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Auf Tour mit Der Weg Einer Freiheit: Part I

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METAL HAMMER hat sich einen Platz im Der Weg Einer Freiheit-Bus ergattert und berichtet hautnah aus so illustren Zwischenhalten wie Rotterdam, Marseille, Barcelona und Paris.

Nach dem bahnbrechenden, im Eigenvertrieb veröffentlichten Debüt DER WEG EINER FREIHEIT (2009) hat ein Gros der deutschen Black Metal-Zunft die Würzburger bereits mit großen Augen auf dem Schirm. Das rohe Stück Leidenschaft schrie nach mehr. Viel mehr. Ein Grundstein für eine ganze Geschichte war gesetzt.

Mit dem mehr melodisch post-metaligen, dafür noch ausgesprochen rohen UNSTILLE sollte die endgültige Stilfindung mit STELLAR folgen. Spätestens jetzt haben die zu vier Jungs herangewachsene Formation Headliner-Touren durch Europa gebucht. Nach erneutem Line-up-Wechsel ist schließlich der Ausbau zur übergroßen Reife im Kasten: FINISTERRE landet auf Platz 82 der Charts.

Black Metal in den Top 100, hallo. Dass diese Anerkennung kräftig gefeiert werden muss, liegt auf der Hand. Also ab auf eine 23 Show starke Tour mit dem französischen Sludge-Doom-Gewitter von Regarde Les Hommes Tomber durch ganz Europa. METAL HAMMER hat sich eine Koje gesichert und berichtet mit Bild und Text.

Würzburg

Startschuss in der Heimat Würzburg. Einen Tag vor Tourneebeginn steht die Preproduction auf dem Plan. Bei SG Records in der Posthalle gehen Der Weg Einer Freiheit alle technischen Feinheiten im Mix und der Lichtshow durch. Dunkler Saal, helles Strobo und glasklarer Sound – beste Bedingungen, um Perlen wie ‚Lichtmensch‘ zu zünden.

Als aber der Opener ‚Aufbruch‘ vom brandneuen FINISTERRE ausbricht und Nikita aus voller Kehle den dramaturgischen Höhepunkt singt, wackelt der Raum vor Gänsehaut. Selbst ihr ehemaliger Gitarrist Sascha Rissling – der jetzt als Stagemanager und Backliner für den reibungslosen Ablauf der ersten Shows sorgt – kann nur ein glückliches Glucksen abgeben. Was sich hier schon anbahnt: Das Kartenspiel Schnauz, das die gesamte Tour tagtäglich begleiten wird.

Münster

Die erste Show der FINISTERRE-Tour wird im gemütlichen Gleis 22 gezündet. Nach einer überragenden Auswahl der köstlichsten Feinheiten wird angepackt. Schon jetzt klar: Trotz dem Sprung ins kalte Wasser und etwas Chaos läuft alles unglaublich entspannt. Jeder packt an, wo es geht und keinen Moment gibt es Zweifel an der Produktion.

Regarde Les Hommes Tomber (RLHT) prügeln ein doomiges Black Metal/Sludge-Gewitter in den düsteren Klub, bevor Der Weg Einer Freiheit auf den Punkt eingespielt ein atemberaubend inszeniertes Set vorstellen. Bei zwei Neuzugängen war das nicht unbedingt klar, aber Bassist Nico Ziska und Gitarrist Nicolas Rausch erweisen sich als extreme Glücksgriffe.

Hamburg

Zweite Show für Der Weg Einer Freiheit bei den vom Wacken Open Air ausgerichteten Hamburg Metal Dayz. Ausverkaufter Abend. Band und Crew werden behandelt wie Könige. Vor Sodom sind sie Co-Headliner, RLHT spielen aber nicht heute. Dafür wissen sie sich ordentlich an den alkoholischen Geschenken des VIP-Daseins zu bedienen.

Nach einer audiovisuellen Gehirnzermarterung von DWEF stolpern die Franzosen aus der Markthalle und brüllen: „Wir lieben Deutschland!“ Stagedives im Tourbus zu Hardcore Punk von Trapped Under Ice verheißen jetzt schon: Diese Tour wird ein Fest.

Köln

Hier lauert die stärkste Schar von Black Metal-Fantasten. Ein volles Haus empfängt die Band in einer betonfarbenen Halle. Sogar METAL HAMMER-Kollege Gunnar Sauermann nickt sich in Hypnose und holt bei ‚Aufbruch‘ sogar die vertikal gehackte Handkante raus. Schön anzuschauen. Mit endlosem Kichern im Tourbus geht’s Richtung Niederlande.

Rotterdam

Knüppeltier Tobias Schuler und Ziska weihen die Crew in ihren Jogging-Zyklus ein, nachdem sie schon in Münster unterwegs waren. Bei bestem Wetter wird durch sonnige Parks gelaufen und überraschend festgestellt: Tour kann auch gesund sein. Im Kultklub Baroeg findet entspannt am Nachmittag ein Black Metal-Matinee statt.

