Wenn man heute CONTRADICTIONS COLLAPSE hört, muss man als Meshuggah-Kenner unweigerlich schmunzeln. Nicht, weil es schwach wäre – eher ganz im Gegenteil. Man freut sich, weil man hier eine Band hört, die gerade erst beginnt, sich selbst zu entdecken. Meshuggah stehen 1991 noch mit einem Bein im Thrash der Achtziger, mit dem anderen aber schon im Abgrund einer Zukunft, die sie selbst erst noch definieren werden.
Von Metallien zu Meshuggah: die verschlungene Vorgeschichte
Bevor Meshuggah überhaupt Meshuggah waren, gab es Metallien. Eine Band, die Fredrik Thordendal 1985 gründete und bei der schon aufgrund des Namens seine Beziehung zu Metallica sichtbar wurde. Viel mehr als ein paar Demos sprang dabei nicht heraus, aber der Keim war gelegt.
1987 gründete Jens Kidman dann im schwedischen Umeå eine neue Band: Meshuggah. Nach einigen Demos verließ er das Projekt jedoch wieder und startete Calipash – gemeinsam mit Thordendal, Peter Nordin und Niklas Lundgren. Weil man gute Ideen nicht wegwirft, wurde der alte Name kurzerhand reaktiviert. Das Meshuggah, das wir heute kennen, war geboren.
Das erste Cover: Voll Käse
Bevor CONTRADICTIONS COLLAPSE erschien, gab es bereits 1989 eine EP: MESHUGGAH beziehungsweise inoffiziell PSYKISK TESTBILD. Nur 1.000 Exemplare sind von der Platte mit dem wohl einzigartigen Cover verkauft worden. Die Band konnte sich augenscheinlich nicht entscheiden, ob sie gruselig oder glücklich schauen wollte. Schwer zu sagen, wenn das Gesicht mit Käse bedeckt ist. Wer sich selbst ein Bild machen möchte, kann das hier tun.
Dazu existierte eine Promotion-Kassette namens ALL THIS BECAUSE OF GREED, mit zwei Liedern: ‘Qualms Of Reality’ und ‘We’ll Never See The Day’. Der Arbeitstitel des Debütstudioalbums lautete entsprechend (ALL THIS BECAUSE OF) GREED.
01.05.1991 – Nuclear Blast veröffentlichen ein Debüt, das lauter ist als seine Zeit
Als CONTRADICTIONS COLLAPSE am 1. Mai 1991 über Nuclear Blast erschien, war die Band ein Quintett – und gerade erst hatte Schlagzeuger Tomas Haake angeheuert. Heute gilt er als einer der prägendsten Drummer des Extreme Metal, doch hier hört man ihn noch auf dem Weg nach oben: roh, wild, ungestüm.
Musikalisch stecken Meshuggah 1991 noch in den Baby-Schuhen. Das hört man allerdings weniger an der Energie als an den Einflüssen. Statt der späteren polyrhythmischen Abrissbirnen dominiert ein Klang, der irgendwo zwischen Achtziger-Metallica, Speed Metal‑Eruptionen und kantigem Thrash pendelt. Die Lieder sind vor allem eines: laut und abenteuerlich. Man spürt, wie die Band Grenzen austestet, ohne zu wissen, dass sie diese Grenzen später komplett sprengen wird.
Kidman an der Gitarre, Thordendal am Mikro – ein einmaliges Line-up
CONTRADICTIONS COLLAPSE ist das einzige Album, auf dem Fredrik Thordendal bei einigen Stücken den Lead-Gesang übernahm – darunter ‘Erroneous Manipulation’ und ‘Qualms Of Reality’. Heute kennt man ihn als Gitarrenvisionär, doch damals war die Rollenverteilung noch nicht in Stein gemeißelt.
Apropos ‘Erroneous Manipulation’: Die ursprünglichen Lyrics stammen aus Thordendals Schulzeit. Sie waren in so gebrochenem Englisch verfasst, dass er sie nach der Aufnahme aus Scham wegwarf. Die Band hat sie seitdem vergessen – weshalb praktisch jede Textversion im Netz reine Spekulation ist.
Warum CONTRADICTIONS COLLAPSE heute noch fasziniert
Dieses Debüt ist kein technisches Manifest und kein futuristisches Monster. Es ist der Moment, in dem eine Band mit enormem Potenzial noch nach Orientierung sucht – und gerade dadurch so spannend klingt. Man hört die Wurzeln, die späteren Auswüchse, die ersten rhythmischen Verrenkungen, aber auch die jugendliche Lust am Lärm. CONTRADICTIONS COLLAPSE ist der Klang einer Band, die noch nicht weiß, dass sie Geschichte schreiben wird. Genau deshalb lohnt es sich, dieses Album heute wieder auszugraben: Es ist laut, roh und voller Widersprüche. Genau, wie der Titel verspricht.
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