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Auf Tour mit Der Weg Einer Freiheit: Part II

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Lest hier den zweiten Teil unseres intimen Tour-Berichts, auf dem Der Weg Einer Freiheit von Frankreich über Ungarn und die Schweiz letztendlich in Deutschland landen.

Paris

Aus dem Bus aufs Boot. Dass der Klub Le Petit Bain heute auf einem Kutter mitten auf der Seine parkt, wird wohlwollend abgenickt. Heute erwartet die Bande die größte Show der Rutsche: Über 400 Leute, ausverkauft. Und ein Stündchen bleibt auch noch nach dem Soundcheck, um zur Notre Dame-Kathedrale zu spurten. Riesen Abend für beide Bands, der mächtig am Ufer begossen wird. Und alles tanzt zu Scooter und The Prodigy, traumhaft.

Straßburg

Etwas benommen verirren sich manche in den Hallen der La Laiterie. Als der Backstage endlich gefunden ist, wartet nicht nur guter Kaffee und Waschmaschinen samt Trockner auf die Jungs: Auch vegane Pizza und ein monströs delikates Dinner wird serviert. Beste Stimmung, um ein volles Haus andächtiger Franzosen zu bedienen.

Gesamtstimmung wie in ganz Frankreich: phänomenal andächtig und mitfiebernd. Etwas hektisch werden in letzter Minute die noch halbnassen Klamotten aus dem Trockner manövriert, aber immer noch besser als die Suppe der letzten Tage dran kleben zu haben. Nach einem nächtlichen Dönerbesuch geht es auf zum letzten FINISTERRE-Konzert in Frankreich.

Lyon

Nachdem Tobi seine Flirt- äh… Flötkünste vor der Halle unter Beweis gestellt hat, geht es eine Runde durch Lyons Plattenbauten joggen. Und irgendwo hier muss eine Post sein, die Postkarten sind längst verfasst und warten auf die Familie und Freunde daheim. Nach erfolgreicher Meldung, dass alle noch am Leben sind, wird neben Boule spielenden Rentnern dem Schafkopf gefrönt. Ein warmer Sommertag mündet in eine der besten, wenn nicht die beste Show der Tour.

Eine Stadthalle füllt sich mit übertrieben feierwütigen Franzosen, die jede Sekunde sinnlich spüren. Sogar Benighted-Sänger Julien Truchan kommt vorbei und besucht Der Weg. Übertrieben glückliche Gesichter stolpern aus dem Saal und wollen gar nicht mehr gehen, kleben am Merch-Stand fest.

Zürich

Der Loadout gestaltet sich heute schwieriger. Da das Werk 21 direkt am Fluss liegt und die andere Seite eine prächtig gefüllte Straße darstellt, darf der Bus nur kurz halten. Nach fixer Ausladerei über Aufzüge und verwirrende Treppenlabyrinthe ist all die Technik im Keller. Fast ausverkauft, heißt die freundliche Begrüßung der Ansässigen. Nach dem Eintrudeln der ersten Gäste wird klar: das war’s, hier kommt keiner mehr rein.

Ein knüppeldicke volles Werk 21 genießt in Hypnose Black Metal. Einziger Wermutstropfen: das ausgeklügelte Lichtkonzept fährt heute nicht mal auf Halbmast. Dafür bleibt nach den Shows Zeit, freizudrehen. Regarde Les Hommes Tomber-Sänger Thomas Terreur feiert in seinen Geburtstag rein und wird von Lichtmann Tilo mit einer Runde Pfeffi an der Bar überrascht.

Keine Zeit zum Denken, schon dringt Omar Suleyman mit ‘Warni Warni’ durch die Boxen – die Tourhymne! Boom, ab jetzt ist Druckbetankung und eingehakter indischer Tanz angesagt. Eine Breakdance-Einlage von DWEFs Nico Rausch mischt sich auch noch unter. Dass über dem Klub eine Erasmus-Party mit billigstem Techno abgeht, ist ein gefundenes Fressen.

Nach der Aftershow-Pizza geht es für eine halbe Stunde Ekstase in das wilde Treiben paarungswilliger Frühreifer. Wenn uns nicht alles täuscht, war neben einer von Nico eingeschleusten gigantischen Ingwerknolle auch ein Stagedive auszumachen.

München

Etwas müde und benommen bleiben die Bands heute im wohlwollend großen Backstage kleben und zocken Karten. Nikita nimmt sich wieder Zeit, mit Regarde Les Hommes Tomber ein Cover von Dissection einzustudieren. Regarde-Sänger Thomas und Nikita tragen beide auf der Bühne ein Shirt ihrer Helden, da war der Schritt zum gemeinschaftlichen Death Metal-Frönen nicht weit entfernt.

