen können.
Dokumentarfilmer Magnus Lorenz ist in die ukrainische Hauptstadt gereist, um sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. Nach seinen Erfahrungen erklärt er: „Ich kann mir vorstellen, dass sich die Leute das nicht alles kaputtmachen lassen wollen. Und so ein Konzert ist auch ein Ort, der den Zusammenhalt fördert und vielleicht auch ein bisschen die Angst nimmt.“
Bei einem Auftritt von Tsytska war er selbst anwesend, während die Stadt einem Luftangriff ausgesetzt war. „Draußen herrschte Luftalarm, und drinnen im Club haben alle beim Konzert mitgemacht“, gibt Lorenz an. Tsytska-Sängerin Kate fasst die Lage zusammen: „Es ist Krieg und wir werden beschossen, aber die Musik bleibt uns.“
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