1976 stand Alice Cooper an einem Punkt, an dem seine Kunstfigur und sein reales Leben ineinander übergingen. ALICE COOPER GOES TO HELL erschien als Fortsetzung von WELCOME TO MY NIGHTMARE (1975), doch hinter der Geschichte um die Figur Steven schimmert ein viel persönlicherer Abgrund. Cooper, Dick Wagner und Bob Ezrin entwarfen ein Konzeptalbum, das weniger von mythologischen Feuern erzählt als vom inneren Brennen eines Mannes, der längst die Kontrolle verloren hat.
Die Rückkehr von Steven und die Hölle als Show-Bühne
Die Figur Steven diente erneut als Projektionsfläche, doch diesmal wird er in eine Hölle verbannt, die eher einer surrealen Varieté-Bühne gleicht als einem klassischen Fegefeuer. Der Teufel tritt nicht als archaischer Dämon auf, sondern als DJ mit Barry White-Stimme, der Steven zu ewiger Performance zwingt. Diese Mischung aus Horror und Fernsehästhetik erinnert Stimmen wie den US-amerikanischen Rolling Stone stärker an Rod Serling als an Dante und passt perfekt zu Coopers Hang, das Groteske mit dem Showbusiness zu verschmelzen. Die Erzählung wirkt stringenter als auf dem Vorgänger, die Bilder klarer, die Metapher direkter.
‘I Never Cry’ und die Wahrheit hinter der Ballade
Der Erfolg von ‘Only Women Bleed’ hatte Cooper gezeigt, dass Balladen ein neues Ventil sein können. Doch ‘I Never Cry’ ist mehr als ein weiterer Versuch, die Charts zu erobern. Der Song ist eine offene Wunde, eine alkoholische Beichte, wie Cooper später selbst sagte. Während seine Stimme früher bewusst unmusikalisch eingesetzt wurde, um die rohe Energie der frühen Alice Cooper-Band zu tragen, zeigt er hier eine verletzliche, fast klassische Melodieführung.
Der Sound zwischen AOR, Disco und Theater-Rock
Musikalisch bewegt sich GOES TO HELL zwischen überdrehtem Theater-Rock, AOR-Schmelze und Disco-Anflügen, die heute wie ein Zeitstempel wirken. Dick Wagner und Steve Hunter legten melodische Gitarrenlinien und wuchtige Akkorde, während Bob Ezrin mit Klavier, Rhodes und Synthesizern die theatralische Breite ausmalte. Tony Levin und Allan Schwartzberg sorgten für ein professionelles Fundament, das jedoch oft glatter wirkt, als es Coopers Persona verträgt. Der Opener ‘Go To Hell’ bildet die Ausnahme: ein kraftvoller, Shout-artiger Einstieg, der die Energie der frühen Jahre kurz wieder aufleuchten lässt. Viele andere Stücke wirken dagegen wie Bausteine eines Bühnenstücks, funktional für die Story, aber selten zwingend als eigenständige Rock-Nummern.
Kritische Stimmen
Die zeitgenössische Kritik reagierte scharf. Der Rolling Stone sah in der sentimentalen Standardschnulze ‘I↓m Always Chasing Rainbows’ einen Hinweis darauf, wo Coopers musikalische Sympathien wirklich liegen, und bezeichnete den Rest des Albums als dynamisch, aber abgeleitet. Classic Rock nannte das Werk später den Tiefpunkt des Siebziger-AOR, ein überladenes Gemisch aus übertheatralischem Radio-Pop, schnulzigen Balladen und Disco-Kitsch. Immer wieder tauchte der Vorwurf auf, Cooper sei hier so wenig bedrohlich wie nie zuvor. Die rohe, fast aggressiv unmusikalische Aura der frühen Band ist einer kontrollierten, teilweise glattgebügelten Performance gewichen, die die einstige Infamie kaum noch transportiert.
Die Bühne ohne Tournee und die späten Live-Echos
Ironischerweise blieb die große Show, für die das Album wie geschaffen schien, aus. Die geplante Tournee 1976 wurde komplett abgesagt, Cooper war anämisch und körperlich am Ende. Trotzdem überlebten viele Songs im Liverepertoire. ‘Go To Hell’ wurde über Jahre hinweg ein Fixpunkt seiner Setlists, ‘I Never Cry’ kehrte immer wieder zurück, und auch ‘Guilty’ sowie ‘Wish You Were Here’ fanden ihren Weg auf spätere Tourneen. Erst 2025 wagte Cooper eine fragmentarische Live-Premiere von ‘Going Home’ – ein spätes Echo eines lange übersehenen Album-Tracks.
Kommerzieller Erfolg trotz persönlicher Krise
Trotz aller Kritik war GOES TO HELL ein kommerzieller Erfolg. Gold in den USA, Platin in Kanada, starke Platzierungen in Australien und solide Werte in Europa zeigen, wie sehr der Name Alice Cooper Mitte der Siebziger noch trug. Doch rückblickend markiert das Album einen Wendepunkt. Nach GOES TO HELL begann Coopers Karriere zu bröckeln, Trends verschoben sich, sein Alkoholproblem eskalierte, und die einst schockierende Bühnenfigur verlor an Schärfe. Der folgende Klinikaufenthalt und das introspektive Folgewerk FROM THE INSIDE (1978) sind direkte Konsequenzen dieser Phase.
Fazit
ALICE COOPER GOES TO HELL ist ein widersprüchliches Dokument seiner Zeit. Überladen, theatralisch, manchmal peinlich, manchmal entwaffnend ehrlich. Es zeigt einen Künstler, der versucht, seinen Absturz in eine Geschichte zu verwandeln, bevor er ihn überhaupt ganz verstanden hat. Die Hölle, von der Cooper hier singt, ist weniger ein Ort als ein Zustand. Das Album zeigt den Klang eines Mannes, der taumelt, aber weiterspielt, weil er gar nicht anders kann.
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