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Tourreport (2): War From A Harlots Mouth in Leipzig

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War From A Harlots Mouth nahmen am Wochenende den zweiten Anlauf Abschied. Nach intim-bedächtigen bis feuchtfröhlich-eskalierenden Abstechern nach Cottbus, Stuttgart und Frankfurt soll diesen Freitag der Tourvan in die weltoffene Studentenstadt Leipzig rollen. Treff ist Freitag Mittag am Proberaum in Berlin. Die Jungs sind heute ausgeschlafen, erfrischen sich noch schnell beim Bäcker und machen sich auf den Weg, ein besondere Herzenssache abzuholen. Sie haben nämlich ihre ersten Gehversuche, ihre EP FALLING UPSTAIRS, inklusive der Songs ‘Uptown Girl’ und dem Smash-Hit ‘Keeping It Up’ auf 100 Kassetten gebannt, um sie ausgewählten Auserwählten am Merchstand zu überreichen.

Freude schäumt förmlich über, das Sprüche-Niveau sinkt im Tourbus wieder in gefährliche Tieflagen. Sich selbst verschluckende Lachanfälle sind die Folge, jeder herausgebrachte Ton wird auf die Schippe genommen – ein Dolby Surround der Possenreißer; Level 47 der Stumpfheit, bestimmen WFAHM. Kurzer Stopp an der Tanke, um Luft und die aktuelle Jahresrockblick-Ausgabe des METAL HAMMER zu schnappen, in der Drummer Paul Seidel auf dem Philosofa sitzt. Kollege Anzo übte eins seiner letzten Interviews an dem Mann, der trotz der vorübergehenden Auflösung seiner Stammformation bald wieder viel um die Ohren hat. Seidel ist seit kurzem bei The Ocean fester Drummer. Sie gehen 2014 auf Tour, um das Frischwerk PELAGIAL zu feiern. Außerdem ist Paule noch bei der progressiven Metalcore-Kombo Dioramic (ihr Sänger Arkadi Zaslavski singt auf WFAHMs VOYEUR den Track ‘Scopophobia’) der Mann für Live-Shows wie auch beim Cyborg-DJ-Rap-Kollektiv WassBass der Prügelknabe. Und ganz nebenbei gibt er Schlagzeugunterricht für Kids in der Noisey Musicworld in Berlin.

Nostalgie und Verwirrung

Als auf der Fahrt die brutal eigensinnigen Remembering Never aus den Boxen strömen, wird es wieder nostalgisch. Songschreiber Simon und Paul tauschten sich nämlich vor gut zehn Jahren in der Alten Feuerwache Berlin über jene Band aus und beschlossen ganz nebenbei, zusammen Musik machen zu wollen. Drei Jahre später festigte sich das Gedankengespenst in War From A Harlots Mouth. Heute sind sie auf Farewell-Tour. Nicht melancholisch, sondern feiernd. Als auf der Fahrt nur noch surreale Laute den Bus beflügeln, wird die starke Stimmung vom Freitagnachmittag-Feierabendverkehr von Leipzig zutiefst beschämt. Nach endlosen Minuten Reifenstillstand schafft es der Van schließlich über geheime Umwege zum Conne Island. Seit 1991 steht das linke Jugendkulturzentrum im Zeichen der Subkulturen, idealer Schauplatz also für Bands wie War From A Harlots Mouth. Sänger Nico erinnert sich mit glänzenden Augen an ein Konzert einer seiner Lieblingsbands Neurosis zurück, das 1996 stattfand. Schwärmt man nicht für Shows ins überschwemmte Berlin, ist tatsächlich das Island zentraler Austragungsort im Osten für verrückteste Metalbands.

Verrückt ist auch die Ankuft: Das heute spielende Thrash Metal-Tourpaket aus Savage Messiah, Angelus Apatrida und Havok ist völlig verblüfft über die Berliner, die einfach ihre eigene Bühne aufbauen. So richtig informiert wurden sie nicht über den Gast, der Goodbye sagen will. Schnell sind aber Missverständnisse beiseite gelegt, ist der Soundcheck hingelegt und kann zusammen am reichhaltigen vegetarischen Catering genascht werden. Eine mit Buchstabensalat bedruckte Wand gibt dabei allen Bands, die hier je spielten, einen Ehrenplatz. Bei der Augenkrebs-stimulierenden Aufgabe, sich selbst zu finden, schaffen es WFAHM tatsächlich dreimal. Nico findet auch sein Neurosis-Konzert von damals wieder. Er selbst plant für nächstes Jahr übrigens neben seinem Dubstep-DJ-Set AmokKoma noch ein paar Projekte, die in spannende, andersartige Richtungen gehen. Mehr hält er vorerst unter Verschluss.

