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Grey Daze: „Es war definitiv ein schmaler Grat“

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Es ist ein Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Andenken und Aufbruch, dem Grey Daze sich verschrieben haben. Und den sie auf zwei Alben bereits bestens gemeistert haben. 30 Jahre nach Band-Gründung kommen sie nun erstmals nach Europa. Grey Daze – das ist die Geschichte der Freunde Sean Dowdell und Chester Bennington und ein Teil von Benningtons Vermächtnis, machte er mit Grey Daze doch einen seiner ersten musikalischen Schritte und war es das letzte, woran er vor seinem Tod arbeitete.

Mehr als 20 Jahre nach den letzten Konzerten spielte die Band nun dieses Jahr mit neuem Sänger erstmals live und kommt 2024 nach Europa: hierzulande bei der in Bremerhaven startenden Wildcat Tattoo Cruise mit unter anderem Sick Of It All und Comeback Kid (6.-11. Mai, Tattoo-Convention und Festival zur See). Auch Bennington ist – gewissermaßen – involviert.

METAL HAMMER: Ein bisschen ist auch Chester Bennington bei den Konzerten dabei. Wie groß war und ist der Balance-Akt?

Sean Dowdell: Wir haben uns viele Gedanken gemacht, wollten, dass die Leute nicht nur unsere Musik hören, sondern dass wir auch Chester Tribut zollen. Uns war klar, dass wir sehr, sehr vorsichtig damit sein müssen, wie wir mit ihm in unseren Liveshows umgehen. Wir wollten aber irgendwie sicherstellen, dass die Fans wissen und sehen, dass er an allem beteiligt war, was wir live machen. Er war schließlich nicht nur einer meiner besten Freunde, sondern ein wesentlicher Bestandteil von Grey Daze.

Schmaler Grat

MH: Das kann schnell schiefgehen, wie du selbst andeutest: zu kitschig, aufgesetzt, unpassend.

SD: Es war definitiv ein schmaler Grat. Wichtig war, es auf eine sehr respektvolle Art umzusetzen. Und wir wollten ja außerdem auch, dass unser neuer Sänger Cris mit uns auf die Bühne kommt und immer noch er selbst sein kann; denn das Letzte, was wir sein möchten, ist eine Tribut-Band. Daran sind wir nicht interessiert.

MH: Es zu lassen, also Chester bei den Konzerten doch nicht miteinzubeziehen, war keine Option?

SD: Wir wollten unsere Wurzeln und unser Gründungsmitglied nicht vergessen, er war ja nicht einfach irgendwer für diese Band. Auch durch ihn gab es die Reunion. Er sollte in dem, was wir tun, mit einbezogen sein. Das war uns sehr wichtig. Also haben wir uns etwas einfallen lassen: Cris singt die Songs als Cris, und wir wählen kleine Parts in unserem Live-Set aus, bei denen Chester auftaucht und mit Cris oder der Band Refrains singt. Wir haben zudem kurze Kommentare von Chester zwischen den Songs eingestreut, haben ihn sozusagen mit den Band-Mitgliedern in Kontakt gebracht, während wir auf der Bühne stehen. Und dann gibt es noch einige visuelle Aspekte, wenn wir Videoleinwände nutzen – kurze Sequenzen mit Chester und uns.

Als Bennington mit 15 zum Vorsingen kam

MH: Wie war es also, als ihr das erste Male ohne Chester und auch ohne Gitarrist Bobby Benish, der 2004 an einem Hirntumor starb, auf der Bühne standet? Auch heilsam?