Dass sich hier viele Unerschrockene finden werden, wird selbst intern vorab nicht ganz geglaubt. Tatsächlich strömen dann aber die Feierwütigen nur so rein und wollen gar nicht mehr gehen. Auch als die Bar endlich schließen will, bleiben genug, um den frisch geputzten Boden wieder mit klebrigem Bier zu besudeln. Nachts geht’s dank Risslings Tipp an den Hafen. Bunt beleuchtete Kräne und Leuchtturmkinos faszinieren. Lange Nacht mit vielen Eindrücken, im Taumel geht’s in die wackelnde Koje.

Nimwegen

Unter einem gewaltigen Brückenkonstrukt macht der Bus Halt. So ganz greifbar ist die förmlich schmeckbare Meeresluft und der Ausblick auf wunderschönste, nahezu unberührte niederländische Landschaften nicht. Zumindest so kurz nach dem Erwachen. Nach einer spontanen Fotosession geht es in das heimelige Innenstädtchen, das mit liebevoller Architektur begeistert.

Dann wartet schon der Soundcheck und eine frühe Show. Manche Gesichter sind noch vom Vorabend bekannt, andere kommen extra aus Belgien. Gemütlicher Montagabend mit erstaunlich solidem Publikum. Leider viel zu früh vorbei. Es geht weiter nach Luxemburg.

Esch-Sur-Alzette

Die Kulturfabrik ist eine riesige Veranstaltungshalle in einem ehemaligen Schweine-Schlachthof. Was im ersten Moment die Stimmung drücken könnte, wird sofort wieder ausgeblendet. Jedes Crew-Mitglied, alles ist einfach hyperprofessionell hier. Der große Saal ist mit bester Ton- und starker Lichttechnik ausgestattet, die Luxemburger sind allesamt so nett wie es nur in Kinderfilmen vorkommt. Es wird sogar Dinner mit Rotwein serviert.

Die Franzosen von Regarde fühlen sich an der langen Tafel wie auf Wolke Sieben und schwadronieren sofort in ausschweifender Manier über Gott und die Welt. Nach unfassbar berührenden Shows in voller Gewalt darf zum ersten Mal etwas länger im Klub gesessen werden. Neben Schnauz findet jetzt das Kartenspiel Schafkopf einen Platz in den Herzen von Der Weg. Ausatmen und das erste Mal die Wäsche einsammeln, die nachmittags den Weg in den Trockner gefunden hat. Super entspannt geht es raus zum Tourbus.

Ein Mitarbeiter schwärmt noch beim Spaziergang in die Nacht: „Wer weiß, wie viel Tod diese Hallen schon gesehen haben müssen. Aber wir versuchen, das alles wieder mit Leben zu überschatten.“ Das ist mehr als geglückt, zumindest für heute Nacht.

Wiesbaden

Wieder zeigt sich: Der Weg Einer Freiheit haben sich einen amtlichen Namen gemacht. Hunderte Fans füllen jeden Abend mittelgroße Säle und kaufen kräftig am prächtig gefüllten Merch-Stand ein. Nach dem Black Metal-Support Der Rote Milan endet der Abend in einem Strudel aus rotem Strobolicht und hypnotisierten Hessen. Nach verführerisch süßen Weihrauch-Wolken von Regarde Les Hommes Tomber und endlosen Augen-zu-Momenten von DWEF geht es raus in eine der letzten warmen Sommernächte.

Genderfreie Toiletten bleiben im Gedächtnis genau wie das schöne alternative Zentrum an sich mit Skatepark vor der Tür. Was nur etwas verwirrend ist: Ein neuer Bus steht vor der Tür, der Motorkühlsystem des alten war defekt. Also alles umladen und zum Glück der Travel Party gibt es ein luxuriöses Model mit fetten Lounges und mehr Beinfreiheit in den Kojen. Große Lachanfälle beim ersten Einsteigen in das Prachtstück. Die Party nachts auf dem Parkplatz gibt der erhobenen Stimmung recht.

Fuck You And Die-Sänger Roman Hilser begleitet die philosophischen Gespräche mit Jackie Coke und Weißwein. Oranges Licht scheint auf den Vorplatz am Bus, besinnliches Beisammensein von alten Freunden.

Stuttgart

Heimspiel für Der Weg Einer Freiheit. Hier im Raum haben die Würzburger eine enorme Kraft an Freunden mitgebracht. Auch die Kumpels von A Secret Revealed sind mit dabei und legen mit schniekem Post Metal vor. Ein sehr intensives und intimes Set von Der Weg Einer Freiheit geht viel zu schnell vorbei. Schon steht der Bus an der Straße über dem Universum-Klub und bittet zur Weiterfahrt. Nächster Halt: Marseille, 1.000 Kilometer, 13 Stunden Busfahrt.

