Nach drei Studioalben, die eher Achtungserfolge waren, und dem Live-Durchbruch ALIVE! (1975), der immerhin Goldstatus erreichte, standen Kiss an einer Kreuzung: weiter rumpeln oder endlich groß denken. Sie entschieden sich für Letzteres – und holten sich dafür einen Drill Sergeant ins Studio, um ihr viertes Studioalbum DESTROYER aufzunehmen.
Bob Ezrin: Der Mann mit der Trillerpfeife
Produzent Bob Ezrin, zuvor schon für Alice Cooper verantwortlich, hörte sich die 15 Songs des Kiss-Demos an und fand sie… sagen wir: ausbaufähig. Nur ‘Detroit Rock City’ und ‘God Of Thunder’ hatten für ihn echtes Potenzial. Der Rest wurde zerlegt, umgebaut oder später für andere Projekte recycelt. Aus ‘Mad Dog’ wanderten Textfragmente in ‘Sweet Pain’, ein Riff landete in ‘Flaming Youth’, und manche Ideen tauchten erst 2021 auf der Jubiläumsedition von DESTROYER wieder auf.
Ezrin führte im Studio ein Regiment, das eher an ein Bootcamp erinnerte. Mit Trillerpfeife, strengen Ansagen und einer ordentlichen Portion Musiktheorienachhilfe brachte er die Band auf Linie. Paul Stanley erinnert sich in der Kiss-Biografie ‘Behind The Mask’: „Es war wie ein musikalisches Trainingslager. Hinterher waren wir aber deutlich schlauer.“
Bombast statt Brachialität
Ezrin brachte nicht nur Disziplin, sondern auch neue Klangwelten: Sound-Effekte, Streicher, Kinderstimmen – all das, was Kiss zuvor völlig unbekannt war. Besonders ‘Detroit Rock City’, die tragische Geschichte eines Fans, der auf dem Weg zum Konzert stirbt, wurde durch Ezrins Inszenierung zum Mini-Epos.
Auch Gäste fanden erstmals ihren Weg auf ein Kiss-Album: Dick Wagner (Alice Cooper Band) spielte in ‘Sweet Pain’ und übernahm die akustische Gitarre in ‘Beth’. Das wird zwar auf dem Album nicht erwähnt, findet sich jedoch auch in ‘Behind The Mask’.
Kritik, Charts und ein unerwarteter Hit
Zeitgenossen waren gespalten: Die einen liebten den neuen Bombast, die anderen vermissten den rohen Charme der frühen Kiss. Doch die Zahlen sprachen eine deutliche Sprache: DESTROYER wurde das dritte Kiss-Album in Folge, das die US-Charts knackte – und das erste, das auch in Deutschland landete, auf Platz 36. Noch im selben Jahr erreichte es Platin, später sogar Doppelplatin in den USA.
Ironischerweise war es nicht der geplante Hit, der Kiss endgültig durch die Decke schießen ließ. Die B-Seite von ‘Detroit Rock City’, die Ballade ‘Beth’, wurde schnell zum Publikumsfavoriten und schließlich zur eigenen Single ausgekoppelt. Diese Entscheidung bescherte Kiss ihren ersten US-Top-10-Hit.
DESTROYER über den Ozean – und wieder zurück
Mit diesem Erfolg im Rücken wagten Kiss erstmals den Sprung nach Europa. Diese Tournee legte den Grundstein für ihre internationale Fanbase – und den Mythos „Kiss“, der bis heute, weit nach ihrer Abschlusstournee, anhält.
Zum 35. Jubiläum erschien DESTROYER: RESURRECTED, erneut unter Ezrins Fittichen. Basierend auf den Original-Masterbändern, mit zusätzlichen Stimmen und dem ursprünglichen Cover-Entwurf von Ken Kelly, schaffte es die Neuauflage 2012 sogar auf Platz 16 der deutschen Charts.
Das Vermächtnis
DESTROYER war nicht einfach nur das vierte Album einer Band, die sich gerade erst selbst erfand. Es war ein Wendepunkt. Ein Statement. Ein musikalischer Faustschlag mit Theatralik, Pathos und einer Prise Größenwahn.
50 Jahre später steht fest: Ohne Ezrins Drill, ohne die Experimente, ohne die Kritik – und ohne ‘Beth’ – wären Kiss vielleicht nie über die Rolle der maskierten Chaostruppe hinausgekommen.
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