SD: Es war seltsam. Aber gleichzeitig hatten wir ja mit der Band, mit unserem neuen Gitarristen Cristin Davis und Sänger Cris Hodges, schon einige Zeit gearbeitet, deshalb fühlte es sich nicht falsch oder fehl am Platz an. Ich hatte großartige Zeiten mit Chester und Bobby auf der Bühne, ich vermisse sie sehr und werde sie nie vergessen. Aber zu diesem Zeitpunkt in unserem Leben versuchen wir, nach vorne zu blicken und den Fans – und uns selbst – die Chance und die Momente zu geben, die Musik live hören zu können. Wir versuchen, uns nicht zu sehr in Chester zu verstricken. Wir tun unser Bestes, um beiden zu huldigen, gleichzeitig wir selbst zu sein, diese Songs live zu spielen und sie zu feiern.

MH: Seit der Grey Daze-Gründung ist viel Zeit vergangen. Du bist zweimal Vater geworden, hast ein erfolgreiches Unternehmen aufgebaut – und zwei gute Freunde und Band-Mitglieder verloren. Was hast du dir von damals bewahren können?

SD: Die Energie und Begeisterung für jeden der Songs. Ich fühle mich immer noch emotional verbunden, wenn ich sie live spiele, ob es nun die alte oder die neue Version ist oder ob ich einfach nur die Texte lese, die ich mit Chester schreiben durfte. Die Lieder haben für mich eine große Bedeutung und emotionale Wucht. Für mich ist es leicht, mich auf der Bühne in den Songs zu verlieren und einfach in diese Angst, diese Aufregung und diese Energie einzutauchen. Das war auch so, als ich ein Teenager war.

MH: Damals, als Teenager, kam es zur ersten Begegnung mit Chester, als du einen Sänger für die Vorgänger-Band suchtest. Wie war das, was dachtest du über seinen Gesang?

SD: Es war unsere erste Band, aus der dann Sean Dowdell And His Friends hervorgingen. Als Chester zu uns kam, sang er beim Vorsingen einen Coversong von Pearl Jam. Er war gerade 15 Jahre alt. Man merkte sofort, dass er Talent hatte, aber gleichzeitig war es nicht so, dass ich ein erfahrener Musiker war und das richtig beurteilen konnte. Zu diesem Zeitpunkt war es noch sehr neu für mich, Schlagzeug zu spielen. Aber es war unübersehbar, wie viel Mut in Chester steckte und dass er eine tolle Persönlichkeit hat.

Wir wollten ihn sofort in der Band. Seine größte Sorge war, seinen Vater um Erlaubnis zu fragen. Also fuhr ich ihn nach dem Vorsingen nach Hause, ich erinnere mich noch sehr gut. Denn als ich seinen Vater traf, wusste ich nicht, dass er Polizeibeamter war. Er zog sich gerade seine Uniform für die Nachtschicht an – und das war ziemlich einschüchternd für mich als 17-jährigen Teenager. Ich bat ihn dann um Erlaubnis, dass Chester zu unserer Band gehören dürfe. Der Rest ist Geschichte.

Über das Vermächtnis des Chester Bennington

MH: Was ist sein Vermächtnis? Gar nicht mal als Musiker, aber als Mensch.

SD: Er war wahrscheinlich einer der nettesten, wenn nicht sogar der netteste Mensch, den ich jemals getroffen habe. Chester und mein anderer bester Freund Henry. Sie sind beide sehr mitfühlende Menschen. Chester hatte ein enormes Herz, er konnte mit jedem über jedes Thema reden und war wirklich an dem interessiert, was jemand zu sagen hatte. Es spielte dabei keine Rolle, ob man Jay-Z oder der Hausmeister war, er behandelte die Menschen immer gleich. Er hatte einfach das größte Herz. Das ist es, was sein Vermächtnis in meinen Augen als Mensch ausmacht. Er war außerdem ein großartiger Vater und großartiger Freund. Einfach ein aufrichtig netter und großzügiger Mensch.

MH: Und für diejenigen, die ihn nicht persönlich kennen?

