Als Tobias Sammet Ende der Neunziger längst mit Edguy durch die Decke ging, juckte es ihn weiterhin in den Fingern. Im Frühjahr 1999 tourten Edguy grade mit THEATER OF SALVATION durch die Lande, als Sammet eine Idee kam. Er wollte eine Metal-Oper schreiben, die größer und wilder als alles war, was die Szene damals kannte. Da Größenwahn im Metal traditionell eher belohnt als belächelt wird, wurde aus dem Gedanken ein Mammutprojekt. „Ich werde nostalgisch. Oder alt… Wir haben seitdem viel erreicht, und ich bin glücklich und stolz auf alles, was ich davor und danach gemacht habe“, schrieb er jüngst auf der Avantasia-Facebook-Seite. Man versteht sofort, warum ihn die Sentimentalität packt: THE METAL OPERA PART I ist der Startschuss eines der ambitioniertesten Metal-Projekte der letzten 25 Jahre. Ein Werk, das bis heute nachhallt wie ein Kirchenchor, der plötzlich auf Doppelbass umsteigt.
Ein Debüt, das gleich alles wollte
THE METAL OPERA PART I erschien im Januar 2001 und war das erste Avantasia-Album überhaupt. Komplett von Sammet geschrieben, Musik wie Texte, und mit einem Booklet ausgestattet, das die epische Geschichte der Oper erklärt. Power Metal trifft Symphonic Metal, aber ohne die später so inflationär eingesetzten Zuckerwatte-Orchesterteppiche. Stattdessen: Drama, Pathos, Gitarren, die Funken schlagen, und Stimmen, die vor 25 Jahren schon Legendenstatus hatten.
Allen voran natürlich die Gast-Stars: Michael Kiske als Druide Lugaid Vandroiy, Kai Hansen als zwergiger Sidekick – beide (wieder) Helloween, beide mit jener Strahlkraft, die das Album sofort in eine andere Liga katapultiert. Und, ja, Sharon den Adel taucht ebenfalls auf, als Anna Held, die Stiefschwester des Protagonisten.
Hexen, Ketzer, Kirchenkritik: Die Geschichte
Die Geschichte spielt 1602, mitten in der Hexenverfolgung. Gabriel Laymann, Novize im Dominikanerorden, muss mit ansehen, wie seine eigene Stiefschwester Anna (Sharon den Adel) als Hexe angeklagt wird. Zum ersten Mal beginnt er, die Regeln seines Ordens zu hinterfragen. Der Zweifel treibt ihn in die Bibliothek, in der er ein verbotenes Buch findet. Natürlich kommt prompt sein eigener Mentor dahinter, der ihn in den Kerker werfen lässt. Dort trifft er auf den Druiden Lugaid Vandroiy (Michael Kiske), der ihm von der Paralleldimension Avantasia erzählt. Ein Reich, das kurz davorsteht, im Krieg zwischen Gut und Böse unterzugehen.
Wer Avantasia vor dem Untergang bewahren kann? Natürlich unser Protagonist. Da ihm Vandroiy als Gegenleistung die Rettung seiner Stiefschwester verspricht, reist er nach einem Gefängnisausbruch durch einen magischen Steinkreis in das bedrohte Land. Währenddessen versuchen Geistliche in unserer Welt, das mysteriöse Buch zu entschlüsseln. Es ist der letzte Teil eines Siegels, das demjenigen, der es in den großen Turm in Avantasias Zentrum bringt, absolute Weisheit verleiht. Natürlich will der Papst dieses Upgrade für sich selbst. Sollte er Erfolg haben, würden jedoch beide Welten ins Verderben stürzen, erfährt Gabriel von einem hilfsbereiten Zwerg (Kai Hansen) und einer Elfe. Am Ende schafft er es, das Buch zurückzuerobern und der Stadt der Elfen zu übergeben. Happy End, Metal-Oper-Style.
Kirchenkritik? Klar. Aber das war bei Sammet nicht neu. Schon Edguy-Alben wie THE KINGDOM (1996) und THEATER OF SALVATION (1999) hatten das Thema im Gepäck. THE METAL OPERA trieb es nur auf die Spitze – und verpackte es in eine Fantasy-Geschichte, die bis heute erstaunlich gut funktioniert.
Avantasia: Erfolg mit Ansage
Im METAL HAMMER-Soundcheck 02/2001 landete das Album auf Platz 10, in den deutschen Charts erreichte es Platz 35. 2024 schaffte es THE METAL OPERA PART I sogar auf Platz 497 der 500 besten Metal-Alben aller Zeiten. Nicht schlecht für ein Projekt, das ursprünglich wie ein überambitionierter Tourbus-Tagtraum wirkte. Der Erfolg war so groß, dass schon 2002 THE METAL OPERA PART II folgte, womit Avantasia den Helden ihrer Geschichte eine Fortsetzung schenkten.
Ein Album, das bleibt
Heute, ein Vierteljahrhundert später, hörte Sammet das Album mit Klassikerstatus erneut an und schrieb: „Ich werde […] dabei an die Anfänge denken und daran, wie alles begann. Ich werde nicht versuchen, meine Vergangenheit zu wiederholen, aber ich schätze sie sehr!!“
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