Am letzten Tourtag in Berlin soll der Spaß stattfinden, die Proben laufen gut. Nach den Shows warten heute sogar Autogrammsammler geduldig, bis die Jungs vom Abbau kommen. Ausgelassener Abend mit einem erstmals über Nacht stehenden Bus. Ruhiger Schlaf nach der Eskalation in der Schweiz ist mehr als willkommen.

Salzburg

Graues Wetter und Nieselregen und tagelange Schlepperei lasten schwer auf den Musikern. Eine Runde Laufen durch das schöne Salzburg hebt das Grundgefühl. Ein gemütlicher Gig folgt in kleinerem Rahmen. Mit ‘Mario Kart’ in der Backlounge geht es auf nach Ungarn!

Budapest

Day Off. Der einzige. Erst mal beim nächstbesten Supermarkt Frühstück kaufen und auf dem Betonboden naschen. Regarde-Bassist Antoine steigt aus und guckt argwöhnisch: “Das sieht ja aus wie jedes Catering auf der Tour.” Auf geht’s zu Aquaworld, einem Spaßbad am Rand von Budapest. Bei einer satten halbe Stunde Taxifahrt ist auch Sightseeing inbegriffen inklusive mysteriöser Busse, die im Fluss schwimmen. Im Schwimmbad angekommen klappen die Kinnladen beim Anblick der Trichterrutsche tief gen Boden.

Ernüchterung, als das Ding kein Wasser hat! Zwei Stunden später ist sie zum Glück offen, also ist nach all den Reifenrutschen, Saunen, Whirlpools und Mojitos so ziemlich alles bedient worden. Satte, dringend benötigte Erholung nach tagelangem Equipment-hin-und-her-tragen. Ein kurzer Besuch in der Innenstadt wird mit typisch ungarischem Essen gekrönt. Der Ober: “Seid ihr nicht die Band aus Deutschland?” Die Freundschaft war schnell geschossen und der edle Herr wurde direkt zur Show am nächsten Tag geladen.

Im Dürer Kert kennt man sich, Der Weg Einer Freiheit waren schon zwei Mal zu Gast. Das spukige Gebäude hat mit seinen düsteren Fluren einen ganz eigenen Charme. Nach großartiger Verpflegung von der hier berühmten Catering Queen (ja, sie heißt wirklich so!) geht’s zum beschleunigten Soundcheck. Drummer Tobi und Bassist Nico haben es eilig, sie haben im Vorfeld mit dem weltbekannten Tätowierer Grindesign einen Termin ausgemacht!

Róbert A. Borbás hat sich nämlich als großer Fan der Band herausgestellt und räumt extra ein wenig Zeit in seinen bis 2020 ausgebuchten Kalender ein. In Gedenken an das Kartenspiel Schafkopf tätowiert Rob grandios ausgestaltete Schafsköpfe mit riesigen Hörnern auf die Beiden. Hammer Nachmittag mit inspirierenden Gesprächen über die Musikwelt. Rob kommt auch direkt mit seinen Brüdern zur Show und schüttelt seine Mähne in der ersten Reihe.

Die Aftershow-Party am Bus eskaliert mit französischem Schlager, bis etwas zerstreute Gestalten aus dem anliegenden Park auftauchen und Crew-Mitglied Oliver Sonntag (von der Band Staatspunkrott) die Jacke entwenden. Uncool. Nach einer Nachtwanderung ist das meiste wieder sichergestellt, der Trip bleibt aber tief hängen.

Wien

Begrüßung von einer Sinnesüberladung: Das Gelände um und in der Arena Wien ist von zahlreichen Graffiti-Künstlern wie Nychos gestaltet. Viel zu entdecken, der Kopf brummt aber noch. Zeit, joggen zu gehen. Mit der letzten Sommersonne geht es in einen entspannten Abend mit dickem Sound und gut gelaunten Österreichern. Highlight der Nacht: Schokolierte Banane mit Erdnussbutter und Jack Daniels. Dazu: Slam Death Metal.

Ceské Budojevice

Nach wochenlangem “Magic: The Gathering”-Suchten gucken Regarde nicht schlecht, als sie in den Hinterhof des MC Fabrika-Klubs kommen. Ein sehr beschaulicher Anblick einer Dorfkneipe lässt kurz Seufzen, dann entdecken die Franzosen gegenüber vom Merchstand ein kleines Paradies: ein Verkaufsstand von Magic, ausgerechnet hier! Gleich rangesetzt und losgezockt.