Marseille

Etwas benommen aufgewacht schaut man in sonnigstes Urlaubswetter Südfrankreichs. Komplett verschiedene Begrünungen und sandfarbene Architektur begrüßen die vom kalten Beton Stuttgarts Zermürbten. Unfassbares Gefühl, einen Morgen später mit Schlappen und Badehose in 27°C zu steigen. Jogging durch tropisches Klima und Liegestützsport erwecken Körper und Seele. Die Stimmung ist überragend. In bestem Wetter wird noch an den Feinheiten der Zugaben vom Set gefeilt.

Herzlichste Tortillas und eine übergroße Bühne erfüllen alle Geister hier. Da dies die Heimat von DWEFs Label Season Of Mist ist, gibt es die erste Nachbestellung an Merchandise, CDs und LPs von FINISTERRE. Zu viel ist schon ausverkauft. Höhepunkt: Warmen Nachtluft und Abfahrt erst um 3 Uhr. Kehrtwende, als dann Regarde-Gitarrist Antoine ganz vorsichtig vor der Bustür fragt: „Do you like … Scooter?“ Boom. Die Bombe ist gezündet. Ab jetzt gibt es keine Nacht ohne die deutsche „Always Hardcore“-Formation, indischen Raves und allerlei Partymucke.

Barcelona

Wtf. Gerade noch in der Sonne Südfrankreichs, jetzt am Marbella Beach von Barcelona City stranden. Besser kann es gar nicht werden. Und es bleiben den Bands ein paar Stunden, durch die Stadt und am Strand entlang zu streifen. Nach üppigem Tapas-Menü geht es zurück zum kolossalen Klub. Im Razzmatazz finden gefühlt 17 Events gleichzeitig statt. Ein falscher Schritt und man landet im Regenschirm wedelnden Folk Metal oder im Techno ein Stockwerk tiefer.

Was sofort klar wird: Spanierinnen sind ein ganz anderes Kaliber. Körpernaher Tanz zu epischem Black Metal sind nicht so verkehrt. Nach der Show und reichlich Pizza muss der Bus LEIDER fünf Stunden am Strand parken. Beste Nacht mit luftwarmem Salzwasser, das Körper trägt und treiben lässt. Eine Ehrfurcht erregende Wolkendecke verharrt über sinnlichen Black Metal-Gesprächen. Zu schön, to be true.

Madrid

Keine Zeit für die schöne Hauptstadt, nur für eine Runde Schnauz in einem übertrieben billigen Straßencafé. Dann wird wieder klar: In Spanien ticken die Uhren definitiv anders. Wer sich hier nicht super geduldig mit den Gegebenheiten arrangiert, kann schnell aus dem Gleichgewicht kommen.

Den Busstellplatz zuparkende Autos, träge Polizei und eine Crew, die Soundcheck-Zeiten nicht auf dem Schirm hat, legen ein paar Findlinge in den Weg. Vertröstet wird der Tourtross in der halbschiefen Halle dafür mit vegetarischer Kichererbsen-Paella. Ein Traum. In letzter Sekunde und mit spontan verschobenem Einlass geht dann doch alles über die Bühne. Schönste Sache an spanischen Black Metal-Fans mal wieder: Wie sie im Hüftschwung tanzend zu heftigsten Parts von ‚Skepsis Part II‘ träumen.

Nantes

Nach 15 Stunden Fahrt landet die Tour in der Heimat von Regarde Les Hommes Tomber: Nantes. Klar ist das Le Ferrailleur ausverkauft und die fünf Buben strahlen über alle Maßen. Freundinnen und alle Kumpels schauen vorbei. So ganz bei Sinnen sind Der Weg Einer Freiheit dafür nicht: Alle Wände wackeln, schwindelig irren sie durch die wunderschöne Location.

Nach so vielen Stunden auf der Autobahn fühlt sich die ganze Welt verschoben an. Größter WTF-Moment, als nach einem Aufbau hinter zugezogenem Vorhang plötzlich der vollgepackte Saal direkt bis zur Bühnenkante steht. Eine der sinnlichsten und sickesten Shows dieser Tour.

Und zum ersten Mal gibt es in der Zugabe den Band-Liebling ‚Ruhe‘ in voller Pracht zu fühlen. Ab jetzt nicht mehr ohne. Im nebligen Nieselregen wird direkt an der Loire eingeladen und ordentlich im Bus gefeiert. Letzte Erkenntnis des Abends: Halbe Tour ist rum. Oder mehr. Schwer zu sagen, der Tourpass verschwimmt vor dem Auge.

Auf Tour mit Der Weg Einer Freiheit: Part II

 

Vincent Grundke
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