SD: Für diejenigen ist sein Vermächtnis ganz sicher die emotionale Verbindung, die sie durch seine Musik mit ihm haben. Er konnte vielen Menschen vermitteln, dass sie mit den emotionalen Turbulenzen und Dramen, die sie als Kind oder auch Erwachsener durchgemacht haben, nicht allein sind; sei es sexueller Missbrauch, körperliche Misshandlung, Mobbing oder andere negative Erfahrungen. Selbst wenn man nicht das gleiche erlebt hatte, konnte man die Emotionen spüren, die er durch die Art und Weise, wie er sang und durch seine Texte vermittelte. Diese beiden Dinge zusammen brachten die Leute zum Nachdenken und gaben ihnen das Gefühl, Chester als Menschen zu kennen, auch wenn sie ihn nie getroffen hatten. Nach seinem Tod wurde mir erst so richtig klar, was er so vielen eigentlich fremden Menschen bedeutete. Das ist sehr beeindruckend.

MH: War dieses Vermächtnis auch einer der Gründe dafür, dass du nach einigen Monaten beschlossen hast, die Platte zu Ende zu bringen?

SD: Viele Leute wissen gar nicht, dass dies das letzte Projekt ist, an dem Chester gearbeitet hat. Wir waren damals gerade mitten in der Arbeit an einer neuen Platte, als Chester starb. Ich wusste, dass ich die Musik irgendwann zu Ende bringen wollte, die Frage war nur, wie. Als wir damit anfingen, wollten wir sie nur für uns selbst zu einem Abschluss bringen – es hat sich dann irgendwie zu etwas Größerem entwickelt. Aber die ursprüngliche Absicht war, die Musik zu beenden, weil es das Letzte war, woran wir gemeinsam gearbeitet hatten, bevor er starb. Nichts anderes war die Absicht.

„Das letzte, was ich möchte, ist, diese Sache zu Geld zu machen“

MH: Das klingt, als hattest du es auch mit Skepsis und Vorwürfen zu tun. Wer eure lange Freundschaft, aber auch deinen beruflichen Erfolg nicht kennt – du hast es finanziell nicht nötig –, könnte denken…

SD: Ich weiß, was du sagen willst. Und, ja, manchmal hört man Kommentare wie: ‚Ihr versucht doch nur, mit seinem Namen reich und berühmt zu werden.‘ Das ist lächerlich, weil es in der Rock-Musik kein Geld mehr gibt. Es geht um die Liebe zur Musik und um das, was wir zusammen hatten. Für mich ist das ein Projekt aus Leidenschaft, und ich habe weit mehr Geld dafür ausgegeben, als ich jemals damit verdienen werde. Und das letzte, was ich tun möchte, ist, diese Sache zu Geld zu machen. Aber ich bin stolz auf die Musik und verbinde mich emotional mit ihr – und hoffentlich tun das die Fans auch.

MH: Wie groß war der Druck, der während der Arbeit am ersten neuen Album auf deinen Schultern lastete?

SD: Wenn ich zurückblicke, habe ich wahrscheinlich eine Menge Druck verspürt, um sicherzustellen, dass wir allem und allen gerecht wird. Vor allem, als wir uns für eine Plattenfirma entschieden und das Album herausbrachten. Der Druck war definitiv dahingehend da, dass die Musik dem Standard entspricht, den die Leute in ihren Köpfen und Herzen hatten bei dem, was sie von Chester erwarteten. Aber gleichzeitig wusste ich auch, dass die Musik gut war und hatte nicht das Gefühl, es den Linkin Park-Fans Recht machen zu müssen. Es musste ihnen nicht gefallen, denn diese Band ist nicht Linkin Park. Ich bin sehr stolz auf das, was Chester mit Linkin Park erreicht hat, und ich bin stolz auf diese Jungs für das, was sie geschafft haben. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass dies ein Konkurrenzprodukt ist oder mit Linkin Park verglichen werden sollte.

„Die Arbeit mit seinen Töchtern war etwas Besonderes für mich“

MH: Die Grey Daze-Alben wurden zu einer Art Familienangelegenheit. Deine beiden Söhne, Mitte 20, waren beteiligt, spielen bei zwei Songs Schlagzeug.