Die sind erst mal außer Gefecht. Der Weg Einer Freiheit versuchen sich derweil an dem sehr pikanten veganen Gulasch, das es Gewürz-technisch mächtig in sich hat. Dosenstechen soll die Stimmung lockern. Dabei wird automatisch auch der Tourbus getauft. Harter einheimischer Schnaps macht den Abend rund und wild. Nach dem Einladen explodiert eine übertriebene Hardcore-Mosh-Party am Trailer mit prächtigsten Highkicks und Circle Pits. Jack Daniels tut sein Übriges.

Wer sich kurz ein Schluck im Bus holen will, sieht Drummer Tobi bedächtig vor der Google-Bildersuche unzähligen Ingwerknollen entgegenblicken. Was macht der da? Egal. Als dann die Abfahrt ruft, ist kein edler Geist hier beruhigt. Da der heute zugestiegene Implore-Sänger Gabriel “Gabbo” Dubko nur ganz zufällig (!) seine Tattoomaschine mit hat, wird nicht lange gefackelt.

Nikita macht den Anfang mit seinem allerersten Tattoo. Und Tobi hat es rausgesucht: Ja, es ist der Ingwer. Während der Bus fährt und Gitarrist Nico live Electro auflegt (!), tätowiert Gabbo einen nach dem anderen. Super sick.

Leipzig

Die heftigste Tournacht muss erstmal sacken. Nicht nur deshalb gestalten Der Weg Einer Freiheit ihren Soundcheck auf dem Boden liegend. Auch, weil das UT Connewitz – ein altes Jugendstil-Theater – mit seiner überwältigenden Bühnenstruktur einen förmlich übermannt. Deadlock-Bassist Chris Simmerl kommt mit dickem Kamera-Equipment vorbei, um von diesem spannenden Ort ein paar Eindrücke für die Ewigkeit festzuhalten.

Nächstes Sahnetörtchen: die Leipziger Veranstalter zaubern ein mega Menü an feinsten veganen Spezialitäten – von Sojasteaks über deftigen Gnocchi-Salat bis zu leckerster Kräuterbutter. So laut hat man die ganze Bande auf der Tour noch nicht lachen hören. Umarmungen an die Köchinnen. Ein voller Saal lässt so ziemlich jeden hier in diesem Raum in einen Rausch verfallen. Von der Ästhetik die schönste Show der Tour, unfassbar schöner Rahmen und super entspannte, alternative Hörerschaft. Danke für alles!

Berlin

Für Lichtmann Tilo und Gitarrist Nico ist das Lido heute Heimat. Wehmütig ladet die gesamte Crew ein letztes Mal alles in den schönsten Klub Berlins. Ein Abschiedsfoto vor dem Bus dient nur als eine Erinnerung von unzähligen Intensivmomenten. Im Backstage bleibt kein Platz für Melancholie. Eins, zwei Ingwer-Tourtattoos werden noch gestochen. Viele Freunde beider Bands lassen sich das Tourfinale nicht entgehen.

Der Jack Daniels und Weißwein verschwindet ziemlich schnell, als die Vorband Bleib Modern mit shoegazigem Post Punk verzaubert. Nahtlos geht es in ein unfassbar bewegendes Regarde Les Hommes Tomber-Set. Hier werden nochmal alle Kräfte mobilisiert und Thomas kotzt mehr aus seiner Stimme als in den Nächten zuvor. Highlight: Das Dissection-Cover ‘The Somberlain ‘ mit Nikita als zweiten Sänger dringt brutal durch den vollen Saal.

Kurz durchatmen und auf zur letzten FINISTERRE-Huldigung auf dieser Tour. Heute ballert das Licht noch ein Zacken schärfer und dynamischer durch reihenweise Meditierender, die kaum ihre Augen aufkriegen. Entweder vor Hypnose oder vor Blendung des Strobolichts. Leider muss zackig die Kurve gekratzt werden, denn ohne Atempause geht eine Balkan Beats-Party im Lido los. Also Aftershow-Party nach draußen verlagert an den Bus. Sofort schallt Suleyman die Straße runter und ein Mob Black Metaller tanzt zu indischem Techno.

Tobi hat das rosa Hasenkostüm von Regarde angezogen und macht den ganzen Aufzug nicht weniger surreal. Ein monströse Wolke legt sich über die Feiernden, ein Nebel des Loslassens und Vergessens. Was genau passierte, wird auch auf etliche Nachfragen nächsten Tag nicht geklärt. Jedenfalls landen Der Weg Einer Freiheit nach einem leichten Unfall mit dem Tourbus noch einige Stunden auf der Straße und schaffen es erst am Sonntagabend zurück nach Würzburg. Langes Warten nach übertriebener Euphorie. Hallo Alltag.

Auf Tour mit Der Weg Einer Freiheit: Part I

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