Als Opeth im März 1996 erneut das Unisound‑Studio in Finspång betraten, war die Band längst weiter, als ihr Debüt vermuten ließ. Die Verzögerung des Debütwerks ORCHID (1995) hatte dazu geführt, dass ein Großteil vom Nachfolger MORNINGRISE bereits fertig war, bevor überhaupt jemand wusste, wer diese Schweden waren. Frontmann Mikael Åkerfeldt erinnerte sich später daran, wie frisch sich das Material anfühlte, obwohl einige Ideen bis 1991 zurückreichten. Die Band hatte ihren Stil gefunden – diese Mischung aus harschen Black‑ und Death Metal‑Vokalattacken, verschlungenen Gitarrenharmonien und akustischen, leuchtenden Inseln in diesem düsteren Wald.
Im Morningrise Session Diary, welches früher auf der Band-eigenen Website zu finden war, stammt diese frühe Selbstverortung, die den Kern dieser Phase trifft: „Wir fühlten wirklich, dass wir eine originelle Art des Spielens gefunden hatten. Es gab damals fast keine andere Band, die so viele Harmonien benutzte wie wir.“ Schon während der Probenphase nahmen Stücke wie ‘Forest Of October’ oder ‘Black Rose Immortal’ Gestalt an – Letzteres sollte später mit über zwanzig Minuten zur längsten Opeth‑Komposition überhaupt werden.
Eine Band im Übergang
Die Aufnahmen zu MORNINGRISE waren alles andere als glamourös. Åkerfeldt nannte sie rückblickend „ziemlich langweilig“, geplagt von endlosen Schlagzeugaufnahmen und Metronommonotonie. Die Band verbrachte einen Großteil der Zeit rauchend im Studio, während Dan Swanö den Klang formte. In den Pausen entstand sogar ein Gitarren‑ und Pianoduett, das als Instrumental geplant war, aber nie fertig wurde.
Opeth wohnten während der Sessions bei der Familie von Peter Lindgrens Freundin – ein Detail, das die Bodenständigkeit dieser Phase unterstreicht. Gleichzeitig war MORNINGRISE das letzte Album mit Johan De Farfalla und Anders Nordin. Die Spannungen, die sich während der folgenden Tourneen aufbauten, sollten die Band kurz darauf fast zerreißen.
Tourneen, Triumphe und der erste große Knall
Noch vor der Veröffentlichung spielten Opeth Shows mit Morbid Angel und The Blood Divine in Großbritannien. Danach folgte die erste große Europatournee: 26 Termine mit Cradle Of Filth, von Skandinavien bis Spanien und Italien. Aus dem Session Diary stammt Åkerfeldts unverblümte Erinnerung an die Intensität dieser Reise: „Es war verdammt großartig, um ehrlich zu sein! Der Empfang in Rom war völlig abgefahren!“
Doch hinter den Kulissen begann es zu brodeln. Nach der Tournee entließen Åkerfeldt und Lindgren Bassist De Farfalla aus persönlichen Gründen. Als Åkerfeldt den in Brasilien urlaubenden Anders Nordin informierte, kündigte dieser kurzerhand und blieb einfach dort. In der alten Opeth‑Biografie heißt es über diesen Moment: „Es gab tatsächlich eine kurze Zeit, in der Opeth nicht mehr existierten.“
Opeths Klang neu definiert
Musikalisch war MORNINGRISE ein Wendepunkt. Die Songs waren länger, ausufernder, fast filmischer. Die Gitarren verschränkten sich in unzähligen Harmonien, die akustischen Passagen wirkten wie Atemzüge zwischen den harschen Ausbrüchen. Die Atmosphäre war dunkel, melancholisch, durchzogen von jazzigen und folkigen Schattierungen.
‘Black Rose Immortal’ wurde zum Monument: ein zwanzigminütiges Labyrinth aus Riffs und Brüchen. ‘To Bid You Farewell’ wiederum zeigte eine andere Seite: ausschließlich Klargesang, ein damals unerhörter Schritt.
Der Bruch, der alles öffnete
Der Erfolg von MORNINGRISE brachte nicht nur Anerkennung, sondern auch Erschöpfung. Åkerfeldt wurde der Stil der frühen Jahre bald zu eng, vor allem wegen der vielen Nachahmer. Er fand Teile des Albums später „unhörbar“ und fühlte sich dazu gezwungen, Opeths Klang für das Drittwerk MY ARMS, YOUR HEARSE (1998) radikal zu verändern.
Doch bevor dieser Neuanfang möglich wurde, musste sich die Band neu erfinden. Die Anzeige nach neuen Musikern brachte Martin Lopez und Martín Méndez ins Spiel – zwei Fans, die die Aushänge aus dem Musikladen entfernten, damit niemand sonst sich bewerben konnte. Lopez’ erste Aufnahme war das Iron Maiden‑Cover ‘Remember Tomorrow’, während Åkerfeldt für MY ARMS, YOUR HEARSE den Bass selbst einspielte, weil Méndez noch nicht eingearbeitet war.
Das Vermächtnis von MORNINGRISE
MORNINGRISE ist das Album, das Opeth in der Szene verankerte – nicht als Kopie irgendeiner Tradition, sondern als Band mit einer eigenen Sprache. Es ist ein Werk voller Übergänge: zwischen Besetzungen, zwischen Stilen, zwischen jugendlicher Vision und erwachender künstlerischer Selbstkritik. Die Kritiker lobten die Komplexität, die Melodien, die Atmosphäre. Manche fanden die akustischen Passagen zu zahlreich, andere sahen darin gerade die Stärke.
Was bleibt, ist ein Album, das wie ein Tor wirkt: zurück in die frühen Neunziger, als Åkerfeldt und Lindgren im Proberaum Harmonien stapelten, und nach vorn in eine Zukunft, in der sich Opeth immer wieder neu erfinden sollten.
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