Conne Island in Ekstase

Während WFAHM mit Freunden in alten Zeiten schwelgen und Paul mit seinem Vater zusammensitzt, shredden Savage Messiah über ‘The Cursed Earth’, bedauern Angelus Apatrida die Entwicklung, dass persönliche Freiheit mittlerweile gegen nationale Sicherheit eingetauscht wird. Langhaarige Kutten- und Bartträger bangen sich die Nacken warm, bringen sich bei Havok schließlich völlig in Vor-und-zurück-Bewegungen. Mit ‘Point Of No Return’ und dem folgerichtigen Finale ‘Time Is Up’ riffen sie so auf den Punkt, dass ein Umschauen zu schwingendem Kopfhaar und beleibten Leibern kaum glauben lässt, dass gleich WFAHM hier herzlich willkommen sein werden.

Doch wie durch ein Wunder tauscht sich plötzlich fast das komplette Publikum aus. Statt reifer Männer stehen plötzlich junge Mützenträger im Raum und empfangen das dunkle Intro aus VOYEUR und den folgenden, Ekstase auslösenden Breakdown ‘Cancer Man’. Das nicht ganz gefüllte Conne Island nutzen die Wilden für beachtlichen Springsport – mal zu Nico hin, um “the fire burning inside me, inside us” ins Mikro für ‘Keeping It Up’ zu johlen, oder um quer durch den dunklen Saal zu hopsen, wie beim wahnsinnig machenden ‘To Age And Obsolete’. Schließlich kann auch ‘Uptown Girl’ nicht mehr Schreihals Nico halten. Er lässt sich gleich zweimal von der Menge tragen. Irgendwie schafft es Bassist Filip sich da noch dazwischen zu mogeln. Nico ist von der ungaublich losgelösten Energie völlig überwältet, er lässt die Island-Süchtigen sich selbst beweihräuchern. Pure Magie in der Zugabe ‘Crooks At Your Door’: Im schummrig-staubigen Scheinwerferlicht wirkt es, als würden Gestalten in Zeitlupe in alle Richtungen ausscheren. Betäubte Sinne auch bei denen, die hier den Atem rauben. WFAHM beenden mit ‘Transmetropolitan’ ihr Set, Nico kann vor Dankbarkeit nur noch Köpfe kraulen.

Lange wird noch mit Fans und den Klubbetreibern geredet. Filip genießt das Conne Island jedes Mal wieder, wegen dem Catering, den Leuten und der tiefen Bühne. Er studiert nächstes Jahr weiter Spanisch auf Lehramt. Simon erinnert sich an alte Kindheitstage, an den Schabernack, der damals so leicht von der Hand ging. Der Gitarrist plant schon sein eigenes Projekt, das nicht gerade weltenfremd von WFAHM klingen wird. Er hat schon reichlich Material geschrieben. Das Beste daran: Simon betreibt von zu Hause aus seine Sludge Studios, wo er schon Bands wie Fuck Your Shadow From Behind, Science Of Sleep und The Sleeper aufnahm, wie eben auch War From A Harlots Mouth. Als die Band sich schließlich durch die frostige Nacht kämpft, endlich im Apartment ankommt, sinniert Filip über Touren und die Orte, an denen WFAHM noch nicht waren oder wieder hinwollen: Russland und Südamerika sind ganz vorne mit dabei. Daniel klinkt sich ein: Japan! Es liegen also noch viele Stationen vor den Berlinern; irgendwann, in ferner Zukunft. Jetzt rückt erstmal der Abschied immer näher. METAL HAMMER ist wieder bei ihrer finalen Show im Berliner Magnet zu Gast. Solange könnt ihr War From A Harlots Mouth ein vorerst letztes Mal hier sehen:

WAR FROM A HARLOTS MOUTH
Farewell-Tour
Live 2013

20.12. Wolfsburg, Jugendhaus Ost
22.12. München, Feierwerk
26.12. Köln, Underground
28.12. Münster, Sputnikhalle
29.12. Bremen, Tower
30.12. Berlin, Magnet Club

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