Progressive Musik mit Herz und Seele wollen ja irgendwie alle spielen. Viele verzetteln sich aber dabei und gestehen dem Gehirn zu viel Platz in ihrer Musik zu. Ist okay, es muss ja auch die Steven Wilsons geben, aber auf dieser feinen Linie zwischen Kopf und Bauch mit geschlossenen Augen balancieren zu können (oder überhaupt zu wollen – nichts für ungut, Steven), ist einfach kein Pappenstiel. Textures können das. Und sie haben wohl selbst gemerkt, wie gut – immerhin haben sie sieben Jahre nach dem Ende der Band beschlossen, doch noch mal anzugreifen. Und dann auch noch mit GENOTYPE, der Schwester des gefeierten 2016er-Werks PHENOTYPE. Die Welt ist seither eine radikal andere geworden, Stimmen der Empathie sind heute wichtiger denn je. Genau das sind Textures – ein Sprachrohr der Ungehörten, Überhörten und Stimmlosen, ein Vehikel für all jene, die noch an die heilende Kraft der Musik glauben wollen. In ihren Songs vermessen sie den Himmel und die Erde, den Kosmos und die Distanz, die wir zwischen uns aufgebaut haben. Das ist musikalisch präzise wie immer, monumental, düster und ein kleines bisschen spacig. Aber eben auch voller unglaublicher Melodien, Harmonien, Hooks und Songs, die sich langsam aufbauen wie diese Flutwelle in ‘Interstellar’, die sich in einem gewaltigen Crescendo über die Hörer ergießt. GENOTYPE ist fast ausnahmslos gefüllt mit großen Songs, innigem Gefühl, melancholischer Melodik und einer eindrucksvollen instrumentalen Machtdemonstration. Einzig der Vocoder-Gesang in einigen Songs passt dann doch eher zu Steven Wilson.
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