SD: Und sie sind unglaublich gute Schlagzeuger, beide besser als ich, und es macht Spaß, ihnen zuzusehen. Sie haben viel von Grey Daze mitbekommen, als sie aufwuchsen.

MH: Auch einer von Benningtons Söhnen war an der ersten Platte beteiligt, seine Zwillingstöchter an der zweiten. Wie kam das?

SD: Es war genau so gewollt. Nach Chesters Tod waren viele Leute am Boden zerstört. Ich hatte deshalb den Gedanken, möglichst viele Menschen, die Chester nahestanden, einzubeziehen. Familienmitglieder, Freunde, auch seine Kinder. Bei unserem ersten Album haben wir mit seinem Sohn Jamie gearbeitet, und es war eine gute Zeit! Seine beiden Töchter waren auf dem zweiten Album dabei.

MH: Die Zwillinge waren fünf Jahre alt, als Bennington starb.

SD: Die Arbeit mit ihnen war etwas Besonderes für mich. Wir schrieben diese kleine Art von Kinderlied, diesen Teil um Chesters Stimmen herum, und ließen sie den Refrain aufnehmen. Mir kamen die Tränen, als ich sie das erste Mal mit ihrem Vater den Refrain singen hörte. Er hatte seine Kinder schon früher mit im Studio, hatte aber nie die Gelegenheit, einen Song mit ihnen zu singen und aufzunehmen. Ich glaube, das wäre etwas, was er gerne gemacht hätte.

Die Zukunft von Grey Daze hat begonnen – Dies ist nicht das Ende

MH: Gibt es ohne ihn und mit Cris eine Zukunft für die Band?

SD: Ich denke schon. In den ersten paar Jahren nach Chesters Tod sah ich keinen Weg für eine Zukunft. Aber jetzt, da Cris in der Band ist, sich wohlfühlt und nicht das Gefühl hat, ein Tributsänger zu sein, sehe ich das anders. Er singt die Songs und fühlt sich mit ihnen verbunden. Und es ist nicht so, dass wir sagen: ‚Das ist Chesters Ersatz.‘ Wenn wir weitermachen wollen, brauchen wir einen Sänger – und Cris ist großartig. Wir sind dabei, neue Songs zu schreiben und werden hoffentlich Ende Dezember, Anfang Januar ins Studio gehen.

MH: Angst vor Vergleichen?

SD: Ich fürchte, sie werden kommen, aber das fände ich nicht richtig. Chester kommt nicht zurück, also geben wir einfach unser Bestes mit dem, was wir sind. Wir versuchen nicht, das, was wir jetzt schreiben, mit dem zu vergleichen, was wir geschrieben haben. Es gibt Bands, die nach dem Tod ihrer Sänger weiterleben. Wir werden einfach eine neue Version von uns selbst sein.

MH: Also sind die kommenden Grey Daze-Konzerte auch so etwas wie ein Aufbruch in die Zukunft?

SD: Absolut. Wir werden auf der Cruise auch zum ersten Mal neue Songs spielen.

MH: Dass du jetzt auf der Tattoo Cruise spielen wirst, passt perfekt zu deinem Leben und auch zur Freundschaft mit Chester: Musik und Tattoo-Kunst, zwei Dinge, die dein Leben und auch eure Freundschaft maßgeblich beeinflusst haben. Schon fast ein kitschiger Zufall.

SD: (lacht) Irgendwie schon, ja. Ich bin in diesen Lifestyle rund um Musik, Piercings und Tattoos sowie in diese Branche vor vielen Jahren eingetaucht, und sie lässt mich nicht los. Mit Tätowierern wie Randy Engelhard, Mario Barth und Bob Tyrrell werden einige meiner Freunde mit an Bord sein und dort tätowieren – die beiden Letztgenannten werden wahrscheinlich auch zu uns auf die Bühne kommen.

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